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Mythos Vermeer | Die Camera Obscura

camera obscura Der Soldat und das lachende Mädchen Jan Vermeer, 1658 Öl auf Leinwand 49,2 × 44,4 cm

Möglichkeiten der Technik für die Kunst

Bei meiner Recherche über die Möglichkeiten modernster Computertechnik für die Kunst und neuer Technologien wie dem 3D Druck bin ich wieder über das Thema „Camera Obscura“ gestolpert. Es gibt relevante Hinweise dafür, dass Künstler bereits Jahrhunderte vorher schon Hilfsmittel nutzten, um Ihre Gemälde, Ihre Kunstwerke wirklich einzig“artig“ erscheinen zu lassen. Wenn wir also heute, in unserer schnelllebigen Zeit, Künstlern vorwerfen, sich diverser Hilfsmittel wie Photobearbeitungsprogrammen oder Beamern zu bedienen, so muss man anmerken: Das haben eben auch früher schon Künstler so gemacht. Logischerweise mit den damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten. So erfreut sich der Mythos um den Maler Jan Vermeer van Delft bis in die heutige Zeit ungebrochener Beliebtheit.

Zu diesen der Kunst dienlichen Stützen gehört zweifelsohne die Camera Obscura. Um die Benutzung dieses Vorläufers moderner Fotoapparate ranken sich speziell im Bereich der Kunst zahlreiche Legenden und Mythen. Gehörte Vermeer auch zu den Nutzern der Camera Obscura? Kann es sein, dass deshalb seine Interieurs so extrem detailgetreu wirken und andererseits seine dargestellten Figuren oftmals perspektivisch fehlerhaft? Wer war dieser Maler wirklich? Was trieb ihn an und warum hütete er sein Geheimnis? Am unten eingefügten Bildbeispiel, dem Vermeer Gemälde „Der Soldat und das lachende Mädchen“ ein rezensions-figunetischer Deutungsversuch.

Der Zeitraum Mitte 1860

Jan Vermeer wurde im Jahre 1632 in Delft, Niederlande, geboren. Er gilt bis heute als einer der berühmtesten niederländischen Maler des Barock (Goldenes Zeitalter) obwohl er zu Lebzeiten kaum rezipiert wurde. Dieser Umstand mag auch an seinem extrem kleinen Gesamtwerk von bis heute nur 37 eindeutig Vermeer zugeordneten Gemälden liegen.  Übrigens sind Zeichnungen gar nicht vorhanden. Nach seinem Tode geriet er etwas in Vergessenheit, wurde dann aber ab Mitte 1860 wiederentdeckt, breiter rezipiert und auch seine Gemälde fanden, anders als zu seinen Lebzeiten, nun fulminant Einzug in die Auktionshäuser.

Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge Jan Vermeer, 1665 Öl auf Leinwand 45 × 40 cm Bildquelle: wiki-pd
Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge
Jan Vermeer, 1665
Öl auf Leinwand
45 × 40 cm
Bildquelle: wiki-pd

Neben der häufig in den Raum geworfenen Frage, wer denn nun, so der Originaltitel bzw. dessen deutsche Übersetzung, „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ in Wirklichkeit* war wurde dem Maler auch immer wieder die Verwendung einer Camera Obscura angedichtet.

*(Die Frage wurde populär aufgegriffen im Roman von Tracy Chevalier aus dem Jahr 1999 und im gleichnamigen Film von Peter Webber aus dem Jahre 2003) 

Detailtreue: künstlerisches Stilmittel oder der Beweis für ein Hilfsmittel?

Noch lange bevor die Fotografie alltagstauglich wurde und den Menschen Fotos somit optisch vertraut waren, bemerkte der amerikanische Lithograph und Radierer Joseph Pennell die augenscheinliche Disharmonie im Größenverhältnis der beiden dargestellten Personen in Vermeers Gemälde „Der Soldat und das lachende Mädchen“. Aber, und jetzt wird es nochmals wirklich interessant, die vermeintliche Diskrepanz ist in der Tat nur eine vermeintliche.

Folglich, wenn es sich bei dem berühmten Gemälde um eine Fotografie handeln würde, so wäre das Gemälde komplett stimmig. Dazu brauchen wir uns nur einmal aktuelle Fotos mit Menschen, zum Beispiel Selfies oder Gruppenfotos anzuschauen. Die extreme und oft nahezu unwirklich erscheinende Größe der im Vordergrund sich befindlichen Personen ist aufgrund der perspektivischen Verkürzung logisch und somit normal. Insofern lügt die Linse nicht.

Zur Zeit Vermeers gab es jedoch noch keine Vertrautheit mit Fotos, denn es gab keine Fotokamera im heutigen Sinne. Wohl aber gab es die Camera Obscura und zwar war deren Prinzip und Aufbau bereits Aristoteles (384–322 v. Chr.) bekannt. So baute Roger Bacon. (1214–1292 oder 1294)  erste Apparate in Form einer Camera obscura für Sonnenbeobachtungen. Ebenso befassten sich Leonardo da Vinci und Johannes Kepler mit dem Prinzip der Camera Obscura. Im Mittelalter dann konstruierte Johann Zahn ein transportables Gerät. Das war im Jahr 1686 und damit  etwas später als in der Entstehungszeit der Gemälde Vermeers, was den Mythos um die Benutzung unnütz verstärkt.

Der Mythos Vermeer lebt: Perspektivisch anders und auffällig

Es ist jedoch anzunehmen, dass Vermeer eine Camera Obscura benutzt hat, denn ab dem Beginn des Mittelalters war man in der Lage Linsen zu schleifen und damit das bisherige Loch in der Camera Obscura zu ersetzen. Doch zurück zur eigentlichen Frage, die da lautet, warum es Joseph Pennell überhaupt auffiel, dass Vermeer perspektivisch so anders malte als nahezu alle seine künstlerischen Zeitgenossen.

Einfach erklärt und kein Mythos: Da es seinerzeit noch keine Photographie gab, malten die Maler hauptsächlich nach Modell, sprich, es saßen die dargestellten Personen, wenn auch nicht unbedingt selbst, so doch beispielhaft in Form von Statisten (siehe dazu z.B. die Arbeitsweise Carravagios o.ä.) real Modell. Dabei waren ebensolche Perspektiven erkennbar. Diese versuchte der jeweilige Maler jedoch rein intuitiv mit seinem „Wissen“ auszugleichen. Er malte somit weniger etwas was er tatsächlich sah, sondern vielmehr das, was er wusste oder zu wissen glaubte. Dies beruhte auf der Tatsache, dass wir heute – im Gegensatz zu den Menschen zu Zeiten Vermeers – wesentlich vertrauter mit jeglicher Art von Vordergrundobjekten sind. Damals undenkbar.

Wenn nun also Vermeer, wie im Bild unten, seinen Offizier fast doppelt so groß wie das lachende Mädchen malte, so liegt es nahe, dass er es durch eine Art Camera Obscura so sah und sich auf das Gesehene verließ. Dies macht auch gleichzeitig seinen unverwechselbaren Stil aus. Er, der Meister des Lichtes, auch der Maler  der Stille genannt, um ihn ranken sich Legenden. Die Meinung der Kunstgeschichtskenner geht weit auseinander, was die Benutzung der Camera seitens Vermeer anbelangt. Es gibt tendenziell aktuell eine etwas größere Anzahl an Experten, die den Mythos Vermeer um die Camera bekräftigen.

Pro und Contra bis hin zu ausgefeilten Untersuchungsmethoden

Manche von Ihnen, so der niederländische Gelehrte PTA Swillens , er sich intensiv mit Veermers Malstil beschäftigte, waren nicht der Meinung, dass der Maler es nötig hatte, ein solches Hilfsmittel zu nutzen. Andere wiederum gingen mit fast kriminalistischem Spürsinn und Methodik der Frage nach der Benutzung nach. Dazu baute beispielsweise Daniel A. Fink im Jahre 1971 extra eine solche Kamera exakt nach und stellte diese in einen Raum mit Nordlicht. Dieses wurde von den damaligen Malern bevorzugt. Fink untersuchte mit dieser Camera Obscura ähnliche Gegenstände wie jene in Vermeers Bildern in einem ähnlichen Raum mit ähnlichen Verhältnissen und er kam zu einem Ergebnis, welches die These der Pro-Camera-Obscura Benutzung stärkt. Alle Einzelheiten zum Abschluss seiner Untersuchung sind hier zu finden: „Vermeer’s Use of the Camera Obscura – a Comparative Study“

Bis heute sind sich Experten uneinig darüber, ob Vermeer eine solche Camera Obscura benutzte. In 13 seiner Gemälde wurden kleine Einstiche gefunden. Diese deuten darauf hin, dass der Maler, um die Perspektive im Bild umzusetzen, sich bekannter und unspektakulärer Hilfen bedient haben könnte, vielleicht ähnlich jenen, die Martin Missfeldt in seinem Blog am Beispiel „Der Zeichner der Laute“ von Albrecht Dürer beschreibt. Möglich auch, dass Vermeer beides nutzte, um die faszinierenden Interieurs zu erschaffen, die bis in die heutige Zeit Menschen so begeistern, dass Ausstellungen des Malers schon Wochen vorher komplett ausverkauft sind.

Bei allem Mythos: Lassen wir doch Vermeers Bilder und deren Entstehungsmythos auf uns wirken – mögen sich die Experten auch weiterhin nicht einig sein 🙂

mythos vermeer camera obscura Der Soldat und das lachende Mädchen Jan Vermeer, 1658 Öl auf Leinwand 49,2 × 44,4 cm
Der Soldat und das lachende Mädchen
Jan Vermeer, 1658
Öl auf Leinwand
49,2 × 44,4 cm (Bildquelle: wiki-pd)

 

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Gemäldegalerie Dresden | Eindrücke Februar 2015

Die Kunststadt Dresden als Hüter des Schatzes

Die Gemäldegalerie Dresden ! Ein Februar Resümee. Es ist, denke ich, nicht zu polemisch wenn ich als Betrachter mal ganz einfach und schlicht sage: Ja, ich bin beeindruckt! Ja ich bin es immer wieder auf´s Neue ! Und: Ja, ich bin immer wieder hin und weg von Dresdens Glanz und Dresdens Gloria ! Und dann die Alten Meister !!  WOW!!!  Und nicht nur die ! Klar ist: vertraut erscheinen die Bilder uns, dem interessierten Rezipienten, von so vielen Reproduktionen auf Karten, Postern und dem www. ABER erst so richtig nah, so ganz ins Innere gehen Selbige dann im direkten Vis á Vis.

Die Gemäldegalerie Dresden  im Zwinger – gigantische Schätze aus der Vergangenheit

Man sagt sich beim Hineingehen. „Jetzt bloß nicht überschwenglich werden“, jedoch schon nach den ersten Metern in der Gemäldegalerie Dresden wird klar, dass es das Größte ist, den Werken von Rembrandt (immer wieder seine Saskia – wie könnte es auch anders sein :)), der „Briefleserin am Fenster“  von Vermeer (1659) oder Raffaels „Sixtinischer Madonna“ so nah gegenüber zu stehen.

Brueghel, Canaletto, Cranach, Dürer, El Greco, Holbein, Raffael, Rembrandt, Tizian, Velásquez, Vermeer und die anderen

In Ehrfurcht erstarrt man, ob man will oder nicht – nicht zuletzt angesichts der gewaltigen Kunstsammlung überhaupt, die sich da auftut, die einen überwältigt und berauscht. In Anbetracht der gesamten Fülle des Dresdner Kunstschatzes, die sich in der Gemäldegalerie dem feinsinnigen Kunstbetrachter und etablierten Kunstkenner gleichermaßen offenbart wie dem Laien und dem  offenen kulturinteressierten Bürger aus nah und fern ist man fast so richtig versöhnlich gestimmt und einig mit sich und seiner Kunstwelt.

Neues und Vertrautes

Das „Porträt von Gaspar de Guzman“ des genialen Spaniers Diego Velásquez hängt in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Selbstbildnis Rembramdts. Was will man eigentlich mehr??? Das ist das Vertraute und es gibt auch so richtige Entdeckungen, dies sind vor allem Bildwerke, an welchen man vielleicht schon zig mal vorbei lief, die aber dann umso mehr auffallen, wenn der Blick in Ruhe darauf liegt.

Hans Holbein und Willem Claesz Heda

Neben den beeindruckenden und auch intensiven Porträts von Hans Holbein – hier zu nennen wäre besonders das “ Doppelportrait von Sir Thomas Godsalve und seinem Sohn John“ aus dem Jahre 1528, findet der wissensdurstige Kunstfreak auch so richtige Besonderheiten wie das eigenartige Stilleben „Ein Frühstück mit einer Brombeerpastete“ des recht wenig rezipierten niederländischen Malers Willem Claesz Heda von 1631. da fehlen eigentlich nur noch da Vinci, Caravaggio, Frans Hals, Goya und van Gogh 🙂

Scherz beiseite – Schaut´s euch einfach selbst an. Die Gemäldegalerie und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden freuen sich auf ihre Besucher aus nah und FERN!
gemäldegalerie dresden
„Die Sixtinische Madonna“ von Raffaelo Santi (1513-1514) Bildquelle – wiki pd

 

 

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Sie bringen es selbst nicht und beurteilen Andere !

Arnold-Houbraken-Pallas-besucht-Apollo-auf-dem-Parnassus

Als ich das erste Mal über Arnold Houbraken las, geschah dies im Zusammenhang mit einer Recherche zu Pieter de Hooch, einem Maler des niederländischen Barock, der von Houbraken nicht in sein „De groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen “ aufgenommen wurde. Damit „erlitt“ de Hooch dasselbe Schicksal wie Jan Vermeer van Delft, welchen Houbraken ebenso nicht in diese Enzyklopädie der besten Künstler des 17. Jahrhunderts aufnahm. Fatal, wie ich meine. Ebenso wie es den damaligen Malern erging, welche von Enzyklopädie schreibenden Zeitgenossen wenig bis gar nicht beachtet wurden, ebenso ergeht es heutzutage vielen Künstlern, die von so genannten institutionellen Einrichtungen nicht oder nur wenig beachtet werden. Die Frage ist jedoch,  ob und warum eine solche Anerkenntnis überhaupt von Belang ist. Beide Maler, de Hooch und Vermeer wurden berühmt durch ihre Gemälde und ihre Verkaufserfolge. Über Houbraken liest man, dass er trotz seiner Kenntnisse über Perspektive, Geschichte und Architektur dennoch kein hervorragender Künstler war. Sieht man sich einmal das folgende Bild an, nun ja…möge jeder selbst urteilen…

Arnold-Houbraken-Pallas-besucht-Apollo-auf-dem-Parnassus
Arnold Houbraken „Pallas besucht Apollo auf dem Parnassus“ um 1703, wiki-pd

Offenbar lag es ihm eher, die Fähigkeiten seiner Kollegen zu beurteilen und in einer Liste die – seiner Meinung nach – besten Künstler des 17 .Jahrhunderts zusammenzutragen. Ein so recht typisches Beispiel für alle, die jurieren, ob nun in der einen oder anderen Form.  Damals wie heute hat sich nicht viel geändert. Schaut man sich einmal ein Bild Houbrakens genauer an, zum Beispiel das „Große Stillleben mit Früchten und Federvieh“, so wird es einem nicht besser. Auch wenn die Einzeldetails mit peinlicher Genauigkeit ausgearbeitet wurden, so fehlt dem Werk doch der Charme eines wirklich gelungenen Gemäldes – zumindest meiner Meinung nach. Auch wirkt die Kompo etwas zu wirr, ganz anders als de Hoochs oder Vermeers Interieurs, welche Grundstimmungen wie Ruhe und Gelassenheit vermitteln. Ebenso wie Vermeer zeigt de Hooch das Leben in vornehmen Bürgerhäusern. Er beschreibt ruhige Beschäftigungen und dies mit Meisterschaft.

Arnold Houbraken avancierte mit seinem Lexikon über die niederländische Malerei zwar schon recht bald zu einem Kenner der Kunst und der Künste, dennoch kann er nicht mit eigenen Arbeiten überzeugen. Nun könnte mancher meinen, dass niemand Künstler sein muss um Kunst zu beurteilen, jedoch betrachtete sich Houbraken durchaus als Künstler und das ist der Unterschied. Es wäre, hätten sich Houbraken und de Hooch gekannt, schwer für einen Maler wie de Hooch gewesen, der sein Handwerk verstand, sich von einem Kollegen beurteilen lassen zu müssen der es nicht wirklich brachte. Viel schwerer wiegt solch ein Urteil eines Kollegen als das eines Betrachters, der Laie ist. Das angehängte Bild de Hoochs zeigt wie fein dieser mit Farben umging, wie geschickt er das Licht einfängt, welches sich spiegelt im Gesicht und in den Armen und auch in den Kleidern der Frau.

Pieter-de-Hooch-Die-Goldwaegerin
Pieter de Hooch „Die Goldwägerin“ um 1664, (wiki-pd)

Was lehrt nun diese Betrachtung und Feststellung? Vielleicht jene, dass der eigene Weg als Künstler allein gegangen werden muss. Keine Jury und keine Lexika sind der absolute oder gar endgültige Beweis für Wichtigkeit, Vermögen oder Unvermögen.