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Der Aspekt Zeit in der Kunst

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Zeit als Faktor in der Kunstbetrachtung

Die Zeit als wichtiger Aspekt. Verdammte Hektik, Unruhe, Kürze des Erlebens ! Das vermiest einem ja das komplette Dasein dann auch irgendwie. Durchgeplant, gestylt ist es und immer in übereifriger Bewegung.  Da wird dann heute schon überlegt was nächstes Jahr so alles sein könnte usw. – und das Merkwürdigste ist: Obwohl die Menschen immer mehr Kommunikationsmittel haben um sich schnell und noch schneller zu verständigen oder zu verabreden, so bleibt für Wesentliches umso weniger Zeit. Wesentliche Dinge  – dazu zählt eben auch und gerade und gerade nun erst recht…die….ja…

…die Kunst…

—und vor allem auch die Bildende Kunst braucht besonders viel Aufmerksamkeit, denn sie kann nicht laut tönen über mehrere Straßen oder Plätze, sie schallt nicht durch Säle oder Hallen. Sie benötigt Nähe und gleichzeitig Distanz. Wie ist dieser Ausnahmezustand der Kunstbetrachtung denn nun zu erreichen als Betrachter? Eine Gedankenspiel: Wer durch eine Ausstellung geht, oder sich durch die unzähligen virtuellen Galerien klickt…wer sich Bauwerke ansieht, alte und neue, wer interessiert schaut, der bemerkt, dass bei einem längeren Hinsehen, beim damit verbundenen intensiveren Blick, sich die Betrachtungswinkel weiten. Bestes jüngstes Beispiel: Die Ostrale Dresden mit ihren bemerkenswerten diesjährigen Exponaten junger internationaler Kunst. Hier wird…

…ein zweiter, ein dritter Blick nötig…

…um den Kopf zu sehen, aus dem die Pilze wachsen. Auf den ersten Blick ein romantisches Stillleben, auf den zweiten schon ein doch recht merkwürdiges Gebilde aus welchem diese Pilze wachsen, auf den dritten Blick dann der Kopf, mit etwas Haut noch daran. Oder die alte Frau in ihrem letzten Lebensjahr, welches gefilmt und gerafft in 114 Minuten den Betrachter hineinzieht in das was auf viele zukommen wird im Alter, im Kampf (ist es ein Kampf?) mit und gegen das Alter, im Ringen um einen Mittelweg, ein Verständnis, eine Aussöhnung mit dem Leben und dem Nicht-Erlebten, dem Gewünschten, dem Erfüllten und eben dem Nicht-Erfüllten, für das es dann zu spät ist. Da sind 114 Minuten wenig und viel Zeit zugleich. Dazu noch möchte man als Betrachter sie gern etwas mehr zudecken oder mit menschlicher Körperwärme direkt erwärmen, diese sterbende Frau, denn sie friert…sie friert..sie friert genau so…

…wie auch die Kunst erfriert…erfrieren wird unweigerlich…

…wenn wir sie als Betrachter nicht mit der nötigen Würde und vor allem mit der nötigen Zeit und Ruhe betrachten, wenn wir uns ihr nicht anvertrauen, ihr uns nicht hingeben mit dem was uns teuer oder am teuersten ist, nämlich mit unserer teuren, wertvollen Zeit. Und mal so….

…ganz von unten betrachtet….

…sieht auch ein ganz normales Zimmer ganz ungewohnt aus. Da waren diese extrem großformatigen Fotos der von unten fotografierten Zimmer. Diese Froschperspektive lässt einem Zeit sich den ansonsten alltäglichen Dingen ungestört zu nähern. Und da waren noch die Videoanimationen dreier Portraits, welche den Betrachter ansehen, dann wieder nach unten schauen, ihn dann wieder direkt anschauen usw..der Prozess setzt sich fort, wiederholt sich…alles ist ruhig, kein Geräusch…doch da liegen Kopfhörer..und

…welch Überraschung..

….wenn man diese Kopfhörer aufsetzt und dann die erneut Portraits ansieht, so hört man Stiftgeräusche, die über Papier kratzen – die Portraits wiederum portraitieren also den Betrachter…eine grandiose Interaktion mit dem Rezipienten!

Und (ich weiß, dass man Sätze nicht mit Und..beginnt! – dennoch…) fast wäre ich daran vorbei gelaufen, doch im letzten Moment habe ich mir dafür noch einen kleinen Teil meiner wertvollen Zeit genommen 🙂

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..Zeit für ein Foto