Geschrieben am

Im Interview: Jördis Lehmann

jördis-lehmann

Der Interviewer: Deine Figuren, die du kreierst sind ja so richtig beeindruckend, sehr lebendig, zum Teil auch riesengroß. Wie lange brauchst du in der Regel für so eine Arbeit, für solch eine lebensgroße Plastik?

Jördis Lehmann: Dankeschön. Dafür gibt es keine Regel, das ist ja das Schöne. Meist brauche ich länger als gedacht. Zwischen ein paar Tagen und mehreren Monaten ist alles möglich, je nach Aufwand.

Der Interviewer: Du hast an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert. Wer waren deine Professoren? Welche Dinge, die dort vermittelt wurden, kannst du jetzt besonders in deine Arbeit implantieren?

Jördis Lehmann: Ich habe bei Professor Ulrich Eißner studiert. Der Studiengang heißt Theaterplastik. Im Studium und in den studienbezogenen Praktika kann man eigentlich nahezu alles lernen, was mit Handwerk und Gestaltung zusammenhängt. Ich kann malern, tapezieren, Fliesen legen und verfugen. Ich habe viel Erfahrung mit Ton, Gips und Holz, und auch mit Stein habe ich schon gearbeitet.  Meine Lieblingsmaterialien für Plastiken sind aber Styropor und Peddigrohr. Ich hatte Schriftunterricht, habe mehrere Drucktechniken ausprobiert und Wachs, Gelatine, Silikon, Bronze, Zinn und Blei gegossen. Ich beherrsche mehrere Maltechniken, und besonders gern male ich mit Ölfarben. Abgerundet wurde das Ganze durch Anatomie, Architektur, Literatur und Philosophie. Weil das Studium sehr praxisbezogen war, kann ich beinahe alles dort Gelernte auch anwenden, und ich lerne ständig dazu. Das macht meinen Beruf so abwechslungsreich und interessant.

Der Interviewer: Du schreibst auf deiner Homepage „werk2“ dass du Diplomdesignerin bist. Deine Arbeiten sind sehr speziell und tragen eine ganz eigene Handschrift. Wo würdest du für dich den entscheidenden Unterschied oder auch die entscheidende Verbindung zwischen Kunst und Design ziehen?

Jördis Lehmann: Viele meiner Arbeiten beruhen auf Ideen oder Entwürfen anderer. Meine Aufgabe ist es, diese Ideen dreidimensional umzusetzen und sie, gemäß der Aufgabenstellung, zum Funktionieren zu bringen und ihnen möglichst viel Leben einzuhauchen.  Ich persönlich finde es schwer, eine Grenze zwischen Kunst und Design zu ziehen. Der Begriff Design hat für mich wenig mit mir und meiner Arbeit zu tun. Mein Abschluss heißt eben so. Ich sehe mich eher als Angewandter Künstler. Meine Objekte haben meist eine konkrete Aufgabe für eine konkrete Zeitspanne. Der freie Ausdruck muss manchmal komplett zurücktreten, wenn das gefordert ist. Manchmal kann ich mich aber auch austoben. Und eine eigene Handschrift hat eigentlich jeder…

Der Interviewer: Die Liste deiner Referenzen ist sehr lang. Da findet man die Staatsoperette Dresden und die Semperoper, das Theater Basel, die Landesbühnen Sachsen, die Oper Nürnberg, das sorbische Theater Bautzen und auch das Belantis, um nur einige wenige zu nennen. Dies ist ein Zeichen für den Erfolg deiner Arbeit und den Bestand deiner Ideen, die du einbringst. Wie empfindest du es, wenn du später an diese Orte kommst und deine Figuren dort wieder findest?

Jördis Lehmann: Es ist so, als träfe man alte Bekannte. Meist sind sie ein bisschen anders, als ich sie in Erinnerung hatte. Wenn man den Zeitdruck betrachtet, unter dem fast alle meine Arbeiten entstehen, und meinen Perfektionismus… Es fällt mir manchmal schwer, die nötigen Abstriche zu machen. Mit einer Woche mehr Zeit würde manches besser. Aber mit etwas Abstand gesehen bin ich dann doch sehr zufrieden mit all meinen Plastiken, Puppen, Kostümen und Bildern.

Der Interviewer: Du schaffst Figuren, die für Bühnen, Theater, Opernhäuser oder auch Freizeitparks benötigt werden. Sie sind im temporären oder im dauernden Einsatz, sozusagen aber immer mit dem Betrachter in einer Einheit. Wie befriedigend ist dieser Umstand für dich? Was geschieht mit den Plastiken, die nur einmalig benötigt werden?

Jördis Lehmann: Was die Rezeption anlangt: Die meisten meiner Arbeiten sind ziemlich auffällig, und die Reaktionen sind entsprechend. Ich finde das sehr schön. Dann habe ich gute Arbeit geleistet. Plastiken für Theater, Opern, Freizeitparks, Messen, Museen und Ausstellungen, die nicht mehr benötigt werden, werden entsorgt. Das weiß ich, und ich kann verstehen, dass das aus Platzgründen sein muss. Einiges verbleibt im Fundus und wird vielleicht irgendwann wiederverwendet. Im Gegensatz zu einigen anderen Theaterplastikern kann ich sehr gut mit dem Gedanken der Vergänglichkeit meiner Werke leben. Wenn ich an ihnen arbeite, fließt mein Herzblut mit ein. Wenn ich sie abgebe, gebe ich sie ab.

Der Interviewer: Gab es schon einmal Irritationen, also Momente in denen du den Eindruck hattest, dass deine Kreationen nicht genügend gewürdigt werden?

Jördis Lehmann: Ja. Es kam bis jetzt zweimal vor, dass Kunden sich geweigert haben, einen vierstelligen Betrag zu bezahlen, obwohl die Arbeit abgenommen und benutzt wurde. Vor Gericht bekam ich Recht. Ich habe auf diesem Weg viel über Verträge, Rechnungen und Selbstwert gelernt. Das hat uns im Studium leider niemand beigebracht. Ansonsten habe ich eine zufriedene Kundschaft und ich werde gern weiterempfohlen.

Der Interviewer: Die Tierplastik ist ein besonders intensiv betriebener Zweig innerhalb deiner künstlerischen Tätigkeit. Da fällt mir so ganz spontan der Löwenkadaver auf, der sehr naturgetreu nachgebildet wurde. Gibt es dazu eine einleitende Story? Wozu wurde er gebraucht?

Jördis Lehmann: Den Löwenkadaver haben größtenteils meine Kolleginnen Anna Leuthardt und Marlene Foltyn gebaut, ich habe die Farbfassung übernommen. Der Löwe entstand für das Theaterprojekt „Lebenszeichen“ in Rudolstadt mit einer Ausstattung von Klaus Noack. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde er auf eine lange Stahlstange gespießt.

Der Interviewer: Wenn du eine neue Tierplastik erschaffst, wie gehst du vor? Was kommt zuerst? Eine Skizze oder eine kleine Plastik? Wie muss man sich das genau vorstellen?

Jördis Lehmann: Zuerst unterhalte ich mich mit meinem Auftraggeber über seine Vorstellungen, Wünsche und die Aufgabenstellung an die Plastik. Wie realistisch soll sie sein? Soll sich etwas bewegen? Gibt es Einschränkungen bezüglich der Größe oder des Gewichts? Dabei entstehen dann meist Skizzen. Nach den Skizzen ferige ich dann einen 1:1-Zeichnung an, schlafe eine Nacht drüber und dann geht’s auch schon los. Ich plane eine Arbeit ziemlich genau vorher, kaufe Material und überlege mir die einzelnen Schritte. Bei der Arbeit selbst bin ich sehr spontan, meist geht es ohne große Vorbereitungen los.

Der Interviewer: Oft läuft es ja sicher nach Auftrag, das heißt, der Auftraggeber „bestellt“ eine Plastik. Welchen künstlerischen Spielraum gibt es? Wieviel „Seele“ von dir fließt mit ein in eine neu erschaffende Figur?

Jördis Lehmann: Richtig, meine Auftraggeber bestellen bei mir eine Plastik oder ein Bild. Und es ist ganz unterschiedlich, was sie sich  wünschen. Manche haben sehr konkrete Entwürfe, andere wollen zum Beispiel einfach ein Pferd, das mit den Augen klimpern und fressen kann. Da habe ich meist sehr viel Gestaltungsspielraum. Wenn es Entwürfe gibt, setze ich eine zweidimensionale Vorlage in die Dreidimensionalität um. Auch dabei habe ich künstlerischen Spielraum und kann mich austoben. Da ich meinen Beruf liebe, fließt immer „Seele“ mit in die Arbeiten ein. Das kann man sehen, oder?

Der Interviewer: wenn wir das nicht sehen könnten, hätten wir dich nicht um dieses Interview gebeten 🙂  Nächste Frage aber: Wo ist dein künstlerischer Ursprung? Was war der entscheidende Impuls für deinen weiteren künstlerischen Weg oder besser gefragt. „Wie fing alles an?“

Jördis Lehmann: Als ganz kleines Kind fand ich die Puppen in den Läden hässlich und unliebenswert. Ich wollte Schönere machen. Und das habe ich getan. Ich habe schon immer gern gemalt und gezeichnet und geknetet und gebastelt und getüftelt… und ich liebte und liebe das Theater. Aber auf der Bühne stehen wollte ich nicht. Theaterplastik ist also ein wundervoller Beruf für jemanden wie mich. Bis heute habe ich den Wunsch, den Leuten mit meinen Arbeiten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern…

Der Interviewer: Was reizt dich an Kunst im allgemeinen und was reizt dich an der figurativen naturgetreuen Nachbildung? Kannst du dir eine noch größere Abstraktion in deinen Sachen vorstellen? Der Wasserdrache für die „Zauberhafte Nacht der Nymphen“ ist ja da so ein Anfang. Kann der sich auch bewegen?

Jördis Lehmann: Der Wasserdrache kann sich übers Wasser bewegen und er leuchtet im Dunkeln. Ich habe allerdings schon einen  vollbeweglichen Drachen in der Größe (von der Nasen- bis zur Schwanzspitze etwas über acht Meter) gebaut. Der Abstraktionsgrad richtet sich im Allgemeinen nach den Wünschen meiner Kunden. Was meine freien Arbeiten anlangt, so arbeite ich realistisch mit kleinen Verfremdungen. Das liegt mir am meisten, und ich habe da noch genügend Entwicklungsmöglichkeiten. Ich mag es, wenn der Betrachter meiner Arbeiten auf den ersten Blick glaubt, er sähe ein echtes Tier, oder ein Foto bei meinen Bildern.  Ich glaube, realistische Kunst löst viel einfacher Erkennen oder Gefühle aus. Bei abstrakter Kunst gibt es die Schwierigkeit, dass sich der Betrachter für den Eindruck öffnen muss. Wenn einen richtige Augen anschauen… kann man nicht anders. Die Spiegelneuronen lösen eine Reaktion aus.

Der Interviewer: Gab es schon einmal ein besonders heiteres Ereignis in Bezug auf deine Figuren?

Jördis Lehmann: Es gab viele. Auch im Arbeitsumfeld. Es macht immer wieder Spaß. Einmal habe ich für die Ausmalung eines Billiardzimmers für die Wohnungsgenossenschaft Johannstadt meinen Vater als Modell für den Barkeeper verwendet, ohne dass er es wusste. Als ich fertig war, habe ich ihn unter einem Vorwand hingelockt, um ihm das Bild zu zeigen. Als er kam, hörte ich die Bauarbeiter im Gebäude lachen und tuscheln, sie haben sogar Getränkewünsche an ihn abgegeben (der Beweis, dass ich ihn lebensecht wiedergegeben habe). Insofern war mein Vater, als er den Raum betrat, schon leicht verstört. Als er sich dann gegenüberstand, ist er fast umgefallen. Er fand´s dann aber doch sehr schmeichelhaft, und den Raum überhaupt sehr schön.

Der Interviewer: Jördis, die Beweglichkeit ist ein weitere wichtiger Faktor in deiner Arbeit. Viele deiner Plastiken müssen sich einstellen, bewegen lassen. Wie geht’s du vor?

Jördis Lehmann: Erst einmal kläre ich im Gespräch mit meinem Auftraggeber, was die Plastik „können“ muss und welche Eigenschaften wichtig sind. Ein anderes Kriterium ist auch, wie und von wem sie bespielt wird, und wie lange. Eine große Rolle spielt natürlich auch die Preisvorstellung des Kunden. Auch den Zeitrahmen, der mir zur Verfügung steht, beziehe ich mit in die Überlegungen ein. Alles muss passen und aufeinander abgestimmt werden. Oft gibt es dann ohnehin nur noch ein, zwei Möglichkeiten für den Mechanismus. Dann wird gebastelt und probiert, bis das Ergebnis stimmt.

Der Interviewer: Was war zuerst da, das Interesse an Malerei oder an der plastischen Gestaltung.

Jördis Lehmann: Das kann ich nicht wirklich sagen. Ich habe beides schon immer leidenschaftlich gern gemacht…

Der Interviewer: Hast du Vorbilder? Wenn ja, welche?

Jördis Lehmann: Oh, ich habe viele. Und ständig ändert sich etwas daran. Ich gehe oft in Ausstellungen und halte auch sonst die Augen offen. Es gibt überall Anregungen und „Helden“ zu finden. Meine konstanten Vorbilder sind meine Eltern für mich.

Der Interviewer: Was bedeutet dir der Begriff Kunst?

Jördis Lehmann: Die Hammerfrage zum Schluss…Ich bin nicht sicher. Mein Kunstbegriff ändert sich ständig. Wenn man sagen muss: „Wenn man beim besten Willen nicht weiß, was es sonst sein soll, ist es Kunst“… ist es eigentlich keine Kunst. Oder? Schwierig. Kunst soll den Betrachter unterhalten, manchmal über bestimmte Sachverhalte aufklären, für einen Moment aus dem Alltagstrott holen, schön sein… Ich finde, wir sollten uns mehr mit schönen Dingen umgeben. Und doch soll Kunst nicht nur schön sein…Kann man überhaupt sagen, dass Kunst etwas SOLL?

Der Interviewer: Was macht für dich einen Künstler aus?

Jördis Lehmann: Oh, je. Darüber bin ich mir noch unsicherer als über den Kunstbegriff. Meist habe ich den Eindruck, dass Künstler immer ein wenig außerhalb der Gesellschaft stehen und darunter mehr oder weniger leiden. Sonst könnten sie keine Kunst machen. Weil man Dinge und Situationen nur von außen richtig sieht. Man kann sich anpassen… aber irgendwie… fällt man aus dem Rahmen. Unfreiwillig. Meistens. Tja. Und dann ist man entweder verrückt oder Künstler. Oder beides. Die Grenzen sind fließend.

Der Interviewer: Wo sind deine Arbeiten zu sehen?

Auf meiner Internetseite www.werk-2.biz . Meist steht dort auch, wo die einzelnen Arbeiten zu finden sind. Mehrheitlich verstauben sie im Fundus verschiedener Theater. Oder sie wurden schon geschreddert. Oder sie lächeln und winken in Form von Maskottchen in Freizeit- oder Einkaufsparks. Oder sie schauen im Speisesaal der Villa Ludwigshöhe auf die Besucher des Schlosses.

Der Interviewer: Was sind deine nächsten Pläne?

Jördis Lehmann: Urlaub. Ich mache Urlaub. Endlich, nach mindestens drei Jahren. Und zwischendurch werde ich malen, Stühle polstern, mein Atelier aufräumen…

Der Interviewer: Jördis, ganz vielen Dank für das anregende Interview!!

Jördis Lehmann: Gerne, danke für die Fragen.

ludwig_1_ton_362x460h (1)

.

Geschrieben am

Im Interview: Pavel Feinstein

6Der Interviewer:  Ein Ausspruch von dir ist in einem Begleitkatalog zu finden. Er lautet: „Meinen Eltern, die noch immer hoffen, dass aus mir was wird“. Neben einer gewissen Selbstironie lässt der Satz ja auch darauf schließen, dass du dich sehr frühzeitig schon, vielleicht schon in der Kindheit intensiv mit bildender Kunst auseinandergesetzt hast. Gab es ein entscheidendes Erlebnis, eine Erfahrung, die dich dazu inspiriert hat „Kunst zu schaffen“, wenn man es so formulieren darf?

Pavel Feinstein:  Nein, habe mich mit etwa 14 Jahren damit einfach „infiziert“

Der Interviewer: Welche Rolle spielte die Bildende Kunst in deinem Elternhaus?

Pavel Feinstein:  Eine große. Wir hatten eine sehr umfangreiche Kunstbibliothek, an allen Wänden Bilder und Zeichnungen von bester Qualität.

Der Interviewer:  Der Name Leonid Starkow wird sehr oft im Zusammenhang mit deiner frühzeitigen künstlerischen Ausbildung genannt. Was hat er dir Besonderes auf deinen Weg mitgegeben?

Pavel Feinstein: Das Verständnis, dass das Malen selbst auch seinen eigenen Preis darstellt – nicht der Ruhm oder der Erfolg etc.

Der Interviewer: Du bist in Moskau geboren und in der damaligen Sowjetunion aufgewachsen. In welcher Weise hat dich deine Zeit dort geprägt? Welche Wurzeln sind noch dort und wie wirken diese sich auf deine Kunst aus.

Pavel Feinstein: Ich habe dort keine Wurzeln mehr. Und eben auch keine Nachwirkungen.

Der Interviewer: Die Kunstfachschule Duschanbe war eine weitere Station. Warum lag diese Station gerade in Tadschikistan?

Pavel Feinstein: Ich bin dort aufgewachsen, denn meine Eltern übersiedelten dorthin 1965.

Der Interviewer: Im Alter von 20 Jahren bist du nach Deutschland übergesiedelt, um Kunst an der HdK Berlin zu studieren und bist dann dort zum Meisterschüler ernannt worden. Was waren die wesentlichen Eindrücke, die das Studium und insbesondere auch das Meisterschülerstudium in deiner Entwicklung hinterließen? Wer waren deine Professoren und was hast du von ihnen für dich entnommen.

Pavel Feinstein: Ich bin nach Deutschland übergesiedelt nicht um zu studieren, das ergab sich von selbst. Wir wollten um jeden Preis fort aus der UdSSR und das Schicksal hat uns nach Westberlin geführt. Eindrücke? Das Fehlen eines Studiums. Aber immerhin hatte ich die Möglichkeit mir selbst was beizubringen, ohne Diktat von Außen. Und natürlich die Möglichkeit die Werkstätten zu benutzen, von der ich leider viel weniger Gebrauch gemacht habe, als ich es hätte tun sollen.

Der Interviewer: Deine Arbeiten fallen auf. Dies liegt sicher zum einen an der Wahl der Motive, die – zumindest beim ersten Mal – den Betrachter gravierend irritieren. Es liegt aber auch am altmeisterlichen Stil der Arbeiten. Eine sehr gelungene Kombination und in dieser Form recht selten anzutreffen. Kannst du beschreiben, wie es zu dieser eigenwilligen Ausdrucksform kam, die befremdet und gleichzeitig magisch anzieht?

Pavel Feinstein: Nein, das kann ich nicht beschreiben, Bilder entstehen fast autonom.

Der Interviewer:  Stillleben spielen in deiner Arbeit schon länger eine tragende Rolle. Die Zusammenstellung von vertrauten, manchmal nicht ganz so vertrauten oder gar keineswegs Vertrauen erweckenden Gegenständen ist faszinierend. Entstehen diese Bilder ganz spontan oder sind sie irgendwie schon im Kopf für später gespeichert, also für den Zeitpunkt, wo sie dann einfach raus müssen?

Pavel Feinstein: Nichts ist gespeichert. In Wirklichkeit sind das alles übereinander geschichtete Improvisationen, jeweils abgewogen und für existenzberechtigt befunden.

Der Interviewer: Eine Frage zu den großformatigen Arbeiten. Gibt es dazu Entwürfe oder gehst du völlig frei an das jeweilige Motiv heran?

Pavel Feinstein: Ich gehe völlig frei ran.

Der Interviewer: Es tauchen oft Affen auf, die malen. Affen, insbesondere Menschenaffen sind in gewisser Weise Grenzwesen zwischen Mensch und Tier. Sie stehen symbolisch aber auch oft für das kindische Moment im Menschen, die Narrheiten und Spielereien. In manchen Kulturen sind Affen, vor allem die bekannten „drei Affen“ als Symbol für den Umgang mit allem Schlechten anzusehen. Was bedeuten Affen und die Darstellung der Affen für dich und deine Kunst? Welche Botschaft transportieren sie in deinen Bildern?

Pavel Feinstein: Affen, wie auch alles andere, haben keine aussermalerischen Bedeutungen.

Der Interviewer: Die Nähe zu Velásquez ist in manchen Bildern erkennbar. Was bedeutet dir dieser große spanische Barockmaler?

Pavel Feinstein: Für mich ist er der beste Maler aller Zeiten

Der Interviewer: Ein Bild aus dem Jahr 1994 zeigt einen mit einem spitzen Messer bewaffneten Rabbiner, der lediglich mit einem Tuch um seine Hüften bedeckt ist und von einer Ziege begleitet wird. Die Kopfbedeckung als Zeichen der Ehrfurcht vor Gott hat er aufbehalten. Dieses Bild lässt beim Betrachter, vor allem jenem Betrachter, der sich mit dem jüdischen Glauben nie besonders beschäftigt hat, sehr viele Schlüsse zu. Am auffälligsten ist, dass sich der mit einem sehr schmächtigen Körper ausgestattete Akteur des Bildes offenbar zu verteidigen weiß bzw. auch angreifen könnte und somit alles andere als eine Opferfigur ist. Wie bewusst hast du dieses Motiv gewählt?

Pavel Feinstein: ich habe gar nichts gewählt, dieses Bild ist genauso entstanden als auch die anderen  – eine Aufschichtung von Improvisationen. Es ist nicht auszuschließen, das es zuerst ein Stillleben werden sollte.

Der Interviewer: Könntest du dir innerhalb deines weiteren künstlerischen Entwicklungsweges vorstellen, aus der reinen Figuration auszubrechen und der Reduktion und Abstraktion die Türen zu öffnen, wenn auch nur einen Spalt breit?

Pavel Feinstein: Nein.

Der Interviewer: Du hast bereits an unzähligen Ausstellungen teilgenommen. Wie reagieren die Rezipienten im Allgemeinen auf deine Kunst? Gab es schon einmal ein besonders denkwürdiges oder auch ein besonders komisches Erlebnis?

Pavel Feinstein: Diese Frage kann man erst nach einer Flasche Wein beantworten. Ohne Wein fällt mit nichts ein.

Der Interviewer: Was bedeutet für dich der Begriff Kunst?

Pavel Feinstein: Schöpfung.

Der Interviewer: Was macht einen guten Künstler für dich aus?

Pavel Feinstein: Einen guten Maler machen seine Fähigkeiten und Maßgefühl aus, aber einen Künstler?… Kunst ist für mich eine metaphysische Angelegenheit, Begriffe wie „gut“ und „schlecht“ greifen hier nicht.

Der Interviewer: Welche nächsten Ausstellungen sind geplant?

Pavel Feinstein: Wir werden sehen…

Der Interviewer: Pavel, vielen Dank für dieses Interview!

Pavel Feinstein *N 1205* 2008 Öl/Leinwand,
Pavel Feinstein *N 1205* 2008
Öl/Leinwand,
Geschrieben am

Im Interview: Kommissar Hjuler

kommissar-hjuler-mama-bear

Der Interviewer: Asylum lunaticum, das Irrenhaus. Dieses ist mir zuerst aufgefallen. Ganz im Besonderen die in diesem Irrenhaus beheimateten Figuren, Figurenteile und Assemblagen. Eine große Fülle, eine Flut von Eindrücken, die dem Rezipienten da entgegen schlägt. Nachktheit, Zerstörtheit und auch eine große Verwundbarkeit, die sich dort Bahn bricht. Dies ist zumindest mein Eindruck. Welches ist dein Lieblingszimmer im Asylum lunaticum oder wechselst du es je nach Befindlichkeit?

Kommisar Hjuler: Ich spreche mal für mich, vielfach spreche ich ja für Mama Baer mit, hier also Kommissar Hjuler liebstes Zimmer, als da wäre „Assemblage“, denn in diesem file habe ich mich am meisten austoben dürfen. Mama Baer und ich stammen aus dem Bereich Musik, an die Herstellung von Assemblagen war die ersten Jahre nicht zu denken, vielleicht war daran zu denken und wir haben es nur nicht, schwer zu sagen, wir stecken ja immer noch in einer Entwicklung, in einer Bewegung.

Der Interviewer: Dein beruflicher Werdegang ist für einen Künstler recht ungewöhnlich. Du bist auch bei der Polizei beschäftigt, ein Staatsdiener, der gehorchen muss. Dienen als oberster Begriff. Und auch Herrschen in dem vom Dienstgrad vorgegebenem Rahmen. Welches war der entscheidende Impuls zur Umkehr vom Bild des Beamten, zu einem – zumindest im künstlerischen Bereich – völlig nonkonformen Lebensstil, welcher sich zumindest sehr deutlich in deiner Kunst aufzeigt?

Kommisar Hjuler: Diese Frage kann nur jemand stellen, der ein völlig falsches Bild vom Staatsdiener hat, und meist entsteht ein falsches Bild als Antizipation des Generalized Other, es muss ja so sein. In keinem System hat die Polizei aus dem Betrachtungswinkel des Skeptikers etwas Gutes. Wäre es anders, was wäre dann? Was bedeutete das für den eigenen Denkansatz? Ein reziproker Ansatz? Ein Polizeibeamter handelt immer eigenverantwortlich, und – was keiner weiß – die linkspoltisch ausgerichtete Staatsanwaltschaft überprüft ihre Schäfchen zur Genüge.

Der Interviewer:  Du stammst aus dem hohen Norden, aus Flensburg. Hat dich dieser Umstand überhaupt und wenn ja in welcher Weise in deinem künstlerischen schaffen geprägt?

Kommisar Hjuler: Man legt viele tausend Kilometer mehr zurück, um irgendwo hin zu fahren.

Der Interviewer: Welche für dich bedeutsamen Stationen, Inspirationen und/oder Vorbilder gibt es, die dich auf deinem künstlerischen Weg begleiten?

Kommisar Hjuler: Anfang der 80er hörte ich Medium Medium „the glitterhouse“, dieser Band bin ich nachgejagt, nachdem ich selbst Musik machte, und heute produziere ich Split-Veröffentlichungen mit Medium Medium, dabei masturbiere ich, das verrate ich aber niemandem.

Der Interviewer: Oft ist da dieser Mix aus Naturmaterial (Holz) und Plastik, zum Beispiel bei den Puppen. Ist der Gedanke zuerst oder entsteht er erst aus der Konfrontation mit den verwendeten Materialien?

Kommisar Hjuler: Ich kann leider nicht mit besseren Materialien umgehen, und ich kann nicht malen. Das ist es, was mir bleibt, Holz zusammen nageln ersetzt Malerei.

Der Interviewer: Wie viel bedeutet dir die Irritation des Betrachters, der Kunst-Schock sozusagen? Bleiben die Betrachter – außer die im inneren Kreis (die Eingeweihten) eher außen vor oder schaffen sie den Zugang zu deiner Kunst bisweilen doch noch?

Kommisar Hjuler: Viele denken, ich will irgend wen schockieren, dass ich aber nur einfach ein anderes Schön im Hinterkopf habe, glaubt mir niemand, also brauche ich es erst gar nicht demjenigen gegenüber zu behaupten, der sagt, er sei nicht schockiert, wenn es so wäre, weil er das nur sagt, in der Hoffnung, von mir einen Anhalt geliefert zu bekommen, über den er sich dann aufregen darf, weil sich jeder andere in seiner Lage auch aufregen dürfte, ausgenommen ich, der ich mich da tatsächlich nur entspannt wieder fände, wo andere sich aufregen sollen/müssen/könne/dürfen. Die Zeit, wo Kunst irgend wen schockte, das war mal. Meine Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft, ich reagiere auf alle Einflüsse, und wenn das wen schockiert, dann sollte ihn die Umwelt, in der er lebt, viel eher schockieren.

Der Interviewer: Deine Performances unterstreichen deine Arbeit. Alles erscheint wie ein Fluss in einem gleichartigen Rhythmus, der an ein fernes Ufer treibt – ein wenig wie bei „Apokalypse Now“. Die Entfremdung der Menschen ist ja auch im realen Leben in der heutigen Zeit extrem vorherrschend. An welchen Puzzleteilen deiner Kunst kann der Betrachter beginnen den Zugang zu suchen?

Kommisar Hjuler: Das lässt er besser, nachher fließt er mit mir den Bach runter. Ich mache meine Kunst für mich, dass ich sie zeige, das ist reiner Abschreckunsgedanke, denn was sollen denn andere mit meiner Kunst anfangen?

Der Interviewer: Was bedeuten dir die klassischen Gattungen der Bildenden Kunst wie zum Beispiel die Malerei oder die Zeichnung? Inspirieren sie dich oder bedienst du dich ihrer lediglich?

Kommisar Hjuler: Ich lasse mich da immer mal wieder von Mama Baer beliefern und baue ihre Resultate mit bei mir ein, wenn es geht.

Der Interviewer:  Gibt es auch Installationen für den Außenbereich?

Kommisar Hjuler: Ja. Wenn wir einkaufen fahren oder zum Frisör gehen. Und neulich war ich zum TÜV.

Der Interviewer: Was für eine Antwort! Ich meinte natürlich, ob es von Euch Objekte oder Installationen im Draußen gibt!? Aber ok, weiter geht´s. Ein Mensch, ein Mann, nackt, den Kopf in einer Schüssel. Was sucht er? Die Brotkatze?

Kommisar Hjuler: Das ist aus der Not geboren, eine Cut-up-Collage live darzustellen, wie stelle ich eine minimal-kleine Pause und einen Löffelschlag gegen ein Glas auf der Bühne dar, wenn ich keinen Löffel, kein Glas und keine Zeit für Pausen habe?

Der Interviewer:  Künstler, zumindest Bildende Künstler sind sehr große Individualisten. Es ist oft schwer, ihre Ideen und ihren Elan in einem Gemeinschaftsprojekt zu bündeln. Dir gelingt das offenbar sehr gut mit deinem Projekt brotkatze collaborations. Was könnten die Gründe dafür sein. Wo liegt das Rezept?

Kommisar Hjuler: Das ist keine Gemeinschaft, ich lade gute Künstler ein, mit Vot.zekatze und Brotkatze mal richtige Kunst herzustellen, in der Hoffnung, dass ich meine Arbeiten zum Thema da irgendwann mal mit zustellen kann, ohne dass sie zu sehr auffallen.

Der Interviewer: Kannst du dir vorstellen, einmal ein ganz ruhiges Stillleben zu malen?

Kommisar Hjuler: Ich kann nicht malen, aber Stillleben mache ich schon jetzt, aus Packpapier, Pappe, gefundenen Objekten pp., und die strahlen auf mich Ruhe aus.

Der Interviewer: An vielen Projekten hast du bisher mitgewirkt und bist in vielen Ausstellungen vertreten. Wie reagieren die Betrachter auf deine Kunst?

Kommisar Hjuler: Die zähle ich gar nicht, ich bin eher traurig, dass ich nicht noch mehr Ideen umgesetzt bekomme, täglich schaffe ich es, mindestens zwei bahnbrechende Ideen nicht umzusetzen, und das macht mich traurig.

Der Interviewer: Welches war ein besonders auffälliges oder auch ein besonders komisches Ereignis?

Kommisar Hjuler: Der Auftritt bei der Zappanale mit unserere Noise-Version von Sofa No. 2 war etwas, was das Publikum verstört hatte, das hatte niemand dort erwartet, der Zappa-Fan ist nicht so offen für Musik, wie man denkt, sonst würde er musikalisch ja einen Schritt weiter sein, das war ein Schock für das Publikum, und das Festival war so aufgebaut, dass jeder Besucher unseren Auftritt über sich ergehen musste.

Der Interviewer: Was bedeutet dir der Begriff Kunst?

Kommisar Hjuler: Das Schaffen von etwas Neuem aus einem Ausgangs-Material, mit dem mindestens auch ein Außenstehender etwas anfangen zu können meint, auch wenn er es vielleicht falsch deutet.

Der Interviewer: Was macht für dich einen guten Künstler aus?

Kommisar Hjuler: Das Schaffen von etwas Neuem aus einem Ausgangs-Material, mit dem ganz viele Außenstehende etwas anfangen zu können meinen, auch wenn sie es vielleicht falsch deuten.

Der Interviewer: Wo sind deine Arbeiten zu sehen?

Kommisar Hjuler: Unsere größte Ausstellung ist unsere eigene web-Präsenz auf www.asylum-lunaticum.de, wo wir den Betrachter mit Musik, mit Film, mit Bildern und Text zuschütten. Wir sind aber auch ständig auf der Suche nach neuen Locations, also zögert nicht uns anzumailen, dann kommen wir und stellen etwas in einen Raum.

Der Interviewer: Besten Dank für das Interview!

kommissar-hjuler-mama-bear-werstatt

Geschrieben am

Im Interview: Mario Purkathofer

Mario Purkathofer

Der Interviewer: Wie bist du zur Bildenden Kunst gekommen? Gab es ein Schlüsselerlebnis oder war der Künstlerberuf schon immer dein innigster Wunsch?

Mario Purkathofer:  Urpsrünglich sollte ich Architekt werden. Da ich aber wenig Lust hatte Einfamilienhäuser für andere Leute zu zeichnen, entschied ich mich für ein Studium der Bildhauerei in Linz und gegen Sophokles, Fo und ein Schauspielstudium in Graz. Nebenbei interessierte ich mich immer für Kultur -u. Geisteswissenschaften mit Ausflügen in Germanistik, Publizistik und Soziologie. Anschliessend Zürich. Ich hab den Beruf des Künstlers auch während meines Studiums immer kritisiert und konnte der Romantik kaum etwas abgewinnen.

Der Interviewer: Du hast an der UDK in Berlin studiert. Was war dein Hauptfach und was hast du Besonderes aus deinem Studium für deinen weiteren Weg in Richtung Kunst entnommen?

Mario Purkathofer: An der UDK hab ich nur ein Jahr studiert und zwar Electronic Business (UDK). Das war während ich für die Transmediale in Berlin gearbeitet habe. Es war verdammt kalt damals und mein Lohn reichte gerade aus um mir ein Wohnatelier in Kreuzberg zu leisten. Aber Berlin ist immer ein Erlebnis. Ich würde wiederkommen, wenn jemand mich einladen würde.

Der Interviewer: Du bist Vertriebsleiter bei Dock18 in Zürich. Wie viele Leute seid ihr im Team?

Mario Purkathofer: Keine Ahnung, wir sind doch keine Professionalisten, dass ich das wissen müsste. Unser Team ist vor allem ein Freizeit-Team. Wir sind nicht der FC Barcelona. Trotzdem würde ich niemals behaupten, unsere Auseinandersetzung wäre nur ein Hobby. Wir machen Kultur und das ermöglicht uns, viel anzureissen und gleichzeitig sozial einfach da zu sein. In Zeiten der Virtualisierung ein geiles Angebot: “Da sein!” Das Core Team besteht aus 6 Personen (Sven Hürlimann, Christian Frick, Christina von Rotz, Effi Tanner, Patric Kaufmann und Mario Purkathofer).

Der Interviewer:  Kannst du näher beschreiben, was du dort machst?

Mario Purkathofer: Ich leite den Laden, programmiere die Veranstaltungen, unterstütze Künstler bei ihren Projekten (Dada, DIY, Internet, Grafik, Public Domain, Game Skulptur), mache die Buchhaltung und verschicke Einladungen.

Der Interviewer:  Was kann man sich unter Medienkulturen der Welt vorstellen?

Mario Purkathofer: Medienkultur ist ein Derivat der Kultur. Zu betrachten wären zum Beispiel die Auswirkungen von Facebook auf das Ausgehverhalten oder die Kultur des freiwilligen Programmierens für Open Source Projekte, usw. Derartige Zeugen von Medienkulturen werden lokal und physisch gebildet. Jede/r hat heute eine persönliche Geschichte über Medien zu erzählen. Wie man sich zum Beispiel über ein Medium kennengelernt hat oder wie das Wetter morgen wird, das sind alles Mikroereignisse, die der Medienkultur inhärent sind. Wenn heute jemand behauptet “Ich will mit all dem nichts zu tun haben” dann bezieht er/sie sich auch auf die Medien. Es ist unmöglich, sich völlig unabhängig von der Medienwelt zu begreifen. Wir wollen einen bewussten Umgang mit den Medien fördern, insbesondere auch mit den sozialen Netzwerken. Dock18 bildet Schnittstellen und Diskursräume jenseits von Unternehmen, Marketinginstituten und Universitäten.

Der Interviewer:  Hast du noch Zeit, selbst künstlerisch tätig zu sein?

Mario Purkathofer: Ja, ich versuche dabei im Verborgenen zu bleiben!

Der Interviewer:  Hast du das Gefühl, dass du mit deiner Arbeit die Betrachter erreichst und zum Teil auch dazu animieren kannst, selbst mitzutun?

Mario Purkathofer: Betrachter sind irrelevant! Wir überbrücken ja die Differenz zwischen Betrachter und Autoren permanent. Wir sind so Viele weil wir alles gleichzeitig sind: die Autoren, die Betrachter und die Kritiker. Wer mitmachen will, macht mit. Es ist freiwillig, ich kann maximal die Bahnreise zahlen.

Der Interviewer:  Nach welchen Kriterien wählt ihr Künstler aus? Gibt es Ausschreibungen, auf welche sich die Künstler bewerben oder sucht ihr selbst?

Mario Purkathofer: Die Kriterien? Freunde, Facebook & Fans. Ich schreibe Leute einfach mal an. Wer Lust hat, macht mit. Wir haben natürlich einen grossen Pool an Künstlern, Wissenschaftlern und Technikerinnen, die immer wieder auch mit neuen Ideen kommen. Den Rest suchen wir über soziale Medien, benachbarte Festivals und Freunden von Freundinnen.

Der Interviewer:  Wie läuft die Finanzierung?

Mario Purkathofer: ¾ durch die Stadt, ¼ erwirtschaften wir selbst.

Der Interviewer:  Vieles wird bei euch virtuell umgesetzt, das heißt, die Betrachter werden zu virtuellen Veranstaltungen regelmäßig eingeladen. Gibt es darüber hinaus auch reale Ausstellungen vor Ort? Wenn ja, wo finden die Stadt.

Mario Purkathofer: Oh, da hast du etwas grundsätzlich falsch verstanden. Dock18 ist jeden Freitag von 20-24 Uhr geöffnet in Zürich, Seestrasse 395 mit Menschen auf 25m2 in 2 Stockwerken. Hinkommen musst du selbst!

Der Interviewer:  Ihr plant viel Neues und seid quasi permanent am Ball. Welche sind deine nächsten Projekte?

Mario Purkathofer: Im Herbst/Winter 2013 dreht sich alles um “Lost in options”, es gibt eine Soiree mit russischer Medienkunst, eine Veranstaltung rund um Games haben wir gerade hinter uns. Wir planen wieder einen Public Domain Jam mit den Werken von 42 Autorinnen die 1942/43 gestorben sind, 111 Selbstversuche II – die Fortsetzung der Selbstversuche in Video, eine Tapetenausstellung für die wir noch Raum und Geld suchen mit 18 Künstlerinnen, eine weitere Edition für Medienkulturen 2013 bzw. vorher die bisherigen Editionen verkaufen und dann erwarten wir noch einen nationalen Preis.

Der Interviewer:  Marioich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview und wir von figunetik.com wünschen euch weiterhin viel Erfolg bei all euren Projekten!

Mario Purkathofer

Geschrieben am

Im Interview: Wolf-Dieter Köpfer

wolf-dieter-koepfer

wolf-dieter-koepferDer Interviewer: Wenn man deine Bilder ansieht, so ist auffällig, dass die dargestellten Personen seltsam isoliert scheinen, auch wenn sie oft als Duo oder in Gruppen angeordnet sind. Frauen überwiegen in der Darstellung. Hat das eine Bedeutung oder passiert es einfach so, während du an einem Bild arbeitest?

Wolf-Dieter Köpfer: Mein Grundthema ist die Einsamkeit des Menschen und dabei unterscheide ich zwischen Alleinsein, Vereinsamung und Isolation. Tja, und dann mag ich Frauen. So einfach.

Der Interviewer: Welches Ereignis oder Schlüsselerlebnis ist verantwortlich dafür, dass du zur Bildenden Kunst gekommen bist. Seit wann malst Du? Welche Vorbilder und welche Lehrer hattest du und wer von ihnen ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Wolf-Dieter Köpfer: Meine Eltern sagten, dass ich schon mit 3 Jahren auf dem Boden lag und malte und malte. Meine beiden Professoren in Köln halfen mir sehr, indem sie mir freie Hand ließen. War schon immer etwas aus der Reihe.  Dr. Paul Bender  nicht zu vergessen, mein Kunstgeschichteprofessor, der mich jahrelang finanziell unterstützte. Er sagte einmal in den 80-igern ich wäre die Hoffnung der deutschen Malerei. (Der Brief hängt noch immer an der Wand!!)

Der Interviewer: Viele deiner Bilder haben keine Titel. Ist dies gewollt, um dem Betrachter einen völlig freien Interpretationsspielraum zu belassen?

Wolf-Dieter Köpfer: Zurückhaltende Titel verhindern eine Beeinflussung des Gegenübers, das ermöglicht ein freies Zwiegespräch.

Der Interviewer: Du bist nach Finnland gezogen, später dann nach Schweden. Vom spielerischen Baden in den ernsten Norden, wenn man es so ausdrücken will. Wie beeinflussten dich der Umzug und die Menschen dort in deiner Sicht auf die Kunst, auf deine Entwicklung?

Wolf-Dieter Köpfer: Tja, ich war 28. An und für sich wollte ich immer nach Südfrankreich, war auch sehr oft dort und bin immer noch auf dem Weg. In Schweden und vor allem in Finnland spielt die  Natur eine große Rolle. Die weiten Horizonte, das spezielle Licht im Sommer, und man glaubt es kaum, auch im dunklen Winter. Man erlebt alles intensiver als im idyllischen Süden, der nie auf das Gewaltige trifft.

Der Interviewer: Warst du schon immer eher ein Maler oder ging vieles aus der Zeichnung hervor.

Wolf-Dieter Köpfer: Habe schon immer gemalt. hatte mal eine Zeit mit Radierungen und so. Sehr ergiebig.

Der Interviewer: Was hältst du von Künstlergruppen und Kooperationen?

Wolf-Dieter Köpfer: Ideal.

Der Interviewer: Was bedeutet für dich der Begriff Kunst?

Wolf-Dieter Köpfer: Kunst ist Kunst und alles andere ist anders.

Der Interviewer: Was macht einen Künstler für dich aus?

Wolf-Dieter Köpfer: Lebenseinstellung. Lebensinhalt.

Der Interviewer: Du hast schon an vielen Ausstellungen im In- und Ausland teilgenommen. Wie reagieren Betrachter auf deine Kunst? Was irritiert sie, was spricht sie an. Gab es dabei ein besonderes Erlebnis, welches dir dabei besonders in Erinnerung geblieben ist?

Wolf-Dieter Köpfer: Man ist neugierig und fragt viel und manchmal versuche ich zu antworten. Hatte mal eine Ausstellung im Goethe-Institut in Helsinki. Eine Woche später war eine kleine Notiz in der Zeitung, dass ich meinen Freud gut gelesen hätte. Nix mehr. Da war ich leicht frustriert.

Der Interviewer: Einige deiner Arbeiten sind auf deiner Homepage zu sehen, zuletzt eine aus April, welche einen strauchelnden Mann in einer Art  Verlies zeigt. An der Wand hängt ein Bild mit dunklem Himmel. Warum war es diesmal keine Frau?

Wolf-Dieter Köpfer: Kann ja nicht immer nur Frauen malen. Auch die Männer haben es nicht immer leicht.

Der Interviewer: Welches sind deine nächsten Pläne bezüglich geplanter Ausstellungen?

Wolf-Dieter Köpfer: Das nächste größere Projekt ist eine Ausstellung nächstes Jahr in der Kollektivgalerie Zône in Leiden in den Niederlanden. Und irgendwann könnte man mal wieder Leipzig besuchen. Da scheint viel los zu sein in Sachen Kunst. Und Meißen nicht zu vergessen !!

Der Interviewer: Lieber Wolf-Dieter Köpfer, wir danken sehr für das Super-Interview!

„o.T. No. 97“ von Wolf-Dieter Köpfer