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Prenzlberg Galerie – Besucher 13.12.2007

Zwei auserlesene Besucher in meiner Galerie Greifenhagener 15 im Prenzlauer Berg

„Hallo, Rettl, will mir nur schnell mal deine Bilder ansch … Neues haste nich gemacht, das kenn‘ ich alles, nur Altes. Schau mal meine Mappe an, ich hab‘ mich mal im Gegenständlichen probiert. Es sind alles Drucke auf schwarzem Fotopapier und in Wirklichkeit sehen meine Werke ganz anders aus.
Schau, das ist ne Kirche im Morgennebel … oder hier der kaputte Zaun an der Küste … schau, das finde ich nun wirklich gelungen, ein blühender Obstbaum im Rapsfeld. Den hab ich mal vor Jahren in New Yoerk gesehn … ich sagte es dir damals, als du mit deinen Bildern auf der Straße … Ich würde mich nicht so erniedrigen. Wart‘ mal, muss mir erst mal eine drehn.
Da hat doch das Finanzamt mir 682 Euro abgezogen … Dürfen die denn das überhaupt ? Ich weiß ja nicht, es war wohl ne Nachzahlung, wegen meines Bilderverkauf’s … die Sachen gehen gut. Deine Galerie ist in ner toten Ecke, da kommt sowieso keiner rein. Da muss man schon Beziehungen zu einem Galeristen haben … deswegen bin ich ja mit meiner Mappe unterwegs, der wird über die neuen Sachen staunen … “

„Kannst du bitte mal zur Seite gehn, möchte nur mal deinen Dreck wegkehren.“

„Rettl, das war ich nicht, an meinen glatten Sohlen bleibt nichts kleben. Wie ich sehe, versuchst du dich im Abstrakten, aber da musst du noch gewaltig zulegen.“

„Du sagtest doch vorhin, ich hätte nur alten Kram hier hängen. Die acht abstrakten Bilder sind zwischen Mitte November bis zum heutigen Tag entstanden … “

„Rettl, ich habe jetzt einen Termin bei einem Galeristen und lass mich später mal wieder hier sehn. Zwar kennt er die Sachen von mir bereits, aber man weiß ja nie, wie er heute aufgelegt ist, und mein Bauch sagt mir, dass es heute klappen könnte. Schönen Tag noch !“

„Ja, tschüssi !“

—–

„Hallo, kommen Sie ruhig rein. Sie müssen nichts kaufen … “

„Aber gern … Wissen Sie, meine Freundin malt auch und ich kenn mich deshalb mit der Malerei recht gut aus. Na, was ich hier sehe, das ist ja gar nichts …“

„Das ist ne Hommage à van Gogh.“

„Meine Freundin macht ganz herrliche dekorative Sachen. Das sollten Sie mal sehn. Zauberhaft. Was die allein für herrlich pastöse Bilder mit Acryl-Gel nach Schablone machte, ist wirklich einzigartig. So etwas müssen Sie machen. Man muss als Künstler stets das Ohr an der Masse haben.“

„Welchen Beruf üben Sie denn aus ?“

„Ach, das ist eine lange Geschichte. Momentan bin ich auf der Suche nach einer attraktiven Tätigkeit. Ich bin Regisseurin und war lange Zeit bei „ntv“ beschäftigt. Wir machten alles live aller halben Stunde. Jahrelang ging das so. Aber die haben uns damals schon gesagt, dass das nicht mehr lange gehen würde. Sechs Leute waren wir. Schon beim Fernsehen der DDR war ich eine gefragte Person. Damals war ich Regie-Assistentin. Na, und ganz früher, Tänzerin.
Die Leute vom Prenzlauer Berg… Wissen sie, ich wohne schon seit über 30 Jahren in der Pappelallee und hab da eine konfortable Wohnung. Aber das hält doch keiner hier mehr aus. Am liebsten möchte ich sofort die Sachen packen und nach Schöneberg ziehn. Da ist ein ganz anderes Milieu. Die Leute hier haben keinerlei Allgemeinbildung. Das einzige was sie können … Sie wissen, was ich meine, alle paar Meter stolpert man über einen Kinderwagen. Nein, das reicht mir langsam. Ich ziehe nach Charlottenburg. Dort wohnen ganz andere Leute.
Als mich mal ein paar Freunde besuchten, staunten die über meine Bilder im Flur. Die haben überhaupt nichts an den Wänden hängen. So kahl wie ihre Wände, sind auch ihre Köpfe. Da waren sie aber beeindruckt. Ich hatte drei Bilder hinter Glas. Es waren Fotos von Karl Lagerfeld.
Man ist hier im Prenzlauer Berg irgendwie gebunden, Kreuzberg hingegen ist frei. Aber was soll man machen. Vor einiger Zeit gab ich Lesungen. Aber das reichte mir, keiner hörte zu und laufend wird man angefasst. In Altenheimen ist das so.
Wenn meine Tochter mich besucht, und Sie können davon ausgehen, tatsächlich modern eingerichtet zu sein, sagt sie von oben herab, dass ich ein Problem hätte.
War nett, sich mit Ihnen mal unterhalten zu haben. Und denken Sie daran, was ich Ihnen von meiner Freundin erzählte.“

„Ja, schönen Tag noch … “

LG Prenzlmaler Dieter Raedel.

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Prenzlberg Galerie Greifenhagener Der Auftakt

Als ich vom ersten Stock des Hauses in das Erdgeschoss der Greifenhagener 15 im Berliner Prenzlberg zog, wollte ich alle Gegenstände, die für mich nicht passend erschienen entsorgen oder verschenken. Wie ein Student wollte ich leben. Nur die Reduzierung des Hausrates und mir überflüssig erscheinender Gegenstände würde mein Ziel verwirklichen, einen Raum als Galerie zu nutzen. Es war beschlossene Sache.

Andere Leute besitzen Zweitwagen und sind nicht immer glücklich, weil Bekannte sie mit neueren Prunkfahrzeugen ausstechen. Bei mir ist das anders. Ich besitze eine Sackkarre und ein altes Damenfahrrad. Mehr brauche ich nicht. Will ich ins Grüne, gibt’s die öffentlichen Verkehrsmittel. So transportierte ich eine Kücheneinrichtung, zwei Tische, zwei Korbstühle und viele anderen Sperrgüter per Sackkarre zur Berliner Stadtreinigung. Die Flaniermeile Schönhauser Allee hoch und danach links die Schivelbeiner runter. Die Installationen der zu entsorgenden Gegenstände auf der Karre sahen äußerst merkwüdig aus, Marcel Duchamp und andere Aktionskünstler hätten mich beneidet. Einmal wurde ich von einer Zigeunerin kurz von der Entsorgungsstelle gestoppt. Alles was mit Eisen zu tun hatte, wollte sie unbedingt haben. Ein 80 bässiges Akkordeon hatte ihr es besonders angetan und ein Plattenspieler wechselte ebenso den Besitzer. Acht derartige Fuhren gab es.

Nun sortierte ich Gebrauchsgegenstände aus, die noch zu gebrauchen waren und stellte diese tagelang auf den Sims des Schaufensters. Vasen, Keramik, Mundharmonikas, Blockflöten, Töpfe, Pfannen und eine riesige Zierpflanze. Innerhalb kurzer Zeit war alles verschwunden. Zettel signalisierten den Passanten, dass es sich um Sachen zum Mitnehmen handelte. Ein nagelneues Teeservice mit Originalverpackung und ein
Kaffeeservice, ebenfalls nie benötigt, wurden besichtigt und anschließend per Auto abtransportiert. So viele glückliche Gesichter sah ich nie wieder in meiner Straße. Da mich meine Frau kurz nach dem Mauerfall verlassen hatte, legte ich Wert darauf, möglichst viele Exponate, die mich an die Ehe erinnerten, verschwinden zu lassen. So machte es mir großen Spaß, die ehemaligen Hochzeitsgeschenke, zwei Flamingos und eine Giraffe aus Meißner Porzellan, ins Schaufenster zu stellen und diese als Geschenke der Öffentlichkeit anzubieten. Über Ebay wollte ich nichts versteigern, das passt nicht zu mir. Nur zögerlich betrat man den Raum, da das Porzellan sehr wertvoll war. Da ich aber meiner Frau den Effenbergfinger gedanklich zeigen wollte, war ich glücklich, als die Porzellanfiguren mit den blauen Schwertern verschwanden.

Nun wurden die Bücher aussortiert und auf den Sims gestellt. Zuweilen herrschte Hochbetrieb am Schaufenster. Das ging mehrere Tage so. Mein Sohnemann besuchte mich und war sprachlos. Er fragte mich, warum ich die Bücher nicht in die Antiquariate schaffe, um damit ein bisschen Geld zu machen. Als ich ihm freistellte, meine Bücher zu verscherbeln, wollte er davon kurioserweise nichts wissen. Bücher sind bekanntlich schwer. Es war viel leichter, diese einfach auf der Straße anzubieten. An die 1000 Bände verließen mich glücklicherweise für immer. Darunter befand sich auch Kunstliteratur. Was will ich mit 16 Ausgaben van Gogh’s ??? Die wirklich kostbaren Ausgaben von Vincent wurden nicht verschenkt. Etwas später reduzierte ich den Rest der Bücher erneut und eine Bekannte war so nett, diese mir abzunehmen. Sie bot die Exemplare über Ebay an und was da nicht gekauft wurde, ging hernach für einen Euro in der Nähe der Gethsemanekirche ab. Darüber freute ich mich ebenfalls, da ich die junge Dame sehr schätze. Sie wollte mal Malerei studieren und nun verkaufte sie Kunstbände für einen Euro.

Die große Aktion war so umfassend erfolgreich, dass sogar eines Tages ein zweiter Galerieraum eröffnet werden konnte, für Besucher, die gar nicht eintrafen – und damit mein neues Glück, Ruhe zu haben. Und es freute mich, endlich glückliche Gesichter in dieser Gegend gesehen zu haben, die mir in freudiger Erinnerung bleiben.

Die Beschenkten kauften nie etwas in meiner Galerie – noch nicht einmal eine Gemälde – Replik vom Prenzlauer Berg für 13 Euro !!!

LG Prenzlmaler Dieter Raedel.

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Prenzlberg Dieter Raedel Galerie entsteht

Als ich vom ersten Stock des Hauses in das Erdgeschoss der Greifenhagener 15 im Berliner Prenzlberg zog, wollte ich alle Gegenstände, die für mich nicht passend erschienen entsorgen oder verschenken. Wie ein Student wollte ich leben. Nur die Reduzierung des Hausrates und mir überflüssig erscheinender Gegenstände würde mein Ziel verwirklichen, einen Raum als Galerie zu nutzen. Es war beschlossene Sache.

Andere Leute besitzen Zweitwagen und sind nicht immer glücklich, weil Bekannte sie mit neueren Prunkfahrzeugen ausstechen. Bei mir ist das anders. Ich besitze eine Sackkarre und ein altes Damenfahrrad. Mehr brauche ich nicht. Will ich ins Grüne, gibt’s die öffentlichen Verkehrsmittel. So transportierte ich eine Kücheneinrichtung, zwei Tische, zwei Korbstühle und viele anderen Sperrgüter per Sackkarre zur Berliner Stadtreinigung. Die Flaniermeile Schönhauser Allee hoch und danach links die Schivelbeiner runter. Die Installationen der zu entsorgenden Gegenstände auf der Karre sahen äußerst merkwüdig aus, Marcel Duchamp und andere Aktionskünstler hätten mich beneidet. Einmal wurde ich von einer Zigeunerin kurz von der Entsorgungsstelle gestoppt. Alles was mit Eisen zu tun hatte, wollte sie unbedingt haben. Ein 80 bässiges Akkordeon hatte ihr es besonders angetan und ein Plattenspieler wechselte ebenso den Besitzer. Acht derartige Fuhren gab es.

Nun sortierte ich Gebrauchsgegenstände aus, die noch zu gebrauchen waren und stellte diese tagelang auf den Sims des Schaufensters. Vasen, Keramik, Mundharmonikas, Blockflöten, Töpfe, Pfannen und eine riesige Zierpflanze. Innerhalb kurzer Zeit war alles verschwunden. Zettel signalisierten den Passanten, dass es sich um Sachen zum Mitnehmen handelte. Ein nagelneues Teeservice mit Originalverpackung und ein Kaffeeservice, ebenfalls nie benötigt, wurden besichtigt und anschließend per Auto abtransportiert. So viele glückliche Gesichter sah ich nie wieder in meiner Straße. Da mich meine Frau kurz nach dem Mauerfall verlassen hatte, legte ich Wert darauf, möglichst viele Exponate, die mich an die Ehe erinnerten, verschwinden zu lassen. So machte es mir großen Spaß, die ehemaligen Hochzeitsgeschenke, zwei Flamingos und eine Giraffe aus Meißner Porzellan, ins Schaufenster zu stellen und diese als Geschenke der Öffentlichkeit anzubieten. Über Ebay wollte ich nichts versteigern, das passt nicht zu mir. Nur zögerlich betrat man den Raum, da das Porzellan sehr wertvoll war. Da ich aber meiner Frau den Effenbergfinger gedanklich zeigen wollte, war ich glücklich, als die Porzellanfiguren mit den blauen Schwertern verschwanden.

Nun wurden die Bücher aussortiert und auf den Sims gestellt. Zuweilen herrschte Hochbetrieb am Schaufenster. Das ging mehrere Tage so. Mein Sohnemann besuchte mich und war sprachlos. Er fragte mich, warum ich die Bücher nicht in die Antiquariate schaffe, um damit ein bisschen Geld zu machen. Als ich ihm freistellte, meine Bücher zu verscherbeln, wollte er davon kurioserweise nichts wissen. Bücher sind bekanntlich schwer. Es war viel leichter, diese einfach auf der Straße anzubieten. An die 1000 Bände verließen mich glücklicherweise für immer. Darunter befand sich auch Kunstliteratur. Was will ich mit 16 Ausgaben van Gogh’s ??? Die wirklich kostbaren Ausgaben von Vincent wurden nicht verschenkt. Etwas später reduzierte ich den Rest der Bücher erneut und eine Bekannte war so nett, diese mir abzunehmen. Sie bot die Exemplare über Ebay an und was da nicht gekauft wurde, ging hernach für einen Euro ab. Darüber freute ich mich ebenfalls, da ich die junge Dame sehr schätze.

Die große Aktion war so umfassend erfolgreich, dass sogar eines Tages ein zweiter Galerieraum eröffnet werden konnte und damit mein neues Glück. Und es freute mich, endlich glückliche Gesichter in dieser Gegend gesehen zu haben, die mir in freudiger Erinnerung bleiben.

Die Beschenkten kauften bisher nie ein Bild von mir ! *grins*

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Marc Chagall

Marc C h a g a l l
Bedeutender Maler und Illustrator des 20.Jh.
Glas – und Wandmalereien , Keramik

Marc Chagall gehört neben van Gogh und Cézanne zu meinen Lieblingsmalern. In der Kunstgeschichte wird er „Malerpoet“ genannt, eine Bezeichnung, die er nie gern hörte. Seine weltberühmte Karriere verlief keinesfalls geradlinig. In Russland war er einige Zeit Direktor einer Kunstakademie, und als er nach einer Reise wieder heimatlichen Boden betrat, hatte Malewitsch sich den Posten eingeheimst und er musste Kinder im Malen unterrichten. Derweil waren 150 seiner Gemälde spurlos verschwunden, die er einer Berliner Galerie anvertraut hatte. Spitzbuben gab es also schon damals in Berlin. Seine Kunst war stets umstritten, da er mit einfachen Mitteln der Malerei Weltruhm erlangte.

So war auch bei der Ausmalung der Kuppel der Pariser Oper das Lager der Neid – Feinde nicht weit. Glücklicherweise ließ sich der Intendant der Oper nicht beirren. Als die Premiere eines Opernstücks anstand, sollte die Deckenbemalung Chagalls den Zuschauern erstmals gezeigt werden. Spärliches Seitenlicht und zwei Punktscheinwerfer zum Theatervorhang ließen kein Licht zur Kuppel zu. Der Intendant hatte alles berechnend inszeniert. Das Licht ging aus und nach Sekunden der Dunkelheit schmetterten vier Punktscheinwerfer ihr Licht an die ausgemalte Theaterkuppel ! Die Zuschauer waren derart beeindruckt, so dass ein donnernder Applaus für das Werk Chagalls einsetzte und die Gegner seiner Malerei die Arschkarte gezogen hatten.

Einige Zeit arbeiteten Picasso und Chagall zusammen in einer Keramikwerkstatt. Als die Luft rein war, malte Picasso einige Hähne und Kühe auf einen der Teller Chagalls und schummelte diese unter Chagalls Arbeiten, in der Hoffnung, von Chagall nicht bemerkt zu werden. Doch Chagall bemerkte sofort den Streich und nahm’s gelassen hin. Picasso äußerte sich mehrfach abfällig über diese russische „Volkskunst“.

Über seine Mutter schrieb er:
„Kinder, wir wollen das Lied vom Rabbi singen, helft mir !“
Die Kinder sangen und schliefen ein. Sie fing an zu weinen und ich sagte:
Du fängst schon wieder an! Da singe ich nicht mehr!

Ich möchte sagen, dass sich irgendwie in ihr mein Talent verbarg und
dass ich alles von ihr geerbt habe, nur nicht ihren Geist.“

„Sie betrachtete meine Malerei, mit Gott weiß was für Augen. Ich wartete auf ihr Urteil. Endlich verkündete sie langsam:
„Ja, mein Sohn, ich sehe, du hast Talent ! Aber hör‘ zu mein Kind, du tust mir leid. Vielleicht wirst du doch lieber K o m m i s !“ (Soldat)

Von seinem Vater erzählte er in einem Selbstgespräch:
„Du weißt noch, ich habe von dir eine Studie gemacht. Dein Porträt hätte wie eine Kerze wirken müssen, die aufflammt und wieder verlöscht. Eine Fliege summt – verdammt – ihretwegen schlaf ich ein.“

Über seinen Großvater schrieb er:
„Wenn schönes Feiertagswetter war, kletterte mein Großvater auf’s Dach, setzte sich auf den Schornstein und aß Mohrrüben.“

„Als Großvater eines Tages auf die Zeichnung einer nackten Frau stieß, wandte er sich ab, als ob das ihm nichts anginge oder als ob da ein fremder Stern über dem Marktplkatz stünde, mit dem die Einwohner nichts zu tun hätten.“

Vom Onkel wusste er zu berichten:
„Mein Onkel hat Angst, mir die Hand hinzustrecken .Man sagt, ich sei Maler. Wenn ich ihn zeichnen wollte ? Gott erlaubt es nicht, Sünde.“

„Als ich des Onkels Porträt malte und es ihm anbot, warf er einen kurzen Blick auf das Bild, betrachtete sich dann im Spiegel, überlegte ein wenig und sagte zu mir : Also weißt du, nein, behalt es !“

Und für die neidbehafteten Kritiker hatte er folgende Worte übrig:
„Nicht der Gegenstand, sondern die Handschrift des Künstlers ist entscheidend. Dass ich Milchmädchen, Hähne und russische Provinzarchitektur als Formvorlage benutze, liegt darin begründet, dass diese Dinge Teil jener Umgebung sind, aus der ich stamme.“

Ironisch fügte er hinzu:
„Ich kenne meine Bilder nur zu gut. Sie sind ein Teil von mir, aber ich weiß nicht, wovon sie handeln. Ich male gern schlechte Bilder! Ich kann nischt anders.“

Und in einem anderen Fall:
„Falls ihr für die Nachwelt noch weitere Beweise für eure Unfehlbarkeit und meine Verstöße gegen den gesunden Menschenverstand braucht, will ich euch erzählen, was mir meine Mutter über meine reizenden Verwandten aus Liosno berichtet hat. Der eine von ihnen hat nichts Besseres gewusst, als nur mit einem Hemd bekleidet in einer Vorstadtstraße spazieren zu gehn. Die Erinnerung an diesen Unbehosten wird immer mein Herz mit sonniger Freude erfüllen. Als ob in der Straße von Liosno am helllichten
Tag die Malerei eines Masaccio entstanden wäre.“

LG Prenzlmaler.

Quelle der Zitate: Marc Chagall „Mein Leben“.

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Kurt Mühle und Dieter Raedel im Wiener Café

Prenzlauer Berg – Galerie der Szene ! Kurt Mühle und Dieter Raedel im Wiener Café in der Schönhauser Allee.

Es war in den 80 er Jahren, als sich allabendlich ein Teil der Szene des Prenzlauer Berges im „Wiener Café“ in der Schönhauser Allee traf. Ein buntes Völkchen von Intellektuellen, Künstlern, Schriftstellern, Malern nd weiß der Geier wer noch. Gute Laune pur und Witzeleien non stop. Der Laden war stets brechend voll. Vorn links die Theke, in der Mitte rechts ein schwarzer Stutzflügel, danach ging`s ein paar Stufen hoch mit einem baufälligen Geländer und oben wiederum Stühle und Tische. Unten war das Café mit Spiegeln ausgestattet. Als Dauergast, wenn ich nicht gerade mit meinem Kinderprogramm irgendwo in der DDR rumschwirrte, erhielt ich das Recht, bei überfüllter Kneipe an der Theke stehen zu dürfen. Das hatte Oleg mir aus Sympathie aus einer guten Laune heraus zugestanden. Meist traf man sich schon am Nachmittag. Eigentlich war es ein Quatsch- und Saufladen wie jeder andere auch. Früher spielte noch ein Altherren-Duo zur Unterhaltung: „Duo Winter – Weide“ als Café-Musik-Band.

An jenem Tag ging’s bereits nachmittags los. Gleich gegenüber dem Klavier saß bei einem Glas Rotwein ein damaliges Original vom Berg: Kurt Mühle. Sein Vornamen spielte eigentlich nie eine Rolle, es war der ewig durstige „Mühle“. Er saß rauchend am Tisch und zeichnete, wobei beim Trinken meist ein paar Rotweintropfen auf’s Papier kamen und die
abfallende Asche landete gewöhnlich ebenfalls auf der Zeichnung. Ein echter „Mühle“ wurde mit 10 bis 300 Ostmark gehandelt, es richtete sich nach dem Interessenten und seiner nicht enden wollenden Finanzknappheit.

„Na, mei Kleener, wo kommst’n du nu wieder her ? Kannst mir en Rotwein bestellen ? Das machste ja, wie ich dich kenne, habe grad mal kee Geld.“
Kurt Mühle zeichnete alle Personen die das Café betraten, und zwar aus der Bewegung heraus. Als er mir das fertige Blatt Papier zeigte, waren lediglich nicht mehr entwirrbare Striche zu sehen. Er signierte und sagte:
„Ma sehn, ob’ch heute een Dummen finde, der mir das abkooft.“
Ich betrachtete eingehend die diffusen Stricheleien und schlug ihm den Titel vor: „Misthaufen im Sturm“. Kurt Mühle war damit einverstanden und wir stellten das Blatt Papier, an eine Vase gelehnt, auf den kleinen Flügel. Manch einer betrachtete den Wirrwarr und ich sagte stets mit bedeutendem Ausdruck: „Von Mühle“. Nach etwa einer reichlichen Stunde kaufte ein junger Mann das Kunstwerk für 30 Mark und Kurt Mühle hatte seine Spritkosten für den Abend rein. Er war etwas gehbehindert, weil er meist unter Strom stand und so war jeder Gang zur Toilette, die sich im oberen Raum des Cafés befand, mit einer Bergsteigertour im Kampf mit den Stufen verbunden.

Da Kurt Mühle oft sich im Café befand, war das Treppengeländer sehr wacklig geworden. Neben dem Aufgang war noch ein Tisch für zwei Personen, wo an diesem Tag zwei hübsche Mädchen um die Zwanzig saßen. Als Kurt Mühle die erste Stufe erklimmen und sich rechts am Geländer festhalten wollte, griff er in die Luft, machte eine Drehung nach rechts und saß urplötzlich auf dem Schoß des einen Mädchens. Die schienen Mühle bereits zu kennen, denn sie machten keine Anstalten, sich darüber aufzuregen. Kurt Mühle blieb sitzen und fragte:
„Na, ihr zwee Broiler, wollt ihr bei mir mal Akt stehn ? Aber nur, wenn ihr zwee Flaschen Rotwein mitbringt !“ Alles lachte, auch die Mädchen. Kurt Mühle hangelte sich hoch und ich half ihm, die steile Treppe zu überwinden. Nach ein paar Minuten setzte er sich wieder an unseren Tisch und Oleg servierte ihm neuen Rotwein, den er von den Mädchen spendiert bekam.
„Den nehm’ch ausnahmsweise mal an. Habt ihr och noch paar Lullen ?“

Das eine der Mädchen kam sofort an den Tisch und legte ihm ein paar Zigaretten hin, wobei sie ihn munter anlächelte. Kurt Mühle lachte zurück. Sein offenener Mund war ein schwarzes Loch ohne Zähne. Zwar hatte er Zahnersatz, doch den hatte er wieder einmal verlegt. Als das Mädchen wieder an ihren Tisch gehen wollte, hielt Mühle sie am Rock fest:
„Sache mal, haste morgen Zeit ? Euch beede würde ich da malen wollen.“

Das Mädchen ging zu ihrer Freundin, sie beschwatzten sich und nach kurzer Zeit stand sie fragend am Tisch: „Und wo müssen wir hinkommen ?“
„Ich schreib’s euch uff. Ich wohne in der Bell Etage in der Gleimstraße.“ Man verabredete sich um 14 Uhr und schon war die Sache gelaufen. Kurt Mühle sagte: „Weeste, mei Kleener, so hab’ch zwee Nackedeis und was zu trinken.“ Als Mühle das Café verlassen wollte, boten sich die beiden Mädchen an, ihn zur Straße zu bringen. So ging ein ganz gewöhnlicher Kurt Mühle – Abend dem Ende entgegen, ein Abend im „Wiener Café“.

Gruß Dieter Raedel.