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Potjomkin aus Bimbach hat Schmerzen

Einen langen Anmarsch absolvierte Jan Potjomkin bevor er in Leipzig eintraf. Ihn interessierte Frau Dr. med. Eisenzart, eine Ärztin, die ihm in einem Gesundheits-Forum wärmstens ans Herz gelegt wurde. Nun trudelte er angekratzt in Gohlis ein, um in die Arztpraxis der Spezialistin zu gelangen. Geschafft ! Unsicher betrat er das Wartezimmer. Nirgendwo eine Schwester und Patienten schon gar nicht. Eine perfekte Überraschung.

Die Tür zum Warteraum knarrte sich auf und eine korpulente Frau im blauen Arztkittel schwappte heraus.

„Was für Gründe liegen an, mich nach Kassenschluss aufzuschrecken ?“
„Bei mir ziept’s in letzter Zeit am ganzen Körper ! Mal hier und mal da.“
„Hört sich gut an. Sie sind in einer Privatpraxis, Kassenchip ist nicht erforderlich. Personalausweis und Kontonummer genügen.“
„Heißt das, dass ich alles alleene blechen muss ?“
„Sie kapieren ungewöhnlich schnell, Herr Potjomkin.“
„Danke, Frau Doktor, meine Frau behauptet das Gegenteil.“
„Ihren Namen habe ich schon mal gehört…“
„Ein entfernter Verwandter gründete die Schwarzmeerflotte !“
„Was Sie nicht sagen – ein Russe in meiner Praxis ! Ziehen Sie sich aus und danach ab auf die Bahre !

Als Jan das Wort Bahre hörte, durchflutete ihn ein kalter Schauer.
„Aha, Sie kommen aus dem berühmten Bimbach ! Wo liegt denn das Nest ?“
„Mein Ort befindet sich in der Nähe von Fulda. Ich wohne am Löhnchen.“
„Löhnchen ? Verdient man dort so wenig ?“
„Nee, aber das is doch egal. Hauptsache man is gesund.“
„Wo tut’s denn weh, Herr Potjomkin ?“
„Soeben sticht’s wie verrückt im Nacken !“
„Okay, dann drehen Sie sich mal auf ihren Bierbehälter.“
„Ich bin Nichttrinker.“
„Bleiben Sie bei der Wahrheit !Ich nehme ihr Genick in die Zange. Was spüren Sie ?“
„Auwa ! Ihre Fingernägel !“
„Und was ist mit dem mitgebrachten Schmerz ?“
„Der is weg !“
„Kaum gekommen, schon genommen ! Hahaha !“

„Donnerwetter ! Da hat der Kerl im Internet also nicht untertrieben !“
„Haben Sie genügend auf der hohen Kante ?“
„Aber ja, russischer Adel, wir kaufen uns bald ein Eigenheim.“
„Warten Sie meine Rechnung ab, bevor Ihre Pläne ausufern. Ziehen Sie sich an – oder wollen sie bei mir übernachten ?!“
„Oh, jetzt sticht’s gewaltig zwischen den Beinen !“
„In diesem Fall müssen Sie zum Urologen. Sie dachten wohl, ich würde Ihnen da unten die Zeit vertreiben, he ?“
„Nein, nein, daran dachte ich nicht, Frau Doktor. Inzwischen hat sich’s schon wieder geändert, jetzt is’es der rechte Arm.“

„Haben Sie in Ihrer Gegend ’ne Baugrube ausgehoben ? Es scheint, als ob Sie an Überlastungsbeschwerden am ganzen Körper leiden. Scheint ’ne Tendovaginitis zu sein. Der Arm kommt in Gips !“
„Bloß das nicht, Frau Doktor ! Jetzt krampft die linke Wade !“
„Alles Überlastungserscheinungen und Kalziummangel.“
„Es ist wie verhext, ob Sie es glauben oder nicht.“
„Ziehen Sie sich an, da helfen nur Schlammpackungen. Es wäre auch ratsam, mal nach Husum zu fahren. Dort können Sie bei Ebbe im Watt rumstampfen und sich die Freizeit mit Wattwürmern vertreiben.“

„Sie haben Humor ! Haha ! Oh, die linke Hüfte hat’s erwischt !“
„Bei Ihnen ist das wie auf einem Rangierbahnhof. Nun müsste man als erfahrene Praktikerin eine Nephritis in Betracht ziehn.“
„Eine was ?“
„Nierenentzündung. Wahrscheinlich hat’s im Buddelkasten gezogen.“
„Ich versteh‘ die Welt nich mehr, nun mobbt’s in der linken Schulter !“
„Sagen Sie mal, hat hier jemand ’ne versteckte Kamera laufen ?“
„Ich veräppel Sie nich, das würde mir nie im Leben einfallen. Eine Akademikerin zum Narren zu halten, wäre doch das Allerletzte ! Autsch ! Nu terrorisiert mich der Kopp !“

„Gehen Sie ans Röntgengerät … Ich werde Sie jetzt durchleuchten !“ „Is ja wie im Mittelalter. Hier hat wohl der Fortschritt vergessen Halt zu machen ?“

„Tieeeef einatmen. Luft aaanhalten ! Und ausatmen. Sicherheitshalber die andere Seite. Drehen Sie sich rum. Tieeeef einatmen ! Atem aaanhalten ! Und ausatmen. Das gibt’s doch in keinem Russenfilm ! Eben war sie oben und jetzt ist sie unten. “
„Wovon spechen sie, Frau Doktor ?“
„Ich lag richtig, Herr Dingsda, sie haben eine akute Nierenentzündung !“
„Eine Nierenentzündung unterm Schulterblatt ? Hahahaaaa ! Auwa !“

„Nur zeitweise, Herr Potjomkin, Sie ham ’ne Wanderniere !!!“

Gruß Dieter Raedel.

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Marc Chagall

Marc C h a g a l l
Bedeutender Maler und Illustrator des 20.Jh.
Glas – und Wandmalereien , Keramik

Marc Chagall gehört neben van Gogh und Cézanne zu meinen Lieblingsmalern. In der Kunstgeschichte wird er „Malerpoet“ genannt, eine Bezeichnung, die er nie gern hörte. Seine weltberühmte Karriere verlief keinesfalls geradlinig. In Russland war er einige Zeit Direktor einer Kunstakademie, und als er nach einer Reise wieder heimatlichen Boden betrat, hatte Malewitsch sich den Posten eingeheimst und er musste Kinder im Malen unterrichten. Derweil waren 150 seiner Gemälde spurlos verschwunden, die er einer Berliner Galerie anvertraut hatte. Spitzbuben gab es also schon damals in Berlin. Seine Kunst war stets umstritten, da er mit einfachen Mitteln der Malerei Weltruhm erlangte.

So war auch bei der Ausmalung der Kuppel der Pariser Oper das Lager der Neid – Feinde nicht weit. Glücklicherweise ließ sich der Intendant der Oper nicht beirren. Als die Premiere eines Opernstücks anstand, sollte die Deckenbemalung Chagalls den Zuschauern erstmals gezeigt werden. Spärliches Seitenlicht und zwei Punktscheinwerfer zum Theatervorhang ließen kein Licht zur Kuppel zu. Der Intendant hatte alles berechnend inszeniert. Das Licht ging aus und nach Sekunden der Dunkelheit schmetterten vier Punktscheinwerfer ihr Licht an die ausgemalte Theaterkuppel ! Die Zuschauer waren derart beeindruckt, so dass ein donnernder Applaus für das Werk Chagalls einsetzte und die Gegner seiner Malerei die Arschkarte gezogen hatten.

Einige Zeit arbeiteten Picasso und Chagall zusammen in einer Keramikwerkstatt. Als die Luft rein war, malte Picasso einige Hähne und Kühe auf einen der Teller Chagalls und schummelte diese unter Chagalls Arbeiten, in der Hoffnung, von Chagall nicht bemerkt zu werden. Doch Chagall bemerkte sofort den Streich und nahm’s gelassen hin. Picasso äußerte sich mehrfach abfällig über diese russische „Volkskunst“.

Über seine Mutter schrieb er:
„Kinder, wir wollen das Lied vom Rabbi singen, helft mir !“
Die Kinder sangen und schliefen ein. Sie fing an zu weinen und ich sagte:
Du fängst schon wieder an! Da singe ich nicht mehr!

Ich möchte sagen, dass sich irgendwie in ihr mein Talent verbarg und
dass ich alles von ihr geerbt habe, nur nicht ihren Geist.“

„Sie betrachtete meine Malerei, mit Gott weiß was für Augen. Ich wartete auf ihr Urteil. Endlich verkündete sie langsam:
„Ja, mein Sohn, ich sehe, du hast Talent ! Aber hör‘ zu mein Kind, du tust mir leid. Vielleicht wirst du doch lieber K o m m i s !“ (Soldat)

Von seinem Vater erzählte er in einem Selbstgespräch:
„Du weißt noch, ich habe von dir eine Studie gemacht. Dein Porträt hätte wie eine Kerze wirken müssen, die aufflammt und wieder verlöscht. Eine Fliege summt – verdammt – ihretwegen schlaf ich ein.“

Über seinen Großvater schrieb er:
„Wenn schönes Feiertagswetter war, kletterte mein Großvater auf’s Dach, setzte sich auf den Schornstein und aß Mohrrüben.“

„Als Großvater eines Tages auf die Zeichnung einer nackten Frau stieß, wandte er sich ab, als ob das ihm nichts anginge oder als ob da ein fremder Stern über dem Marktplkatz stünde, mit dem die Einwohner nichts zu tun hätten.“

Vom Onkel wusste er zu berichten:
„Mein Onkel hat Angst, mir die Hand hinzustrecken .Man sagt, ich sei Maler. Wenn ich ihn zeichnen wollte ? Gott erlaubt es nicht, Sünde.“

„Als ich des Onkels Porträt malte und es ihm anbot, warf er einen kurzen Blick auf das Bild, betrachtete sich dann im Spiegel, überlegte ein wenig und sagte zu mir : Also weißt du, nein, behalt es !“

Und für die neidbehafteten Kritiker hatte er folgende Worte übrig:
„Nicht der Gegenstand, sondern die Handschrift des Künstlers ist entscheidend. Dass ich Milchmädchen, Hähne und russische Provinzarchitektur als Formvorlage benutze, liegt darin begründet, dass diese Dinge Teil jener Umgebung sind, aus der ich stamme.“

Ironisch fügte er hinzu:
„Ich kenne meine Bilder nur zu gut. Sie sind ein Teil von mir, aber ich weiß nicht, wovon sie handeln. Ich male gern schlechte Bilder! Ich kann nischt anders.“

Und in einem anderen Fall:
„Falls ihr für die Nachwelt noch weitere Beweise für eure Unfehlbarkeit und meine Verstöße gegen den gesunden Menschenverstand braucht, will ich euch erzählen, was mir meine Mutter über meine reizenden Verwandten aus Liosno berichtet hat. Der eine von ihnen hat nichts Besseres gewusst, als nur mit einem Hemd bekleidet in einer Vorstadtstraße spazieren zu gehn. Die Erinnerung an diesen Unbehosten wird immer mein Herz mit sonniger Freude erfüllen. Als ob in der Straße von Liosno am helllichten
Tag die Malerei eines Masaccio entstanden wäre.“

LG Prenzlmaler.

Quelle der Zitate: Marc Chagall „Mein Leben“.

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Kurt Mühle und Dieter Raedel im Wiener Café

Prenzlauer Berg – Galerie der Szene ! Kurt Mühle und Dieter Raedel im Wiener Café in der Schönhauser Allee.

Es war in den 80 er Jahren, als sich allabendlich ein Teil der Szene des Prenzlauer Berges im „Wiener Café“ in der Schönhauser Allee traf. Ein buntes Völkchen von Intellektuellen, Künstlern, Schriftstellern, Malern nd weiß der Geier wer noch. Gute Laune pur und Witzeleien non stop. Der Laden war stets brechend voll. Vorn links die Theke, in der Mitte rechts ein schwarzer Stutzflügel, danach ging`s ein paar Stufen hoch mit einem baufälligen Geländer und oben wiederum Stühle und Tische. Unten war das Café mit Spiegeln ausgestattet. Als Dauergast, wenn ich nicht gerade mit meinem Kinderprogramm irgendwo in der DDR rumschwirrte, erhielt ich das Recht, bei überfüllter Kneipe an der Theke stehen zu dürfen. Das hatte Oleg mir aus Sympathie aus einer guten Laune heraus zugestanden. Meist traf man sich schon am Nachmittag. Eigentlich war es ein Quatsch- und Saufladen wie jeder andere auch. Früher spielte noch ein Altherren-Duo zur Unterhaltung: „Duo Winter – Weide“ als Café-Musik-Band.

An jenem Tag ging’s bereits nachmittags los. Gleich gegenüber dem Klavier saß bei einem Glas Rotwein ein damaliges Original vom Berg: Kurt Mühle. Sein Vornamen spielte eigentlich nie eine Rolle, es war der ewig durstige „Mühle“. Er saß rauchend am Tisch und zeichnete, wobei beim Trinken meist ein paar Rotweintropfen auf’s Papier kamen und die
abfallende Asche landete gewöhnlich ebenfalls auf der Zeichnung. Ein echter „Mühle“ wurde mit 10 bis 300 Ostmark gehandelt, es richtete sich nach dem Interessenten und seiner nicht enden wollenden Finanzknappheit.

„Na, mei Kleener, wo kommst’n du nu wieder her ? Kannst mir en Rotwein bestellen ? Das machste ja, wie ich dich kenne, habe grad mal kee Geld.“
Kurt Mühle zeichnete alle Personen die das Café betraten, und zwar aus der Bewegung heraus. Als er mir das fertige Blatt Papier zeigte, waren lediglich nicht mehr entwirrbare Striche zu sehen. Er signierte und sagte:
„Ma sehn, ob’ch heute een Dummen finde, der mir das abkooft.“
Ich betrachtete eingehend die diffusen Stricheleien und schlug ihm den Titel vor: „Misthaufen im Sturm“. Kurt Mühle war damit einverstanden und wir stellten das Blatt Papier, an eine Vase gelehnt, auf den kleinen Flügel. Manch einer betrachtete den Wirrwarr und ich sagte stets mit bedeutendem Ausdruck: „Von Mühle“. Nach etwa einer reichlichen Stunde kaufte ein junger Mann das Kunstwerk für 30 Mark und Kurt Mühle hatte seine Spritkosten für den Abend rein. Er war etwas gehbehindert, weil er meist unter Strom stand und so war jeder Gang zur Toilette, die sich im oberen Raum des Cafés befand, mit einer Bergsteigertour im Kampf mit den Stufen verbunden.

Da Kurt Mühle oft sich im Café befand, war das Treppengeländer sehr wacklig geworden. Neben dem Aufgang war noch ein Tisch für zwei Personen, wo an diesem Tag zwei hübsche Mädchen um die Zwanzig saßen. Als Kurt Mühle die erste Stufe erklimmen und sich rechts am Geländer festhalten wollte, griff er in die Luft, machte eine Drehung nach rechts und saß urplötzlich auf dem Schoß des einen Mädchens. Die schienen Mühle bereits zu kennen, denn sie machten keine Anstalten, sich darüber aufzuregen. Kurt Mühle blieb sitzen und fragte:
„Na, ihr zwee Broiler, wollt ihr bei mir mal Akt stehn ? Aber nur, wenn ihr zwee Flaschen Rotwein mitbringt !“ Alles lachte, auch die Mädchen. Kurt Mühle hangelte sich hoch und ich half ihm, die steile Treppe zu überwinden. Nach ein paar Minuten setzte er sich wieder an unseren Tisch und Oleg servierte ihm neuen Rotwein, den er von den Mädchen spendiert bekam.
„Den nehm’ch ausnahmsweise mal an. Habt ihr och noch paar Lullen ?“

Das eine der Mädchen kam sofort an den Tisch und legte ihm ein paar Zigaretten hin, wobei sie ihn munter anlächelte. Kurt Mühle lachte zurück. Sein offenener Mund war ein schwarzes Loch ohne Zähne. Zwar hatte er Zahnersatz, doch den hatte er wieder einmal verlegt. Als das Mädchen wieder an ihren Tisch gehen wollte, hielt Mühle sie am Rock fest:
„Sache mal, haste morgen Zeit ? Euch beede würde ich da malen wollen.“

Das Mädchen ging zu ihrer Freundin, sie beschwatzten sich und nach kurzer Zeit stand sie fragend am Tisch: „Und wo müssen wir hinkommen ?“
„Ich schreib’s euch uff. Ich wohne in der Bell Etage in der Gleimstraße.“ Man verabredete sich um 14 Uhr und schon war die Sache gelaufen. Kurt Mühle sagte: „Weeste, mei Kleener, so hab’ch zwee Nackedeis und was zu trinken.“ Als Mühle das Café verlassen wollte, boten sich die beiden Mädchen an, ihn zur Straße zu bringen. So ging ein ganz gewöhnlicher Kurt Mühle – Abend dem Ende entgegen, ein Abend im „Wiener Café“.

Gruß Dieter Raedel.