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Satire Gendarmenmarkt Berlin – Friedrichstadt

1998 benötigte ich für eine Berliner Ausstellung noch ein paar Stadtlandschaften und ich entschied mich für den Gendarmenmarkt, So malte ich das Konzerthaus, den Deutschen Don, das Schiller-Denkmal und den Französischen Dom. Meist krame ich in der Geschichte der zu malenden Objekte rum und da gab es sogleich Futter für eine Satire.

Heiß war´s und vor lauter Touris sah man die kleinen Kirchen nicht. Links Schatten, rechts Sonne. Mir war nach Schatten zumute. Dieser herrliche Platz hat große Ausmaße, damit mein Humor noch reinpasst und sich die Touris nicht auf Schritt und Tritt anrempeln. Bei Wikipedia ist das seltsamerweise untergegangen.

Bei einer derartigen Größe, kann auch der Gendarmenmarkt viele Namen schlucken, die man ihm im Laufe seines Lebens verpasste. Geduldig wie er nun mal ist, verkraftete er alles, ohne dabei untergegangen zu sein. Zunächst nannte man ihn Lindenmarkt. Kaum hatte er sich daran gewöhnt, avancierte er zum Neumarkt. Mit derartiger Aufmerksamkeit hatte er gar nicht gerechnet, da ihm sein Umfeld unansehnlich vorkam und er sich weit entfernt von einem repräsentativen Platz befand.

Friedrich II. bekam eine Kolik nach der anderen und konnte seinen staatsführenden Aufgaben nicht mehr gerecht werden, weil dieser Platz in seinen Augen als Unding sich festgefroren hatte. Dieses Terrain schreit nach Veränderung ! Die verdammte Schmuddelarena untergräbt die längst überfälligen Zeugnisse des stolzen Herrscherhauses und seines etablierten Großbürgertums. Der Platz wird aufgeziegelt und bekommt das Ansehen, was ihm zusteht. Bald darf sich die Welt im Staunen üben !

15.000 Hugenotten gab es in Berlin und seiner Umgebung und die Eingewanderten bestanden auf dem Bau einer eigenen Kirche. Kein Problem, der Platz ist groß genug und da darf sich auch eine Französische Kirche breit machen. Verantwortlich war dafür Louis Coyart. Gegenüber war die Deutsche Kirche.

Friedrich II. holte sich eine Prise Schnupftabak aus seiner vergoldeten Dose, hüstelte dreimal kurz militärisch und ließ die gesamten Häuser der Gegend dem Erdboden gleichmachen. Ihre Nachfolger waren dreistöckig und prunkvoll und bildeten ein Ensemble nach dem Geschmack des Regenten.

Nun starrte Friedrich II. zur Mitte des Platzes und bewunderte die absonderlich anmutenden Bauten der Hauptwache vom Reiterregiment „GENS D´ARMES“. Pferdestallgeruch als Staatspräsenz mitten in Berlin! Und das bis 1782. Nun reicht´s! Die Pferdeställe verschwanden und auf dem Areal entstand das attracktivere Komödienhaus. Zwischendurch erhielt der Platz wieder einmal einen neuen Namen: Friedrichstädter Platz.

Wenn eigene Ideen Mangelware sind, muss man irgendetwas abzinken oder wenigstens so ähnlich ins Leben rufen. So wurde nach dem Vorbild der beiden Marienkirchen auf der PIAZZA DEL POPOLO in Rom kräftig zugelangt und die architektonische Fassadenkomik von Berlin erlebte ihre Geburtsstunde. Vor beide Kirchen kommt je ein funktionsloser mit Säulen und anderem Schnickschnack versehener Turm , ohne dass es eine innere Verbindung zu den Kirchen gibt. Architektonisches Renommee im Stile eines Kasperle – Theaters. Viva la renommage! Der Regent war zufrieden. Ab sofort hieß der Friedrichstädter Platz, an das Reiterregiment „GENS D´ARMES“ angelehnt , GENDARMENMARKT.

Mit dem Bau der Türme wurde Carl von Gontard, bedeutendster Architekt des spätfriderizianischen Rokoko, als Königlicher Baudirektor beauftragt. Die Arbeiten gingen auf der Berliner Bühne des schönen Scheins zügig voran und Friedrich II. rieb sich dreimal kurz militärisch die Hände, ein Stück Italien nach Berlin geklaut zu haben. Es war ein Aufblitzen seiner schlitzohrigen Genialität.

Zu dieser Zeit schlummerten die wohlhabenden Bürger des neuen Häuserensembles am Wechselnamensplatz in den schönsten Träumen, nicht ahnend, dass sich das im nächsten Augenblick gewaltig ändern könnte. Warum auch, alles pompös ! Mitten in der Nacht wurden die Berliner von einem unbeschreiblichen Donner aus ihren friedlichen Träumen gerissen. Mit einer Wucht erzitterten die Häuser und eine riesige Staubwolke kroch in die Zimmer am Renommierplatz. Berlin hatte eine neue Sensation ! Der Kuppelturm, den man an die Deutsche Kirche geklatscht hatte, war desaströs zusammengestürzt !Schaulustige drängten sich wochenlang, um die Einzigartigkeit des Berliner Ereignisses zu bestaunen und auszukosten. Das war im Juli 1782. Friedrich II. nahm´s gelassen hin und befahl Neuaufbau.

Die Maler jener Zeit hatten ein neues Motiv und postierten sich um die Ruine. Unter den Künstlern stand ein 17 jähriger Junge und dieser zeichnete was das Zeug hielt ! Es war der später berühmte Johann Gottfried Schadow.

Als das gekuppelte Silo nicht mehr erneut zusammenkrachte, ließ das öffentliche Interesse nach und man überlegte, wie man die beiden Betonhülsen besser an den Mann bringen könnte. Turm an der Deutschen Kirche ? Nee, klingt stupide. Und der Name Turm an der Französischen Kirche geht auch daneben. Wir brauchen einen Namen, den man in die Berliner Herrlichkeit reinbügeln kann. Stellen Sie sich mal vor, wenn man die Wahrheit beim Namen nennen würde, so ungefähr: Verzierte Deutsche Betonhülse auf dem Gendarmenmarkt oder Französisches Betonsilo auf dem Gendarmenmarkt. Wer denkt beim Namen Deutsche Betonhülse noch an Italien ! Sicher sehr wenige. Man könnte es mit „Deutsche Stümperkopie italienisierter Betonhülsen auf dem Gendarmenmarkt“ probieren. Aber das geht leider nicht, weil die Italiener wieder einmal sauer wären. Die Neue Berliner Zuckergussarchitektur erblühte am Fließband. Unentwegt stellte man Säulen und Fassadenfiguren her, und zwar immer doppelt, um den beiden Betonhülsen Berliner Charme einzuhauchen. Als die architektonische Lachnummer rechts und links des Komödienhauses ihren Gipfel erreichte, staunte man, wie prunkvoll und prächtig die Gontard´schen Türme sich nach der Garnierung ausmachten. Wer´s nicht weiß, könnte meinen, es handle sich um zu klein geratene Dome. Und wenn ein Turm wie ein Dom aussieht, dann ist er auch einer ! Basta ! So staunte Berlin nicht schlecht, dass zum Berliner Dom noch zwei Fehlgeburten in die Berliner Namenslandschaft kamen. Wer in der Welt kann schon behaupten, zwei garnierte Betonhülsen als Dome zu verbraten? Seht ihr, das zeigt wieder einmal klar die Einzigartigkeit von Berlin an. Und beobachtet man die Touristen, so ist es ein Heer von Staunenden: Berlin hat d r e i Dome ! Sensationell !!!

1800 bis 1802 sollte sich die Sache ändern, als das National-Theater von Carl Gotthard Langhans gebaut wurde, der auch das Brandenburger Tor entwarf. Für beide Bauten erntete er jedoch scharfe Kritik von seinen Fachkollegen. Das National-Theater brannte 1817 bis auf die Außenmauern ab und der Platz befand sich erneut im Koma.

Unter Einbeziehung der Reste des National-Theaters schuf 1821 Karl Friedrich Schinkel eine architektonische Glanzleistung und es entstand das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Von nun an konnte der Platz von sich behaupten, einer der schönsten Plätze Europas zu sein.

Am 10.11.1871 wurde das von Reinhold Begas geschaffene Schiller-Denkmal mit vier auf einem Brunnenrand sitzenden allegorischen Figuren vor das Schauspielhaus gestellt und so erblühte der Platz in vollster Schönheit. Von den allegorischen Figuren behaupteten die Berliner, es seien die einzigen Berlinerinnen, die ihre Klappe halten könnten. Da freute sich der Platz, doch gleichzeitig erhielt er wieder einmal einen neuen Namen, auf den er bis 1936 hören musste: Schillerplatz.

Vor der Aufstellung Schillers hatten sich verschiedene Interessengruppen in der Wolle, weil auch noch Goethe und Lessing aufgestellt werden sollten. Als die Fetzen nicht mehr flogen und die Schiller-Befürworter gewonnen hatten, verfrachtete man Goethe und Lessing in den Tiergarten.

1936 räumten die Nazis den Schiller-Brunnen aus dem Wege, da die braunen Horden Platz für Aufmärsche brauchten. Den II.WK überlebte Schiller im Westteil und die allegorischen Figuren im Ostteil der Stadt. Nun wunderte sich der Platz, weil der Westen den Schiller nicht rausrücken wollte und der Osten die vier allegorischen Damen ohne dem marmornen Friedrich auch nicht aufstellen konnten. Eine politische Lachnummer ! 1988 wurde alles wieder zusammengesetzt und Reinhold Begas‘ Meisterleistung stand endlich wieder auf angestammtem Platze.

Das prächtige Schauspielhaus Carl Friedrich Schinkels wurde im II.WK fast völlig zerstört. Nur Reste der Außenmauern und ein Teil des Großen Saals blieben übrig. Erst 1984 wurde es erneut den Berlinern wieder übergeben.

Zur glorreichen DDR-Zeit musste der Gendarmenmarkt nicht lange auf eine Namensänderung warten. Man taufte ihn mit sozialistischem Weihwasser zum Platz der Akademie. Nach 1989 spachtelte man den Akademie-Namen ab und der Platz durfte sich wieder Gendarmenmarkt nennen.

Viele behaupten, der Gendarmenmarkt sei der schönste Platz in Berlin. Doch meine ich, er gehört trotz der unfreiwilligen Komik zu den schönsten Plätzen Europas.

Ne Story von Dieter Raedel.


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Prenzlberg Galerie – Besucher 13.12.2007

Zwei auserlesene Besucher in meiner Galerie Greifenhagener 15 im Prenzlauer Berg

„Hallo, Rettl, will mir nur schnell mal deine Bilder ansch … Neues haste nich gemacht, das kenn‘ ich alles, nur Altes. Schau mal meine Mappe an, ich hab‘ mich mal im Gegenständlichen probiert. Es sind alles Drucke auf schwarzem Fotopapier und in Wirklichkeit sehen meine Werke ganz anders aus.
Schau, das ist ne Kirche im Morgennebel … oder hier der kaputte Zaun an der Küste … schau, das finde ich nun wirklich gelungen, ein blühender Obstbaum im Rapsfeld. Den hab ich mal vor Jahren in New Yoerk gesehn … ich sagte es dir damals, als du mit deinen Bildern auf der Straße … Ich würde mich nicht so erniedrigen. Wart‘ mal, muss mir erst mal eine drehn.
Da hat doch das Finanzamt mir 682 Euro abgezogen … Dürfen die denn das überhaupt ? Ich weiß ja nicht, es war wohl ne Nachzahlung, wegen meines Bilderverkauf’s … die Sachen gehen gut. Deine Galerie ist in ner toten Ecke, da kommt sowieso keiner rein. Da muss man schon Beziehungen zu einem Galeristen haben … deswegen bin ich ja mit meiner Mappe unterwegs, der wird über die neuen Sachen staunen … “

„Kannst du bitte mal zur Seite gehn, möchte nur mal deinen Dreck wegkehren.“

„Rettl, das war ich nicht, an meinen glatten Sohlen bleibt nichts kleben. Wie ich sehe, versuchst du dich im Abstrakten, aber da musst du noch gewaltig zulegen.“

„Du sagtest doch vorhin, ich hätte nur alten Kram hier hängen. Die acht abstrakten Bilder sind zwischen Mitte November bis zum heutigen Tag entstanden … “

„Rettl, ich habe jetzt einen Termin bei einem Galeristen und lass mich später mal wieder hier sehn. Zwar kennt er die Sachen von mir bereits, aber man weiß ja nie, wie er heute aufgelegt ist, und mein Bauch sagt mir, dass es heute klappen könnte. Schönen Tag noch !“

„Ja, tschüssi !“

—–

„Hallo, kommen Sie ruhig rein. Sie müssen nichts kaufen … “

„Aber gern … Wissen Sie, meine Freundin malt auch und ich kenn mich deshalb mit der Malerei recht gut aus. Na, was ich hier sehe, das ist ja gar nichts …“

„Das ist ne Hommage à van Gogh.“

„Meine Freundin macht ganz herrliche dekorative Sachen. Das sollten Sie mal sehn. Zauberhaft. Was die allein für herrlich pastöse Bilder mit Acryl-Gel nach Schablone machte, ist wirklich einzigartig. So etwas müssen Sie machen. Man muss als Künstler stets das Ohr an der Masse haben.“

„Welchen Beruf üben Sie denn aus ?“

„Ach, das ist eine lange Geschichte. Momentan bin ich auf der Suche nach einer attraktiven Tätigkeit. Ich bin Regisseurin und war lange Zeit bei „ntv“ beschäftigt. Wir machten alles live aller halben Stunde. Jahrelang ging das so. Aber die haben uns damals schon gesagt, dass das nicht mehr lange gehen würde. Sechs Leute waren wir. Schon beim Fernsehen der DDR war ich eine gefragte Person. Damals war ich Regie-Assistentin. Na, und ganz früher, Tänzerin.
Die Leute vom Prenzlauer Berg… Wissen sie, ich wohne schon seit über 30 Jahren in der Pappelallee und hab da eine konfortable Wohnung. Aber das hält doch keiner hier mehr aus. Am liebsten möchte ich sofort die Sachen packen und nach Schöneberg ziehn. Da ist ein ganz anderes Milieu. Die Leute hier haben keinerlei Allgemeinbildung. Das einzige was sie können … Sie wissen, was ich meine, alle paar Meter stolpert man über einen Kinderwagen. Nein, das reicht mir langsam. Ich ziehe nach Charlottenburg. Dort wohnen ganz andere Leute.
Als mich mal ein paar Freunde besuchten, staunten die über meine Bilder im Flur. Die haben überhaupt nichts an den Wänden hängen. So kahl wie ihre Wände, sind auch ihre Köpfe. Da waren sie aber beeindruckt. Ich hatte drei Bilder hinter Glas. Es waren Fotos von Karl Lagerfeld.
Man ist hier im Prenzlauer Berg irgendwie gebunden, Kreuzberg hingegen ist frei. Aber was soll man machen. Vor einiger Zeit gab ich Lesungen. Aber das reichte mir, keiner hörte zu und laufend wird man angefasst. In Altenheimen ist das so.
Wenn meine Tochter mich besucht, und Sie können davon ausgehen, tatsächlich modern eingerichtet zu sein, sagt sie von oben herab, dass ich ein Problem hätte.
War nett, sich mit Ihnen mal unterhalten zu haben. Und denken Sie daran, was ich Ihnen von meiner Freundin erzählte.“

„Ja, schönen Tag noch … “

LG Prenzlmaler Dieter Raedel.

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Potjomkin aus Bimbach hat Schmerzen

Einen langen Anmarsch absolvierte Jan Potjomkin bevor er in Leipzig eintraf. Ihn interessierte Frau Dr. med. Eisenzart, eine Ärztin, die ihm in einem Gesundheits-Forum wärmstens ans Herz gelegt wurde. Nun trudelte er angekratzt in Gohlis ein, um in die Arztpraxis der Spezialistin zu gelangen. Geschafft ! Unsicher betrat er das Wartezimmer. Nirgendwo eine Schwester und Patienten schon gar nicht. Eine perfekte Überraschung.

Die Tür zum Warteraum knarrte sich auf und eine korpulente Frau im blauen Arztkittel schwappte heraus.

„Was für Gründe liegen an, mich nach Kassenschluss aufzuschrecken ?“
„Bei mir ziept’s in letzter Zeit am ganzen Körper ! Mal hier und mal da.“
„Hört sich gut an. Sie sind in einer Privatpraxis, Kassenchip ist nicht erforderlich. Personalausweis und Kontonummer genügen.“
„Heißt das, dass ich alles alleene blechen muss ?“
„Sie kapieren ungewöhnlich schnell, Herr Potjomkin.“
„Danke, Frau Doktor, meine Frau behauptet das Gegenteil.“
„Ihren Namen habe ich schon mal gehört…“
„Ein entfernter Verwandter gründete die Schwarzmeerflotte !“
„Was Sie nicht sagen – ein Russe in meiner Praxis ! Ziehen Sie sich aus und danach ab auf die Bahre !

Als Jan das Wort Bahre hörte, durchflutete ihn ein kalter Schauer.
„Aha, Sie kommen aus dem berühmten Bimbach ! Wo liegt denn das Nest ?“
„Mein Ort befindet sich in der Nähe von Fulda. Ich wohne am Löhnchen.“
„Löhnchen ? Verdient man dort so wenig ?“
„Nee, aber das is doch egal. Hauptsache man is gesund.“
„Wo tut’s denn weh, Herr Potjomkin ?“
„Soeben sticht’s wie verrückt im Nacken !“
„Okay, dann drehen Sie sich mal auf ihren Bierbehälter.“
„Ich bin Nichttrinker.“
„Bleiben Sie bei der Wahrheit !Ich nehme ihr Genick in die Zange. Was spüren Sie ?“
„Auwa ! Ihre Fingernägel !“
„Und was ist mit dem mitgebrachten Schmerz ?“
„Der is weg !“
„Kaum gekommen, schon genommen ! Hahaha !“

„Donnerwetter ! Da hat der Kerl im Internet also nicht untertrieben !“
„Haben Sie genügend auf der hohen Kante ?“
„Aber ja, russischer Adel, wir kaufen uns bald ein Eigenheim.“
„Warten Sie meine Rechnung ab, bevor Ihre Pläne ausufern. Ziehen Sie sich an – oder wollen sie bei mir übernachten ?!“
„Oh, jetzt sticht’s gewaltig zwischen den Beinen !“
„In diesem Fall müssen Sie zum Urologen. Sie dachten wohl, ich würde Ihnen da unten die Zeit vertreiben, he ?“
„Nein, nein, daran dachte ich nicht, Frau Doktor. Inzwischen hat sich’s schon wieder geändert, jetzt is’es der rechte Arm.“

„Haben Sie in Ihrer Gegend ’ne Baugrube ausgehoben ? Es scheint, als ob Sie an Überlastungsbeschwerden am ganzen Körper leiden. Scheint ’ne Tendovaginitis zu sein. Der Arm kommt in Gips !“
„Bloß das nicht, Frau Doktor ! Jetzt krampft die linke Wade !“
„Alles Überlastungserscheinungen und Kalziummangel.“
„Es ist wie verhext, ob Sie es glauben oder nicht.“
„Ziehen Sie sich an, da helfen nur Schlammpackungen. Es wäre auch ratsam, mal nach Husum zu fahren. Dort können Sie bei Ebbe im Watt rumstampfen und sich die Freizeit mit Wattwürmern vertreiben.“

„Sie haben Humor ! Haha ! Oh, die linke Hüfte hat’s erwischt !“
„Bei Ihnen ist das wie auf einem Rangierbahnhof. Nun müsste man als erfahrene Praktikerin eine Nephritis in Betracht ziehn.“
„Eine was ?“
„Nierenentzündung. Wahrscheinlich hat’s im Buddelkasten gezogen.“
„Ich versteh‘ die Welt nich mehr, nun mobbt’s in der linken Schulter !“
„Sagen Sie mal, hat hier jemand ’ne versteckte Kamera laufen ?“
„Ich veräppel Sie nich, das würde mir nie im Leben einfallen. Eine Akademikerin zum Narren zu halten, wäre doch das Allerletzte ! Autsch ! Nu terrorisiert mich der Kopp !“

„Gehen Sie ans Röntgengerät … Ich werde Sie jetzt durchleuchten !“ „Is ja wie im Mittelalter. Hier hat wohl der Fortschritt vergessen Halt zu machen ?“

„Tieeeef einatmen. Luft aaanhalten ! Und ausatmen. Sicherheitshalber die andere Seite. Drehen Sie sich rum. Tieeeef einatmen ! Atem aaanhalten ! Und ausatmen. Das gibt’s doch in keinem Russenfilm ! Eben war sie oben und jetzt ist sie unten. “
„Wovon spechen sie, Frau Doktor ?“
„Ich lag richtig, Herr Dingsda, sie haben eine akute Nierenentzündung !“
„Eine Nierenentzündung unterm Schulterblatt ? Hahahaaaa ! Auwa !“

„Nur zeitweise, Herr Potjomkin, Sie ham ’ne Wanderniere !!!“

Gruß Dieter Raedel.

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Wasser für die Staatssicherheit gesponsort

Während der Revolutionstage in der „Hauptstadt der DDR“, Berlin, waren im Oktober 1989 die Straßen in der unmittelbaren Umgebung der Gethsemanekirche, die längst zum Zentrum des Widerstandes gegen das SED-Regime in Berlin geworden war, die Straßen voller Menschen. Da ich nur drei Häuser von der Kirche entfernt wohne, konnte man das Protesttreiben auf der Straße bestens beobachten.

Auffallend wenig Polizisten waren zu sehn, doch in Gruppen standen Männer rum, die sich nicht an den Sprechchören beteiligten, sondern beinahe machtlos das muntere Treiben beobachteten: Die Staatssicherheit, die Stasi. Manchmal wurden vereinzelte Männer und Frauen kontrolliert und an den Armen festgehalten, weil irgendein Spruch nicht genehm war. Sicher gab es da auch Verhaftungen, doch das konnte ich von oben nicht richtig einschätzen. Und diese seltsamen Gestalten fotografierten die Protestierenden, um die Menschen einzuschüchtern. Doch das interessierte nicht mehr.

Im gegenüberliegenden Haus sah ich, wie ein Künstler-Kollege sein Fenster im vierten Stock öffnete und die vor seinem Eingang stehenden fünf Stasi-Typen anvisierte. Kurz danach holte er einen Topf Wasser und schüttete diesen Leuten das Wasser ins Genick. Erbost versuchten sie das Fenster der Dusche ausfindig zu machen, was ihnen jedoch nicht gelang. Ich war begeistert, dass er so gut gezielt hatte und bekam Mut, es ihm nachzumachen.

Ich wohnte damals im dritten Stock und besprach mit meinem neunjährigen Sohn den bevorstehenden Einsatz. Er war davon ganz begeistert. Nur wollten wir auch wirklich die Stasi treffen und nicht etwa die Protestierenden. Wir füllten einen Eimer mit Wasser und warteten am geöffneten Fenster ab. Es war bereits dunkel, doch man konnte durch die Straßenbeleuchtung genauestens sehn, was da unten Fakt war. Natürlich wurde das Licht ausgeschaltet. Lange gab’s keine Einsatzmöglichkeit, doch unsere Geduld sollte belohnt werden

Unten stand ein B 1000- Kleinbus und ein Stasifilmer mit einer riesigen Kamera, begann die hintere Tür des Autos zu öffnen, um einen Film zu wechseln. Genau in diesem Moment krachte das Wasser aus meinem Eimer zielgerecht auf ihn und seine offene Kamera. Blitzartig hatte ich das Fenster geschlossen und ging mit meinem Sohn in die Küche, um Abendbrot zu machen. Sollte es klingeln, so hatten wir keine Ahnung, was während unseres Essens da auf der Straße passierte. Nebenan hatte mein Nachbar das mitgekriegt, doch er hat mich nicht angezeigt und es hatte auch nicht an der Wohnungstür geklingelt. So kann ich von mir behaupten, für die Stasi etwas übriggehabt zu haben und spendabel gewesen zu sein.

LG Dieter Raedel.

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Mario Blumenexperte Schönhauser Allee Berlin

In den wilden Tagen nach der Wende, hatten die Stammeinwohner des Ostens noch genügend Geld in der Tasche, waren gut gelaunt und kauften Blumen en gros. Allein im alten Bahnhof Schönhauser Allee gab es zwei große Blumenstände und die Prenzlberger verschönerten sich ihre Wohnräume mit Blumensträußen mannigfaltigster Art. Einer war zuspät in den Blumenreigen eingetreten und musste sich damit begnügen, unterm U-Bahn-Viadukt gegenüber dem Bahnhof seine Blumenpracht anbieten zu können. Neben ihm handelte ein ärmlich gekleidetes Mütterchen mit Gartenblumen, die sie in einem kleinen Wassereimer zu stehen hatte. Meist wurde sie ihre Blumen eher los, wahr – scheinlich kaufte man bei ihr aus Mitgefühl. Die ältere Dame war auch stets zu einem netten Schwätzchen bereit.

Mario hatte einen zweirädrigen Karren mit selbstgebastelten Aufsatzbrettern, und wenn er damit in die Kopenhagener schaukelte, war das allein ein Paradestück aus dem Bilderbuch von „Gewusst wie !“ Nicht selten passierte es, dass ein heimtückisches Schlagloch auf ihn wartete, welches er mit einer nicht zu übertreffenden Sicherheit ansteuerte. In solchen Momenten kippte ein Teil seiner Ladung um und die Berliner waren außer sich vor Freude. Mario sah das anders und spulte seinen Fluchkatalog lauthals runter, ohne dabei die grinsenden Passanten auszulassen. Solche Sätze wie:
„Was glotzten ihr so dämlich, ihr Arschgeigen ?“
waren verständlich und jeder wusste damit etwas anzufangen.

Wenn in den Abendstunden kaum etwas gekauft wurde, war die damals 16 jährige Heike und ich oft bei ihm anzutreffen, um ihm die Langeweile mit Würfelspielen zu vertreiben. Mario war der geborene Spielertyp und hatte sich in vielen Tagen emsigen Trainings reichlich Erfahrungswerte an den Geldautomaten erworben. Manchmal bediente er mehrere Spielautomaten auf einmal, um möglichst schnell den Tagesverdienst in Sonderspiele umzuwandeln. Lief es nicht nach seinen Wünschen, bekamen es die Automaten mit seinen Fäusten zu spüren, wobei sein Fluchrepertoire unerschöpflich schien. Schlimm war es, wenn nur noch wenig Geld für neue Blumen vorhanden war. Alte Bestände, die eigentlich nicht mehr verkäuflich waren, wurden mit einem Draht versehen, um erneut Stabilität zu demonstrieren. Blüten, die im Begriff waren, für immer ihren Geist aufzugeben, besprühte er mit Autolack-Color. So gewannen sie ein neues Aussehen und hatten kaum die Möglichkeit, vom Stengel zu fallen. Und die Blüten, die wahrlich längst auf dem Sterbebett lagen, bekamen noch Glitzereffekt und wurden deshalb etwas teurer angeboten. Mario hatte sich im Laufe seiner Floristenlaufbahn einen umfassenden Erfahrungsschatz angeeignet und war im Berliner Telefonverzeichnis unter dem Buchstaben „E“, wie Experten, zu finden. Einmal bekam er von einer Frau sogar Trinkgeld, da seine Blumen nach sieben Wochen immer noch nicht verwelkt seien.

Allergisch reagierte Mario, wenn jemand sein floristisches Angebot von der negativen Seite einschätzte:
„Aber Ihre Blumen machen nicht mehr den frischesten Eindruck !“

In solchen Fällen knallte akut seine Hauptsicherung durch, die Kritiker wurden augenblicklich durch den verbalen Fleischwolf gedreht und hatten ausgespielt. Vor ihm waren alle Menschen gleich, ohne Ausnahme. Ihre Doktortitel konnten sie sich an den Hut stecken, weil sie von Mario neu eingestuft wurden. Die Frische seines Angebots sollte nicht angezweifelt werden, ansonsten gab es eine erfrischende Aufklärung, die es in sich hatte:
„Wenn ick dir den Wassereimer über die Rübe stülpe, sollste mal sehn, wie frisch das hier zugeht !“

Mario hatte Schnauze mit Herz und das sprach sich rum. Als keiner mehr bei ihm kaufte, wurde er Fahrkartenkontrolleur bei den Berliner Verkehrsumtrieben.

Glossiert und garniert von Dieter Raedel.