Geschrieben am

Das blaue Licht von Ohorn – ein Naturphänomen

Ohorn – Staatlich anerkannter Erholungsort – meine Heimat. Referenz mit einem Schuss Satire. Westlausitzer Bergland. Beginn der Oberlausitz. Prenzlmaler Dieter Raedel.

Wie schnelllebig doch die Zeit ist, sogar in Ohorn. Kaum war man vom Landkreis Kamenz nach Bischofswerda / OL gewechselt, so ist man inzwischen wieder im Kreis Kamenz gelandet. Ohorn ist ein Ort der Pendler und pendelt hin und her. Mich sollte es nicht wundern, wenn die plötzlich zu Radeberg überlaufen. Oder immer schön der Autobahn nach, um in Bautzen zu landen. Die Ohorner in Bautzen ! Haha ! Das hat was ! Null Ahnung. Auf jeden Fall besitzt Ohorn stets mehrere Bedarfsebenen. So erging es auch der Jugendherberge, wo man sogar in Gruppen übernachten kann, sie heißt plötzlich Schleißbergbaude. Und wenn man sich dabei verspricht, hm, nicht auszudenken. Die Alteingesessenen sprechen stets von der Jugendherberge. So schnell können die Leute sich nicht umstellen, gelernt ist gelernt.

.
Mitten durch Ohorn schlängelt sich die Autobahn Dresden – Bautzen und trennt den Ort wie ein Messer. Doch man hat zwei Brücken und Unterführungen gibt es auch, sogar im Niederwald. Als ich erstmals den Schallschutz der Autobahn sah, empfand ich ihn als naturwidriges Element, ein Sperrgebiet, mit dem man vorlieb nehmen muss. Mir fiel als Vergleich die Berliner Mauer ein, aber die war bekanntlich nicht grün. Viele Bäume müssten gepflanzt werden, um nachfolgenden Generationen den heutigen Anblick zu ersparen. Dieses seltsame Bauwerk muss unbedingt kaschiert werden. Nein, malerisch ist es nicht. Zudem hat die Autobahn noch eine weitere gewichtige Bedeutung, weil es da eine Autobahnraststätte gibt. Neuerdings wird im Internet angefragt, ob man auf Abruf auf dem Parkplatz Liebesdienste abwickeln kann. Blanke Sahne !Eine Agentur für solche Zwecke gibt es allerdings noch nicht. Ne Marktlücke für geschäftstüchtige Ohorner ? Wär‘ doch was.

.
In vergangener Zeit trennte das in Ohorn entspringende Flüsschen Pulsnitz den Ort in zwei Reiche: Böhmen und Meißen. Wenn man nach Pulsnitz kommt, wird auch heute noch von der „Meißner Seite“ gesprochen. Hier durfte der Ort sogar in zwei Ländern rumpendeln. Das Schloss heißt auch nicht mehr Schloss, es gehört zum Rittergut und ist Senioren – Residenz – das klingt für Ohorn einigermaßen angemessen. Da hat doch schon mal ein gestrenger Häuptling residiert. Preußen hatte seinen Friedrich und war’s zufrieden. Ohorn war in dieser Hinsicht schneller, sozusagen Vorreiter, denn man hatte schon im 16. Jahrhundert auf einen Friedrich setzen müssen: „Friedrich der Strenge“. Das riecht nach Zucht und Ordnung und dürfte mit Freiheit nichts gemein haben.

.
Wenn man den riesigen Berg der Ohorner Poststraße erklimmt, landet man zwar auf einer Anhöhe, doch niemals bei der Post. Die gibt’s gar nicht. Geschichte. Die wurde weggependelt. Das Gebäude mit seinem Fachwerk steht noch an seinem angestammten Platz. Ja, die architektonische Physiognomie ist malerisch. Daneben steht die Schwester der „Dicken Berta“. Die dicke Berta passt nicht so recht in die übrige Häuserlandschaft. Auf dem Dach der Dicken ein Pickel, ein Aufsatz, und man grübelt, ob es sich nun um eine Wetterwarte der ARD handeln könnte oder ob da Beobachtungen am nächtlichen Ohorner Himmel angestellt werden. Verweilt man in den Abendstunden oder am Sonntag in der Nähe der Dicken, beginnt die Wetterstation manchmal zu läuten. Das sitzt sicher einer mit ’ner ABM-Stelle drin und schwenkt die Glocke für’s Abendgebet. Nanu, aber wo ist die Kirche ? Ja, also ‚ ne Kirche gibt’s in Ohorn nicht, man soll’s mit der Heiligkeit auch nicht gleich übertreiben wollen. Im hinteren Trakt wurde ein angebauter Betsaal geschaffen, er ist das Anhängsel einer ehemaligen Dampfmühle. So verwundert es nicht, wenn einige Ohorner zum Beten in die Dampfmühle rücken. Das machen die nur, damit sie die einzigen der Welt sind, die in einer Dampfmühle beten. Deshalb ist die Architektur so globig geraten, damit sie beim Anlauf zum Händefalten nicht übersehen wird. Geschichtsträchtig spricht man vom Kirchlehn, weil der Betsaal sich an die Dampfmühle anlehnt. Seit meiner Kindheit ist mir sogar noch die Hausnummer in Erinnerung: 41. Genau dort wohnte rechts zur Straße hin Oma und Opa: Emma und Max Schmidt. Im ersten Stock empfing uns regelmäßig Pfarrer Kühne, der mit uns seinen lieben Ärger hatte. Leider waren wir Kinder damals sehr erfindungsfreudig und spielten ihm einen Streich nach dem anderen. Wenn die Kastanienzeit ranrückte, gab’s für den Pfarrer nichts zu lachen, da die Dinger sich laufend selbständig machten und gegen ein Blech einer Gasheizung donnerten. Es gab auch Religionsstunden, da spielte er mit uns „Hasche“. Wahrscheinlich legten wir die Bibelverse falsch aus, da es laufend etwas zu lachen gab und der Heilige seine Zeit für gekommen hielt, uns anständig zu verwackeln. Ein kleines Bildchen hing vorn links im Raum, das sich mir für alle Ewigkeit einprägte: es war ein Kunstdruck des Abendmahls von Leonardo da Vinci. Stundenlang studierte ich dieses Bild und saß manchmal gedanklich zwischen den Jüngern. So brachte mir mein Heimatort Ohorn Leonardo nahe – eine unglaubliche Leistung !

.
Ohorn besitzt ein Heimatmuseum und bietet auch Radwanderungen in die Oberlausitz an. Leute, die nicht viel Zeit in eine solche Radtour investieren wollen, fahren am besten von der Mittelschänke bis zum Dorfteich, wobei in etwa zwei Minuten mit Anlauf einkalkuliert werden müssen. Stückchen weiter oben gab es lange Zeit den „Ratskeller“. Glücklicherweise bemerkte man nach Jahrzehnten, dass es da gar keinen Keller gab. Die Ohorner Tiefbauexperten erkannten die Situation und der Ratskeller wurde sofort umbenannt. Glückwunsch !

.

Außer der Pulsnitz gibt es noch die Röder, die bei Ohorn im Röderbrunn entspringt und erstmals im Buschmühlteich gestaut wird. Kähne stehen parat, um sich seine Zeit auf dem Wasser vertreiben zu können. Und wer vor lauter Muskelkater nicht mehr ans Lenkrad will, kann im Restaurant Buschmühle übernachten. Dort soll es auch Schwarzbier geben, das den Preis von Sennhüttenbewirtung im Gebirge hat, meinte eine Ausflüglerin im Internet. Im Sommer gibt’s am anderen Ende ein Freibad – das war vor langer Zeit von Ohorn nach Bretnig gependelt. Nun könnte man meinen, bei solch‘ einer Pendelei gäbe es keine Kontinuität. Irrtum ! Jeder Wirt vom „Keglerheim“ macht sich nach zwei Jahren aus dem Staube.

.

In der City der Urlauberregion mit ganz sanftem Tourismus wird in der nächsten Zeit ein weiteres Museum angelegt. Es handelt sich hierbei um das Fabrikgebäude „Schäfer“. Hier soll, so behaupten böse Zungen, eine museale Gedenkeinrichtung von unvorstellbarer Bedeutung aus der Taufe gehoben werden. In großer Leuchtschrift wird man lesen können:“Museum der gähnenden Leere“ – das erste seiner Art in der Welt. Aber das ist noch nicht alles, was die Ohorner Zukunft eventuell zu bieten hat. Jugendliche des Ortes sollen angeblich dabei sein, ihre Kreativität zum Wohle des Urlauberzentrums Ohorn unmittelbar einzusetzen. Ihre Dynamik mündet im Begründen eines Jugendvereins e.V., der den Namen „Nischt wie weg !“ tragen soll. Aber wie gesagt, das sind noch nicht bestätigte „Fietschors“.

.
Für Malerinnen und Maler lohnt sich ein Besuch der Silberweidestraße. Kurz vor dem ehemaligen „Gasthof zur Silberweide“, jetzt Wünsche’s Mini-Markt, steht ein herrliches Fachwerkhaus. Die gesamte Straße ist von den Anwohnern sehr liebenswert gestaltet worden. Gegenüber des Oberlausitzer Umgebindehauses erblickte ich das Licht der Welt. Damals hieß die Straße „Waldhäuser“. Jetzt gibt’s dort ’ne ehemalige Gärtnerei, wo im Selbstlauf Disteln und Brennesseln gezüchtet werden. Darauf muss man erst mal kommen !

.
Unweit befindet sich der Ohorner Niederwald, wo sich die Pulsnitz durchschlängelt. Als Kinder haben wir so manche Forelle dem Flüsschen entlockt. Manche Stellen sind sumpfig. Richtung Schleißbergbaude beginnt der Ohorner Oberwald. In einem Buch las ich mal, er sei einer der schönsten Wälder Deutschlands, was ich hiermit bestätigen möchte. Den Blick Richtung Steina sollte man unbedingt genießen. Wandert man Richtung Luchsenburg, eine Ausflugsgaststätte, und noch ein bisschen weiter, kann man in sagenhaften 441 Metern Höhe Findlinge übereinander gestapelt vorfinden, die man seit langer Zeit begehen kann. Dieser Ort wäre für Caspar David Friedrich sicher interessant gewesen. Und einen Ausblick hat man dort ! Sagenhaft ! Eine Baumkrone an der anderen ! Und auch viel Himmel ! Einfach cool !

.

Doch nun kommen wir zum eigentlichen Wunder der Natur, das noch nicht einmal allen Einheimischen bekannt sein dürfte. In einem ganz bestimmten Waldabschnitt gibt es in den Monaten Juli und August in den Nachmittagstunden ein Naturphänomen:Blaues Licht !!! Als Kind habe ich oft in diesem Waldabschnitt gesessen und „Das blaue Licht“ hat mich als Maler geprägt. Die meisten meiner Berliner Stadtlandschaften sind mit einem gedämpften Blau gemalt. Diese Farbgebung verdanke ich dem Ohorner Naturschauspiel. Meines Erachtens dürfte es sich um einen etwa 80 Meter langen Wegabschnitt des leicht ansteigenden Tellerweges handeln, den man vom Ohorner Ortsteil Gickelsberg erreichen kann. Links ansteigender Hang und rechts geht’s abwärts. Alles mit Findlingen übersät. Bei sommerlicher Hitze kann die Sonne den Waldweg infolge der Baumdichte nicht erreichen. Nur helle Lichtstreifen durchziehen die Baumlandschaft. Auf diesem Wegabschnitt ist es sehr feucht. Das sind die Voraussetzungen des Naturphänomens – dem „Blauen Licht von Ohorn“. Führungen finden noch nicht statt.

Gruß Prenzlmaler.

Geschrieben am

Bei Suche nach Bernstein in Dranske fast erfroren

Kurzgeschichten von Prenzlmaler Dieter Raedel aus Berlin Prenzlauer Berg.

1985 befasste ich mich mit jeder erreichbaren Literatur, die sich mit Bernstein befasste. Als Sammler von Fossilien hatte es mich wieder einmal gepackt, Bernsteine an der Ostsee aufzuspüren und möglichst Inklusen, Einschlüsse von Tieren und Blättern, in dem Harz zu finden. Diese neu aufbrechende Leidenschaft sollte sich lange Zeit bei mir errhalten. Mit meinem Wartburg-Tourist, der mit allen möglichen Requisiten für meine „Forscher- tätigkeit“ ausgerüstet war, fuhr ich zunächst zur Insel Rügen, um Ausschau nach Sprock- stellen zu machen.
Dieses Wort findet ihr nicht im Duden, es hat plattdeutschen Ursprung. Es sind Stellen an der Küste, wo durch Biegungen windgeschützte Stellen entstehen und sich Holz-und Kohleteilchen ansammeln können. Das sind günstige Stellen, wo man kleine Bernsteine mit etwas Glück finden kann.

Mein Auto ließ ich an einem Plattenweg stehn, der zur Küste ging. Ich holte mein Mini – Rad aus dem PKW und fuhr in der Nähe von Dranske mit dem Rad ostwärts, was mir ein reines Vergnügen bedeutete, da ein kräftiger Rückenwind aus Osten die Fahrt erleich- terte. Manchmal musste ich absteigen und mit viel Mühe meinen Weg durch umgestürzte Bäume suchen. Von der Urwüchsigkeit der einsamen wilden Küstenlandschaft war ich
fasziniert. Weit und breit kein einziger Mensch.

Langsam wurde es kälter und ging zum Abend zu und ich beschloss, den Rückweg anzu- treten. Nach wenigen Minuten ließen meine Kräfte nach, da der Gegenwind mir sehr zu schaffen machte und immer kälter wurde. Es dauerte nicht lange und ich konnte nur noch mein Fahrrad schieben, wobei ich den Kopf nach links zur Seite hielt, um den kalten Wind nicht ins Gesicht zu kriegen. Die Pausen meines Tripps in Richtung Dranske wurden
immer häufiger. Der eiskalte Wind brachte mir erhebliche Schmerzen in der Ohren – und Schläfengegend. Die Schritte wurden immer langsamer. Schließlich ging ich am Strand rückwärts, das Rad hinter mich herziehend. Die Schmerzen im Kopf nahmen zu und ich suchte oft an windgeschützten Stellen hinter Bäumen Ruhe, um meinen Wärmehaushalt
nicht auf Null sinken zu lassen. Während dieser Pausen lag das Rad am Strand. So quälte ich mich verängstigt langsamen Schrittes ostwärts, ohne zu wissen, wo ich eigentlich mich genau befand.

Plötzlich standen zwei Grenzsoldaten vor mir und ich verstand nicht, was die von mir wollten. Erst viel später wurde mir klar, dass die Küste ja Grenzgebiet war. Sie wollten meinen Ausweis, doch meine Finger waren so klamm, so dass ich nicht in der Lage war, meine Kleidung zu öffnen. Die Soldaten merkten jedoch, dass ich am Ende meiner Kräfte war, da beim Sprechen mein Unterkiefer klappererte. Der eine Soldat nahm mein Rad und wir gingen in eine Waldzone. Endlich wurde es windstiller.

Inzwischen nahm die Dunkelheit zu und bald saß ich in einem Raum der Grenztruppen der DDR. Sie machten mir heißen Tee und ich bekam sogar etwas zu ssen. Zitternd schlürfte ich den Tee und erzählte ihnen stotternd, dass ich aus Berlin komme und auf der Suche nach Stellen bin, wo man eventuell Bernstein finden kann. Ich habe irgendwo an einem Plattenweg meinen Wartburg-Tourist stehn. Sie fragten mich nach dem Kennzeichen. Ich sagte ihnen, dass der Wagen an allen Seiten mit „Clown-Boony-Schau“
beschriftet sei. Als sie erfuhren, dass ich ein hauptberuflicher Kinderclown und Pantomi- me war, wurden sie außergewöhnlich freundlich zu mir. Auch sollte ich beschreiben, was sich in dem Fahrzeug befand. Unter anderem waren da zwei große rote Plastikschüsseln, die ich ebenfalls für meine Bernsteinsuche brauchte. Ich erzählte ihnen, wie das gemacht wird und wie das alles funktionieren soll. Als ich mit den Schilderungen endete und wieder klar ansprechbar war, sagte man mir, dass man längst meinen Wartburg gesehen hätte und man mich auch lange Zeit an der Küste beobachtet habe. Mit einem Jeep fuhr man mich in totaler Dunkelheit zu meinem Auto. Ab einer gewissen nächtlichen Zeit, war das Betreten dieses Küstenstreifens verboten, was ich nicht wusste. So gab es keinerlei
weitere Schwierigkeiten für mich und ich war den Soldaten sehr dankbar, mich so human behandelt zu haben. Allerdings war ich am nächsten Tag bereits erneut an der Dransker Küste, diesmal in der Nähe des Ortes.
Als es Abend wurde, trat ich den Rückweg an und in der Nähe meines Autos sprach mich ein Grenzsoldat an: „Na, Herr Raedel, was gefunden ?“
Ich war baff, man kannte mich inzwischen. Stolz zeigte ich ihm zwei Bernsteine, die ich an der Küste in Dranske an jenem Tag gefunden hatte.
„Sie scheinen eine Nase dafür zu haben. Herzlichen Glückwunsch !“

Gruß Dieter Raedel, Prenzlmaler.

Geschrieben am

Feuerwehreinsatz in Ohorn / OL

Humoreske via Telefon Ohorn – Berlin vor ein paar Jahren.

Meine Mutter lebte die letzte Zeit ihres Lebens in ihrem hohen Alter von beinahe 90 Jahren in einem „Heim für betreutes Wohnen“ in Ohorn im Westlausitzer Bergland, wo die Oberlausitz ihren Anfang nimmt. Sie war eine Art humorvoller Feldwebel. Leicht vom Alter gebeugt, schnell im Gang und redegewandt, durchpflügte sie mit Lachen ihre Zeit. Ihre Wohnung glich einer Bildergalerie. Wer hatte schon echte Gemälde an den Wänden ? Meine liebe Mutter hatte mich als malenden Sohn und so gab’s von Zeit zu Zeit immer künstlerischen Nachwuchs für ihre weißen Wände.

Eines schönen Tages während der Sommerzeit, stellte sie sich einen leckeren Früchte – Salat mit Bananen, Kirschen und Quark her, um sich auf diese Weise einen Vitamin – Schub für die nächsten Tage in ihr Stübchen zu holen. Sie wohnte im 2. Stock des Altenheimes und vermied trotz erheblicher Laufschwierigkeiten, die sie durch eine offene Wunde an ihrem rechten Knöchel besaß, den etwas weiter hinten gelegenen Fahrstuhl
zu benutzen.

Die nicht mehr verwertbaren Reste der Früchte stopfte sie in eine Plastik-Tüte und brachte diese zu den Mülltonnen in der Nähe des Heimeinganges. Als sie zurück in ihre Wohnung trabte, stellte sie bedauerlicherweise fest, dass die Tüte ein Loch besessen hatte und auf dem Gang mehrere Kleckereien sich befanden. Beflissen holte sie einen Lappen und versuchte jeden einzelnen Früchtetropfen so schnell wie nur möglich zu beseitigen. Als sie fertig war, gab es stabsgemäß einen erneuten Kontrollgang. Da ihr Augenlicht nicht mehr das beste war, schinderte sie im Flur, um etwaig verpasste Reste aufzuspüren.
„Dieter, du wirst es nicht glauben, aber ich hatte tatsächlich eine Stelle übersehn und rutschte aus, wobei ich Glück hatte, nur bei der einen Stelle auf dem Hintern zu landen !“

„Heißt das, dass du bei anderen Stellen anderswo gelandet warst ?“
„Nee, nee. Ich war schon wieder in meinem Zimmer und da rumste es draußen. Oh Gott, was is de nu passiert ? Bin gleich raus und da lag meine Nachbarin im Flur. Nu stell dir mal vor, wenn’ch da och noch gelandet wäre. Ich fragte sie gleich, ob sie sich was getan hätte, aber sie meinte, dass der Türvorleger den Aufprall abgebremst habe. Da hab’ch aber Schwein gehabt, sagte ich zu ihr, denn es hätte mich ja zweemal treffen können ! Biste noch am Telefon, Dieter ?“

„Aber ja, Mutti, ich hör‘ dir gespannt zu !“
„Nu war’s aber so, als die Nachbarin ihre Türe aufmachte, da gab’s einen Windstoß und meine Türe krachte zu, weil ja och die Balkontüre offen war. Meine Nachbarin sagte: Gretel, das haste nu davon ! Nu hat’ch aber keen Schlüssel mehr und wusste nicht, wie ich wieder in die Wohnung komme. Auf dem Herd hatte ich ne Haferflockensuppe stehn und der war an. Hörste noch zu ?“

„Ja, Mutti, erzähl ruhig weiter.“
„Da hab’ch bei der Nachbarin gekloppt und die sagte: Was is’s nu schon wieder los ? Wir ham die Feuerwehr angerufen und die kamen och ziemlich schnell. Ihrer zehn oder zwölf Mann waren die. Ich hab denen gesagt, dass die übern Balkon ins Zimmer können, um mir von innen die Türe aufzumachen. Aber die wussten ne gleich, wie se mit ihrer Feuerwehr- leiter an den Balkon kommen sollten, weil da die Stromdrähte in der Nähe waren. Nu stell dir mal vor, Dieter, wenn hier was passieren würde und die könnten wegen der Strom – drähte nicht rauf. Nich auszudenken. Nu kurz danach machte einer auf und ich fragte gleich, ob er och nicht meine Blumentöppe umgerissen habe. Der meinte, er hätte ufge – passt. Da wollt’ch denen einen Kaffee kochen, aber die meinten, dass die grade vorher welchen getrunken hätten. Nu, Dieter, ich war großzügig und wollt’n Chef fünf Euro geben, aber der sagte, dass die das umsonst gemacht hätten. Es wäre lange nischt losgewesen und die würden das als Übung ansehn. Da war’ch aber sehr dankbar.

Und nu kommt’s dicke, Dieter. Als ich meine Haferflocken vom Herd nahm, klatschte ein kleiner Löffel mir aus der Hand. Und als ich mich bückte, um den wieder ufzuheben, fiel mir der gesuchte Schlüsselbund aus der Schürzentasche. Ich hab das gleich zu meiner Nachbarin gesagt, dass die Feuerwehr umsonst da war, da ich ja den Schlüssel in der Tasche hatte. Na, das war vielleicht ein Durcheinander ! Hätte die nicht ihre Türe
ufgemacht, hätt’ch mer das ganze Theater ersparen können !“

Danach beruhigte sich meine Mutter und ich wünschte ihr noch telefonisch einen weiteren abwechslungsreichen Tag.