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Im Interview: Wolfgang Beltracchi

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wolfgang beltracchi 2016 im interview figunetik kunst magazinDer Interviewer:  Lieber Wolfgang Beltracchi, innerhalb einer Ihrer Porträtsitzungen beim Sender 3sat im Jahr 2015 fertigten Sie das Konterfei von Christoph Waltz, einem genialen Schauspieler und zweifachen Oskarpreisträger, im Stil von Max Beckmann. Die Mutter von Waltz, so erfuhr man in der Sendung, studierte bei Fernand Léger Malerei. Haben diese beiden Umstände, vor allem der Letztere, Befangenheit bei Ihnen ausgelöst? Oder anders gefragt: Wie ist Ihre Strategie beim porträtfertigenden Umgang mit derart berühmten Zeitgenossen? Bietet vielleicht auch die Leinwand einen gewissen Schutz, der den Abstand zum Porträtierten wahrt? Auch mit Otto Waalkes begegnete Ihnen ja ein akademisch vorgebildeter Künstler.

Wolfgang Beltracchi:

Gegenüber Menschen bin ich eigentlich immer unbefangen. Selbstverständlich bewundere ich außergewöhnliche Leistungen und es bereitet mir große Freude mich mit Menschen auszutauschen die ihr Metier wirklich beherrschen. Das gilt aber für einen Handwerker genauso wie für einen Schriftsteller, Musiker, Maler, Lehrer, etc. Ich habe keine Strategie beim Umgang mit Menschen, eher lasse ich alles auf mich zukommen.

Mich haben Menschen die zu sich selber stehen immer fasziniert. Als Christoph Waltz mich um ein Gemälde bat, habe ich ihm vorgeschlagen sein Porträt im Rahmen der Sendung zu malen. Es hat mich gefreut, dass er dem Experiment zugestimmt hat. Für viele Menschen ist es nicht leicht sich auf eine so intime Begegnung einzulassen. Beim Porträtsitzen erfährt nicht nur der Maler viel über seinen Gegenüber, auch der Porträtierte sieht sich aus einer anderen Perspektive. Personen des öffentlichen Lebens fällt es natürlich leichter, weil sie mit der Beobachtung von Außenstehenden leben.

Ich glaube nicht, dass eine Leinwand einen Schutz bieten kann oder sollte. Für mich ist die Leinwand ein Spiegel dessen, was ich sehe und sie hilft mir mich sowohl in den Maler, wie in den Porträtierten hinein zu versetzen. Beim Porträtieren ist es wichtig die Nähe herzustellen, die ein Maler braucht um über eine äußere Darstellung hinaus gehen und die Persönlichkeit wiedergeben zu können. Bei Otto Waalkes hätte es mich gefreut, wenn er die Gelegenheit genutzt hätte ein Porträt von mir zu malen. Es ist interessant zu sehen wie man von einem anderen Maler wieder gegeben wird. Über das Porträt das Gloria von Thurn und Taxis für mich malte, habe ich mich ungeheuer gefreut. Es hängt bei mir Zuhause.

Der Interviewer: Was bedeutet der Ausspruch, dass Malen für Sie so selbstverständlich wie Zähneputzen sei? Ist dies so zu sehen, dass es für Sie Routine ist zu malen, also auch nichts Bewegendes, nichts Schöpferisches mehr? Oder wie könnte man diesen Ausspruch sonst noch verstehen?

Wolfgang Beltracchi: Warum sollte etwas Selbstverständliches zum Verlust von Kreativität führen? Malen ist so selbstverständlich für mich wie Zähneputzen, weil die Malerei einen sehr großen Teil meines Lebens ausmacht. Ich bin mit der Malerei aufgewachsen. Bis auf einen Bruder haben alle in der Familie gemalt. Ich kann mit allen Materialien und Stilen umgehen, beherrsche so viele Techniken, dass ich malen kann ohne darüber nachdenken zu müssen, ob mein Vermögen ausreicht das Gewollte auch darzustellen.

Diese Selbstverständlichkeit macht mich als Künstler wirklich frei. Ich muss mich nicht auf einen einzigen Stil oder auf eine einzige Technik reduzieren. Ich trage ununterbrochen eine Flut von Gemälden in meinen Gedanken mit mir herum. Wenn es mich reizt eines dieser Gemälde auf die Leinwand zu bringen, könnte ich dies mit der mir inne wohnenden Gewissheit aus meinem Gedankengedächtnis auf eine Leinwand malen. Sobald ich die Farben mische, beginnt bereits die Neuschöpfung des inneren Gemäldes und es entwickelt sich von alleine weiter.

Ein Gemälde ist nie fertig, es könnte jederzeit weiterentwickelt werden, doch ich entscheide mich irgendwann aufzuhören daran zu arbeiten. Neben meinem erlernten Vermögen technisch hervorragende Gemälde entstehen zu lassen verfüge ich über eine einmalige künstlerische Fähigkeit um Gemälde in einer neuen Kunstform entstehen lassen. Der Begriff “Free Method Painting“ ist von Curtis Briggs, meinem Galeristen in Deutschland, mit dem ich auch die kommende Ausstellung in Basel mache, und mir in Anlehnung an die Lehre der Schauspielkunst nach Lee Strasberg “Method Acting“ kreiert worden.

Gemäß dieser versetzt sich der Schauspieler in den Charakter und die Seele der zu spielenden Figuren hinein und verkörpert daraufhin in Symbiose mit seinem Können und Wissen deren Fühlen, Denken und Handeln in solcher Perfektion, dass er eins mit Ihnen wird. Genauso entstehen viele, die meisten, meiner Arbeiten. Ich versetze mich gänzlich in die verschiedensten Künstler hinein, ich fühle sie und verbinde sie, mit mir und anderen. Das wichtigste bei meiner Malerei ist die Zeit und die Bewegung die den Duktus, also die Handschrift, des Künstlers ausmachen.

Der Interviewer: Welches war der Urimpuls, überhaupt einen Pinsel in die Hand zu nehmen? Wann begann das Interesse für die Bildende Kunst? Gab es Personen, andere Künstler vielleicht, die den entscheidenden Input gaben?

Wolfgang Beltracchi: Die Auseinandersetzung mit der Malerei begann bereits sehr früh in meiner Kindheit. Wie gesagt, ich bin mit der Malerei aufgewachsen und ich habe sehr früh festgestellt, dass es mir sehr viel leichter fiel als meinen malenden Familienangehörigen die Dinge darzustellen, die ich um mich wahrnahm. In der Schule hat sich mein Kunst- und Werklehrer für meine Arbeiten begeistert und mich gefördert, er begleitete mich zu Zeichen- und Malereikursen. Allerding habe ich die meisten Techniken tatsächlich von meinem Vater gelernt. Mit meinen niederländischen Verwandten besuchte ich in den Sommerferien das Rijksmuseum in Amsterdam und entdeckte die flämischen Maler.

Damals haben mich die Gemälde wirklich tief berührt. Beim Betrachten hatte ich das Gefühl in die Malerei zu versinken. Ein gehörloser Maler hatte die Kälte der gefrorenen Grachten, die man auf einem Gemälde sah und die ich zu spüren glaubte, gemalt. Die Geräusche der scharrenden Schlittschuhe, das Lachen der Menschen und das Rauschen der Bäume im Wind meinte ich zu vernehmen. Der Stumme von Kampen, Hendrik Averkamp, hatte all dies vollbracht. Wie war das möglich, fragte ich mich. Ich malte und zeichnete viel. Mit siebzehn wurde ich an der WKS Aachen zugelassen und habe dort einige Jahre studiert.
An der Werkkunstschule habe ich mich hauptsächlich mit dem Zeichnen, der Bildhauerei, Fotografie und Grafik beschäftigt, malen konnte ich ja schon.

Der Interviewer: Sie kennen viele Stile, kennen sich mit den Eigenheiten der verschiedenen Maler sehr gut aus. Mal völlig unabhängig davon, welcher Maler leichter kopierbar ist: Welcher Maler hat Sie denn mit seinem Werk inhaltlich am meisten bewegt, überzeugt und/oder irritiert?

Wolfgang Beltracchi: Seit über fünfzig Jahren beschäftige ich mich mit den Werken von hunderten von Künstlern und ständig entdecke ich neue Maler die mich interessieren. Ich kann und will mich in der Beurteilung nicht festlegen. Jemand der mich heute mit einem Werk überzeugt, kann mir morgen mit einer anderen Arbeit nichts sagen. Wenn ein Werk etwas in mir auslöst, versuche ich es zu erforschen, es meiner Gedankenwelt anzueignen.

Manchmal entdecke ich ein mir lange bekanntes Gemälde neu, finde endlich eine Antwort auf eine im Unterbewussten verbliebene Frage. Aber es gibt etwas in der Kunst, das mich wirklich nervt: Es sind Ausstellung mit künstlerischen Arbeiten die so unverständlich sind, dass es mich langweilt. Früher habe ich mich immer bemüht zu begreifen was man versucht mir zu sagen. Ich frage mich, wenn es mir schon so geht, wie mögen sich kunstfernere Betrachter fühlen.

Der Interviewer: Warum liegen Porträts im Schwerpunkt Ihrer künstlerischen Arbeit? Porträts gelten als die Königsklasse der Malerei. Was reizt Sie besonders an der Schaffung eines Porträts? Spielt da auch ein wenig die Eitelkeit des Porträtierten mit hinein, mit der da eine Symbiose eingegangen wird? Wie versuchen Sie das Wesen der portraitierten Person zu erfassen?

Wolfgang Beltracchi: Wegen der TV-Reihe bei 3Sat ist die Porträtmalerei möglicherweise der bekanntere Teil meiner Kunst, sie macht tatsächlich aber einen geringen Teil meiner Arbeit aus. In meiner Malerei und Bildhauerei spielt der Mensch allerdings eine große Rolle. Menschliches Verhalten fasziniert mich. Seit ich denken kann beschäftigt mich unsere europäische Kulturgeschichte und welche Auswirkung sie auf unser heutiges Verhalten hat. Aber auch die Art wie wir unsere Geschichte manipulieren, sei es in der Politik, in der Kunst oder im täglichen Leben, finde ich bemerkenswert.

Besonders spannend ist es mit meiner Frau gemeinsam zu schreiben. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, neige manchmal zur Geschwätzigkeit, deshalb ist das Schreiben für mich eine Form meine Gedanken zu filtern, beim Schreiben muss ich mich auf das Wesentliche konzentrieren und präziser Denken. Es ist in der Malerei ähnlich. In einem Gemälde eine umfassende Geschichte zu erzählen, bereitet mir Vergnügen.

Man kann meine Arbeiten als schöne Gemälde betrachten, man kann aber auch versuchen ihre komplexe Geschichte zu erfassen. Das überlasse ich dem Betrachter, in erster Linie möchte ich, dass sich Menschen an meiner Kunst erfreuen. Für mich muss Kunst für den Betrachter verständlich bleiben. Kunst ist etwas sehr Menschliches, man sollte sie nicht mit hoch komplizierten, intellektuellen Ideen überfrachten, bis man sie nicht mehr erkennt.

Aber zum Porträt: Ich male, neben der TV-Serie, maximal vier Porträts im Jahr. Mich interessieren dabei die Menschen und ihre Geschichten. Porträtieren hat etwas Parasitäres, man verbringt viele Stunden mit einem Menschen den man zu Beginn meist nicht gut kennt und tauscht sich aus, davon profitieren beide. Oft wird vor dem Porträtieren diskutiert, in welche Richtung es gehen soll. Im Lauf der Stunden finde ich während des Malens den Zugang zur Persönlichkeit und im Geist formt sich ein neues Bild. Meine Hand überträgt es mit einem Pinsel auf die Leinwand. Ich schaue beim Malen meist nicht auf die Leinwand sondern auf den Porträtierten.

Das fertige Gemälde ist manchmal eine große Überraschung für alle Beteiligten. Ich finde diesen Vorgang ungeheuer spannend. Wenn mir eine Person noch nicht gut bekannt ist, male ich sie am Liebsten in ihrer vertrauten Umgebung. Wenn der Porträtierte sich wohl und entspannt fühlt ist er oder sie offener und ich kann den Charakter schneller erfassen. Eine Porträtsitzung vor laufenden Kameras wäre für eine Privatperson, die öffentliche Beobachtung nicht gewöhnt ist, viel zu anstrengend.

Der Interviewer: Um noch einmal auf die Porträts zu sprechen zu kommen? Wer ist für Sie leichter zu porträtieren? Nahe stehende Personen oder fremde Menschen? Sie haben ja auch Ihre Tochter portraitiert, im Stil Botticellis. Was war dabei die größte Herausforderung?

Wolfgang Beltracchi: Ich habe viele Porträts von meiner Tochter gemalt und es macht mir immer wieder große Freude. Das Gesicht meiner Tochter ist für mich wie eine Landschaft die sich mit dem wechselnden Licht völlig verändern kann. Mit dem Renaissance Gemälde habe ich sie in die Zeit gemalt, in die sie eigentlich gehört. Sie sieht der Simonetta Vispucci nicht nur ähnlich, sondern die Renaissance fasziniert meine Tochter seit sie lesen kann und einen großen Teil ihrer Kinderfantasien hat sie in dieser Epoche verbracht. Sie reist immer wieder nach Florenz, Sienna und Venedig. Ich glaube, wir Menschen tragen ein unterbewusstes Wissen in uns, dass uns von unseren Vorfahren weitergegeben wurde. Bei manchen Menschen spiegeln sich Einflüsse prägender Epochen wieder.

Ein Renaissance Gemälde zu malen ist keine größere Herausforderung als ein zeitgenössisches abstraktes Gemälde. Die Herausforderung ist, den Betrachter an das Gemälde zu binden, ihn dazu zu bewegen das Gemälde wirklich zu sehen.

Der Interviewer: Gibt es auch ganz spontane Bildideen und wenn ja, werden diese in Skizzenform festgehalten? Oder läuft es umgekehrt? Sprich, dass erst an der Leinwand sich zeigt was entstehen wird? Oder ist für dies alles momentan gar kein Raum?

Wolfgang Beltracchi: Bei mir läuft Malerei nicht schematisch ab. Es gibt Gemälde, die ich nur in meinem Kopf male, sie werden nie auf die Leinwand oder auf Papier gebracht. Andere Bilder fasse ich in Worte, male sie in Sätzen. Dann gibt es aber auch rasch gezeichnete Skizzen von Situationen die ich festhalten möchte. Es gibt großformatige, erzählende Gemälde und großformatigen Zehnfinger-Zeichnungen. Meine Skulpturen mache ich aus verschiedenen Materialien und verschiedenen Techniken.

Ich male abstrakt und figurativ. Kurz ich nehme mir jede Freiheit der schöpferischen Tätigkeit, weil ich mit meinem Vermögen aus dem Vollen schöpfen kann. Einen sogenannten „wiedererkennbaren“ Stil lehne ich völlig ab. Nichts schränkt die Kreativität mehr ein als dieses von Kunsthändlern diktierte Dogma. Wenn man meine Ausstellungen besucht, wird man mit allen Künstlern konfrontiert die in mir existieren. Eine Zeitung in der Schweiz es einmal treffend ausgedrückt: Beltracchi ist Viele!.

Der Interviewer: Tamara de Lempicka. Worin liegt für Sie eine mögliche Ursache der Magie der Figuren der berühmten Art Déco Malerin, vom gekonnten Umgang mit dem Hell-Dunkel einmal abgesehen.

Wolfgang Beltracchi: Die Magie liegt in Tamaras Persönlichkeit.

Der Interviewer: Was fällt Ihnen zum Begriff „Habakuk“ ganz spontan ein?

Wolfgang Beltracchi: Echtes Krapprot

Der Interviewer: Wohin könnte Ihr weiterer künstlerischer Weg und auch die weitere künstlerische Profilierung führen? Gibt es angesagte Galerien, die Ihre Kunst präsentieren oder wird eher der private Sammler als Zielgruppe bedient?

Wolfgang Beltracchi: Ich glaube, diese Frage stellt sich nicht mehr. Ich habe Sammler, die von den Marktbeteiligten hofiert werden, welche mich ablehnen. Sie kaufen meine Kunst, weil sie von ihr überzeugt sind. Die teilweise Ablehnung meiner Kunst basiert ja nicht auf sachlicher Objektivität, es geht vielmehr um eine hypocrite Scheinmoral.

Der Interviewer: Gibt es Themen, deren Umsetzung Sie besonders reizt, vorausgesetzt, die Zeit erlaubt es Ihnen diese Themen künstlerisch auch umzusetzen?

Wolfgang Beltracchi: Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie weit wir Menschen gehen würden und ob es wieder zu einem Holocaust kommen könnte. Seit meinem Gefängnissaufenthalt hat sich bei mir die Skepsis verstärkt. Diese latente Skepsis hängt mit der jahrelangen gemeinsamen Arbeit mit meinem Vater in Kirchengebäuden zusammen. Zu diesem Thema sind viele Zeichnungen und einige Gemälde entstanden. Es wird eines meiner Themen bleiben.

Der Interviewer: Welche Erwartungen stellen Sie an eine Galerie, die Ihre neuen künstlerischen Ideen präsentieren soll?

Wolfgang Beltracchi: Loyalität

Der Interviewer: Was macht für Sie einen Künstler aus? Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sollte er mitbringen? Oder ist für Sie, um es mit einem Ausspruch Joseph Beuys zu sagen, jeder Mensch ein Künstler?

Wolfgang Beltracchi: Das sehe ich ähnlich wie Beuys. Aber: Nicht jeder hat das Vermögen Kunst zu machen und nicht jeder hat die Kreativität.

Der Interviewer: Wir leben in einer virtuellen und zunehmend technisierten Welt. Ihr Metier sind auch alte Meister, wie eben Botticelli. Welche zeitgenössischen Künstler haben es Ihnen angetan? Gibt es Vorbilder?

Wolfgang Beltracchi: Vorbilder ist ein komisches Wort. Ich möchte es eher so ausdrücken: Es gibt Künstler, deren Werk ich sehr schätze. Ich halte mich gerne in München im Museum Brandhorst auf umringt von Gemälden von Cy Twombly. Da gibt es einiges zu sehen und ich schaue….

Der Interviewer: Welches war Ihr kuriosestes Erlebnis in Bezug auf Ihre Bilder?

Wolfgang Beltracchi: Eine Aussage eines ehemaligen Museumsleiters: „Was Sie machen ist keine Kunst! Kunst hat nachhaltig zu sein…“ Ich frage mich, was er mit dem Modewort „nachhaltig“ im Zusammenhang mit Malerei meint. Oder der Abschlusssatz eines Artikels in der FAZ: „Trotzdem kann man sich vor dem expressionistischen Katzenbild eines Gedankens nicht ganz erwehren. Und dieser Gedanke heißt nicht ‚Da hängt ein falscher Campendonk‘, sondern ‚Da hängt ein echter Beltracchi‘“. Hier bin ich neugierig, wer dem Journalisten die Publikation dieses Gedankens hat durchgehen lassen.

Der Interviewer: Welches sind Ihre nächsten künstlerischen Ziele? Wann und wo sind neue Ausstellungen geplant?

Wolfgang Beltracchi: Meine nächste Ausstellung mit dem Titel „Free Method Painting“ findet vom 13.bis 17. Juni in Basel im Ramada Plaza auf dem Messeplatz statt. Und für 2018 ist ein großes Ausstellungsprojekt in sechs Ländern geplant. Dafür mache ich Kunst aus 1000 Jahren. Mehr kann ich noch nicht verraten.

Der Interviewer: Das wird ganz bestimmt sehr spannend ! Herr Beltracchi, wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen für das Interview 🙂

Zur Webseite des Künstlers geht es hier entlang >>>

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Wolfgang Beltracchi portraitiert Christoph Waltz im Stil von Max Beckmann

© Fotos | Franziska Beltracchi

 

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Im Interview: Ute Bella Donner

Ute-bella-donnerDer Interviewer: Wir sind durch ein ganz bestimmtes Bild auf dich aufmerksam geworden. Es ist in einem Youtube Video zu Hans Eckhardt Wenzels Lied „Sie werden kommen“ hinterlegt. Es zeigt eine sehr interessante Sichtweise auf einen Hinterhof. Wie ist das Bild entstanden? Was war deine Inspiration? Dieser Wenzel Song? Oder kam das erst danach?

Ute Bella Donner: In diesem Fall war der der Song von Wenzel der Auslöser. Es geht darin um die Flüchtlingsproblematik, einem Thema, das mich sehr beschäftigt. Der Grund, warum Menschen nach Europa flüchten, liegt ja in unserer Maßlosigkeit. Genau das bringt Wenzel mit dem Text auch so großartig auf den Tisch. Wir leben auf Kosten Anderer. Ich verspürte das dringende Bedürfnis, es bildlich darzustellen, wollte etwas malen, was das Elend zeigt, in dem Menschen hausen, nur weil wir ein Leben in Luxus führen müssen. Es ist an der Zeit, dass sich daran etwas ändert! Das Bild zeigt einen Slum in Afrika. Ich finde Deine Assoziation dazu aber auch passend, denn global gesehen ist Afrika der Hinterhof der Welt!

Der Interviewer: Wie kamst du zur bildenden Kunst? Was waren die ersten, die entscheidenden Impulse für dich, Bilder zu malen?

Ute Bella Donner: Schon als Kind habe ich gerne gezeichnet und war künstlerisch vielseitig begabt. Alles, was irgendwie mit Kunst zu tun hatte, faszinierte mich. Ich schrieb Gedichte, sang im Chor, spielte in der Theatergruppe und habe auch leidenschaftlich gezeichnet. Zum Beispiel kann mich erinnern, dass ich als 10Jährige schon Porträts malte und in einem Zeichenwettbewerb im Wohnort den ersten Platz belegte. Jahre später, als ich meine erste große Ausstellung hatte, gab es dann eine richtige Explosion von Bildern. Sie schossen förmlich aus mir heraus und ich staunte selber, wie schnell das passierte. Ich fing an, Bilder zu Liedtexten zu malen, vor allem zu Ostrock, aber auch zu eigenen Texten. Auslöser war eine schwere Erkrankung, die ich überwunden hatte und der Tod der Sängerin Tamara Danz. Seit dem widmete ich mich intensiv der Malerei.

Der Interviewer: Gab es Lehrer, die dich auf deinem künstlerischen Weg ein Stück begleitet haben oder beruhen alle Dinge, die du zeigst auf einer intensiven Betrachtung und dem Selbststudium?

Ute Bella Donner: Meine große Schwester, die später Kunsterzieherin geworden ist, hatte mir irgendwann mal gesagt, dass ich Talent hätte, aber ich sollte nie in so ein Fachbuch reinschauen, dann wär bei mir alles vorbei. Daran habe ich mich im Wesentlichen gehalten. Zwei Künstler möchte ich dennoch an dieser Stelle nennen, die mich beeinflusst und gefördert haben: Der Maler und Fotograf Günther Schaefer und der Mauermaler Thierry Noir.

Der Interviewer: Du arbeitest auch oft mit Objekten – mir fällt da spontan die Idee mit den Rettungsschirmen für Menschen statt Banken – das Projekt „Umbrella peace art“ ein. Wie ist da der künstlerische Prozess? Siehst du zuerst einen Gegenstand und dann kommt die Idee? Oder ist es umgedreht?

Ute Bella Donner: Es ist ein Prozess, den ich nicht plane. Die Ideen entstehen spontan. Sie ergeben sich einfach – meistens resultieren sie aus schwierigen Umständen. Werden mir Steine in den Weg gelegt, inspiriert mich das – ich bekomme kreative Einfälle! Wenn ich mich in eine Idee verliebt habe, entwickle ich sie auch mit großer Leidenschaft weiter, dann plane und perfektioniere ich auch. So war das z.B. mit den Rettungsschirmen. Nach einer brutalen Zelträumung der Polizei, die ich auf dem Alexanderplatz miterlebt habe, wurde das Zelt als Protestsymbol verboten. Dadurch habe ich den Regenschirm als Kunstobjekt und Protestsymbol für mich entdeckt. Ähnlich wie ein Zelt, bietet er den Menschen Schutz.  2011 entstand der erste Menschenrettungsschirm mit der Aufschrift „Yes we camp“, mit dem ich über dem Alexanderplatz lief. Ich fing an Schirme und Strandmuscheln zu bemalen und mit Botschaften zu beschriften, die bei Demonstrationen und im Occupycamp zu sehen waren. Es geht darum, dass nicht Banken, sondern Menschen Rettungsschirme benötigen. Inzwischen hat der Menschenrettungsschirm sich sogar weltweit als Protestsymbol durchgesetzt. Anlass für die Aktion „Umbrella Peace Art“, die 2011 am Neptunbrunnen begann, war der öffentliche Hungerstreik iranischer Flüchtlinge in Würzburg. Sie protestierten gegen ihre unmenschlichen Lebensbedingungen in dem deutschen Asyllager. Dazu kam der öffentliche Selbstmord eines 77jährigen Mannes in Griechenland, der sich vor dem griechischen Parlament in den Kopf schoss, weil er nicht mehr genug Geld zum Leben hatte. Selbstmord aus Protest! Wir brauchen jetzt Rettungsschirme für Menschen! Einst als Metapher gedacht, wurden sie für die hungerstreikenden Flüchtlingen am Brandenburger Tor ein wirklicher Schutz.

Der Interviewer: Du lebst seit 1979 in Berlin-Friedrichshain. Warum ist dir gerade dieser Stadtteil Berlins so wichtig? Was macht den besonderen Reiz für dich als Künstlerin aus, in Berlin-Friedrichshain zu leben?

Ute Bella Donner: Das kann man mit ein paar Worten nicht beschreiben, aber ich will es versuchen. Kurzfassung: fröhlich, frech und bunt! Friedrichshain ist ein alter Arbeiterbezirk und es wohnten in der Zeit des Nationalsozialismus hier viele Antifaschisten. Das ist heute noch so. Eine gute Energie geht von diesem Ort aus. Ich kann diese Geschichte hier förmlich riechen! Diese Tradition ist erhalten geblieben. Der Widerstand lebt immer noch in Friedrichshain. Das ist ein Grund, warum ich mich hier zu Hause fühle. Es gibt aber noch viel mehr.

Friedrichshain ist praktisch eine Freiluftgalerie – ein Paradies für kreative Menschen. Du findest an jeder Ecke und an jeder Wand Kunst. Ich liebe dieses Ambiente und die ungewöhnliche Szene, eine Freiheit, die du so nirgendwo findest. Hier wohnt der alteingesessene Rentner friedlich neben dem Aussteiger oder Künstler und es gibt noch echte Hausbesetzer und Punker mit Peercings, Tattoos und Hunden. Ich hoffe, die fortschreitende Gentrifizierung zieht sich noch eine Weile hin. Noch ist es nicht bieder – noch ist es billig und die Mieten moderat. Mich müssen sie jedenfalls aus der Wohnung tragen. Die Autonomen sind mir tausendmal lieber, als irgendwelche künstlich daherkommenden Yuppies. Du kannst hier so rumlaufen, wie Du willst, es ist egal, was du anhast, ob du alt oder jung bist, Hauptsache, du bist als Mensch o.k. „Willkommen in der fabelhaften Welt des Widerstands!“ so heißt auch ein Bild von mir, das sich seit kurzem im Besitz der bekannten Friedrichshainerin Canan Bayram befindet.

Der Interviewer: Kurze Zwischenfrage: Dieser Namenszusatz „Bella“ vor dem Nachnamen „Donner“? Bella steht für „schön“. Aber wenn man es schnell liest so klingt es ein wenig wie Belladonna. Also bedeutet es zugleich „Schöne Frau“ aus dem Italienischen und „Schwarze Tollkirsche“ aus dem Lateinischen? Muss ja kein Widerspruch sein. Oder hat es damit eine andere Bewandtnis?

Ute Bella Donner: Genauso ist es gemeint: Schöne schwarze Tollkirsche!

Der Interviewer: Ich habe gelesen, dass vor dir und deinen künstlerischen Aktionen nichts wirklich sicher ist, weder Türen, Fenster, Möbel, Fahrräder noch Treppen oder Reste der Berliner Mauer. Was ist der besondere künstlerische Reiz für dich diese Dinge als Bild-Träger für deine Kunst zu verwenden, neben dem Anreiz, dass sie damit für viele sichtbarer wird?

Ute Bella Donner: Die ganze Welt ist eine Leinwand. Alles, was ich sehe, ruft: „mal mich an!“. Kunst ist frei und gehört nicht nur auf teure Leinwände und in schicke Galerien, zu denen nicht jeder Zugang findet, sondern auch auf die Straße, damit sie alle sehen.

Der Interviewer: Dich inspirieren auch Liedermacher wie Gerhard Gundermann zu neuen Werken. Wie gehst du bei der Umsetzung vor? Passiert die Kunst direkt während des Hörens oder erst danach? Kann es sein, dass dir spontan erst viel später etwas dazu einfällt?

Ute Bella Donner: Wenn ich die Lieder von Gundi höre, sehe ich meistens auch Bilder dazu. Sie sind schon da. Ich muss sie nur noch raus lassen.

Der Interviewer: Aktionskunst wird bei die GROß geschrieben. Wie kam es dazu? Welches Ereignis veranlasste dich, da so richtig loszulegen? Wie würdest du deine Aktionskunst beschreiben?

Ute Bella Donner: Ja, das stimmt. Ich sehe mich nicht nur als Künstlerin, denn ich bin ja auch Aktivistin und seit langem in der Friedensbewegung. Darum male ich auch Friedensbilder – besonders gerne auf der Straße. Ein Ereignis, das mich zur Aktionskunst brachte, gab es tatsächlich: Die sogenannte Wende. Plötzlich sollte alles nichts mehr wert sein, und ich hatte einen Identitätsverlust. Angefangen habe ich darum mit einer Rettungsaktion von Bibliotheksbüchern, die weggeschmissen werden sollten, nur weil sie aus der DDR stammten. Danach kamen noch viele andere, größere Aktionen bis zur Bemalung der Berliner Mauer.

Der Interviewer: Die jüngste deutsche Geschichte interessiert dich und motiviert dich zu neuen Kunstwerken. Wie weit reicht diese jüngste deutsche Geschichte in Jahren für dich zurück? Kommt Verdun darin vor oder Stalingrad? Wie schwierig findest du es, diese, gerade die deutsche Geschichte in Kunst aufzubereiten?

Ute Bella Donner: Meine Eltern erzählten viel über den 2. Weltkrieg. Obwohl er vorbei war, bin ich irgendwie damit groß geworden und mit der Berliner Mauer. Der Krieg und Nazideutschland waren im Fernsehen und in der Schule allgegenwärtig – es war ja die Zeit des „Kalten Krieges“. Oft hörte ich – da braucht nur einer den roten Knopf zu drücken – dann geht es los. Ich war ein sehr sensibles und nachdenkliches Kind mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Vielleicht war ich hochsensibel, aber diese Bezeichnung gab es damals noch nicht und so wurde nur festgestellt, dass ich anders war. Mein Interesse galt schon als Kind der jüngsten deutschen Geschichte. Ich erinnere mich an ein Gedicht „Kinderschuhe aus Lublin“ von Johannes R. Becher, das ich mir selber aus dem Bücherschrank kramte. Es hatte mich tief erschüttert, wozu Menschen fähig sind und ganz viel in mir ausgelöst. Ich wollte verstehen, was doch nicht zu verstehen war und ich wollte etwas tun.
Das ist bis heute so geblieben.

Der Interviewer: Dein politisches Engagement ist groß. Auch fand dein Einsatz für die Aufstellung der Gedenktafel für Silvio Meier große Aufmerksamkeit. Hast du manchmal das Gefühl, dass dieses Engagement die blanke Kunst etwas dominiert oder ist es eher genau anders herum?

Ute Bella Donner: Das ist eine gute Frage. Die Politiker sagen, es geht ihr ja nur um die Kunst und die Künstler sagen, es geht ihr ja nur um Politik. Es stimmt beides und auch wieder nicht. Ich mache politische Kunst oder Politik mit künstlerischen Mitteln – es ist aber ein Unterschied, ob ich eine Gedenktafel für Silvio Meier gestalte oder Bilder zu Liedtexten male. Selbstverständlich dominiert mein politisches Engagement die blanke Kunst, wenn es um die Erinnerung eines Menschen geht, der von Neonazis erstochen wurde. Alles andere wäre ja völlig daneben! Etwas ganz anderes ist es, wenn ich Bilder zu Liedtexten ausstelle. Da dominiert natürlich die Kunst!

Durch Aktionen in der Öffentlichkeit bekomme ich viel mehr Aufmerksamkeit, als für meine Bilder. Inzwischen definieren mich viele nur noch über die Aktionen, aber es gibt auch meine Malerei – auch Selbstporträts und sogar Feen und Elfen! Ich bin Aktionskünstlerin und Rebellin und ich bin Malerin und Romantikerin! Ich habe diese beiden Seiten – und je nachdem was ich mache, hat die Rebellin oder die Romantikerin das Sagen, und natürlich vermischt sich das auch! Durch diese Vielseitigkeit kann man mich vielleicht nicht so leicht in eine Schublade stecken, und ich weiß auch gar nicht, ob ich da überhaupt rein will – oder vielleicht ist ja gerade das typisch für mich.

Der Interviewer: Spontane Zwischenfrage I: Wer ist für dich der bedeutendste bildende Künstler?

Ute Bella Donner: Pablo Picasso

Der Interviewer: Spontane Zwischenfrage II: Was hältst du von Goya?

Ute Bella Donner: Ich bewundere sein großes künstlerisches Handwerk, aber noch mehr liebe ich an ihm, dass er sich vom Hofmaler zu einem Künstler, der sich mit politischen und sozialen Umständen beschäftigt, weiterentwickelt hat. Besonders das Bild „Die Schrecken des Krieges“ finde ich sehr beeindruckend.

Der Interviewer: Spontane Zwischenfrage III: Darf – für dich – Kunst auch nur schön sein?

Ute Bella Donner: Ja, natürlich.

Der Interviewer: 1998 entstand dein Mauerbild „Alles wird besser“. Wie kam es dazu? War die Passage des Songs von Tamara Danz „Alles wird besser aber nichts wird gut“ da mit verantwortlich?

Ute Bella Donner: Die Bemalung bedeutet mir sehr viel, weil ich mit der Mauer groß geworden bin. Es geht dabei wortwörtlich um meine eigene Geschichte.

„Die Freiheit hab ich nicht gefunden
vor oder hinter diesem Stein
vielleicht ist sie davon geflogen
kommt wieder rein – kann sein“

Auf dem Mauerbild befindet sich dieses Gedicht von mir und die Passage des Silly-Songs „Alles wird besser“. Es entstand bei einer Aktion internationaler Mauerkünstler „Wir malen gegen den Abriss“ am Potsdamer Platz und stellt das geteilte Deutschland dar. Gleichzeitig soll es eine Hommage an die Sängerin Tamara Danz sein. Diese letzten authentischen Segmente wurden 2005 in einer Nacht- und Nebelaktion trotz Proteste abgerissen. Alle Teile wurden dabei unnötig durchlöchert und die Bilder beschädigt. Jetzt stehen sie im Foyer des Bundesumweltministeriums in der Stresemannstr.125. Von der Straße aus kann man sie, wie vorher versprochen, nicht mehr erkennen, weil die Fensterscheiben verspiegelt sind. Eine Besichtigung ist nur einmal im Jahr möglich – zum Tag der offenen Tür der Bundesregierung. Bei dieser Führung wird leider eine falsche Geschichte über die Mauerteile erzählt, und bis zum heutigen Tag gab es – trotz besseren Wissens – keine Richtigstellung in der Broschüre des Hauses. Ich könnte den Kollegen aus Bonn, die diese Führung machen, viel über mein Mauerbild erzählen und über meine Geschichte, aber das Interesse daran ist geheuchelt. Sie wissen alles es besser und erfinden einfach eine falsche Story.

Der Interviewer: Ich las, dass ein Bild von dir mit dem Gundermann-Text „Ich mache meinen Frieden“ dem Dalai Lama übergeben wurde. Wie wurde das übergeben. Warst du selbst dabei? Hat sich der Dalai Lama je dazu geäußert?

Ute Bella Donner: Das ist eine abgefahrene Geschichte. Es war am 19.Mai 2008, als der Dalai Lama nach Berlin zum Brandenburger Tor kam. Ich war schon ganz früh dort, weil ich ihm das Bild überreichen wollte. Er war ja bekannt dafür, dass er auf die Menschen zugeht… Also stellte ich mich in die erste Reihe vor die Bühne, die dann später mit einem Absperrgitter von einem VIP-Bereich abgetrennt wurde. Vor mir also viele Menschen und ich irgendwo hinten. Plötzlich kam während der Veranstaltung eine Frau auf mich zu, die auf das Bild aufmerksam wurde und fragte mich, was es damit auf sich hat. Als ich erzählte, dass ich es dem Dalai Lama überreichen wollte, nahm sie es mir aus der Hand und war weg! Ich rief ihr noch nach, wie heißt du denn – und sie: Francesca. Ich stand da wie amputiert! Kurz danach kam sie gottseidank wieder, um mir zu sagen, dass sich mein Bild jetzt beim Dalai Lama im Hotelzimmer befindet – und dann sah ich sie auf der Bühne. Es war die österreichische Kunstmäzenin Francesca von Habsburg, eine Unterstützerin des Dalai Lama. Vielleicht hängt das Bild jetzt in einem buddhistischen Tempel. Leider habe ich keine Ahnung, was daraus geworden ist, man sagt, dass er alles weiterverschenkt.

Der Interviewer: Texte, Bilder, Symbole und Musik. Dies alles zu verbinden ist für dich und deine Kunst typisch. Wieviel bedeutet dir das künstlerische Handwerk selbst wie die Zeichnung oder die Malerei? Ist es eher nebensächlich neben der Idee etwas zu bewirken? Oder arbeitest du auch intensiv an der Verbesserung deiner Ausdrucksmittel?

Ute Bella Donner: Mir geht es mehr darum, etwas zu bewirken. Ein künstlerisches Handwerk ist dabei sicher dienlich, aber es steht nicht im Vordergrund. Ich experimentiere viel und probiere neue Ideen aus. Am liebsten male ich mit Ölfarben und nutze eine Kratztechnik. Ein eigener Stil, an dem man meine Bilder zu Liedtexten gut wiedererkennen kann. Das funktioniert auf einem Regenschirm natürlich nicht, da muss ich dann auf Farbsprays und Acrylfarben zurückgreifen, probiere aber auch hier Anderes aus. Beides ist wichtig – Talent und Handwerk. Ich bin aber der Meinung, dass es nicht reicht, ein künstlerisches Handwerk gut zu beherrschen, wenn es ohne Leidenschaft und eigene Ideen entstanden ist. Ich habe so meine Probleme mit Auftragsmalerei und Vorschriften. Malen sollte keine Pflicht sein. Kunst sollte frei sein! Malen ist Liebe! So sehr ich ein Handwerk respektiere und bewundere – es reicht mir nicht aus, wenn ihm die Seele fehlt. Ich nehme gerne Ratschläge an, lasse mir aber nicht vorschreiben, was, wie, womit und worauf ich malen darf. Die traditionelle Disziplin der Malerei ist mir zu bieder. Ich bin bekennende Autodidaktin. Ein Bild von mir ist 100 % ich!

Der Interviewer: Was bedeutet für dich der Begriff „Kunst“? Soll Kunst etwas oder ruht sie immer in sich?

Ute Bella Donner: Das kann unterschiedlich sein. Meine Kunst soll etwas bewirken, soll andere berühren. Ich glaube sogar, mit Hilfe der Kunst ist es möglich, die Welt positiv zu verändern. Kunst kann Herzen öffnen und Menschen mit offenen Herzen sind schon mal ein guter Anfang! Aber ich male z.B. auch Bilder, um eine komplizierte Beziehung zu verarbeiten. Dann hilft die Kunst ganz speziell meinem Herzen.

Der Interviewer: Was bedeutet für dich der Begriff „Künstler“? Was ist das Schöne für dich am „Künstler sein“?

Ute Bella Donner: Da möchte ich gerne Joseph Beuys zitieren: „Jeder ist ein Künstler.“ Zumindest aber sollte Jeder ein Lebenskünstler sein. Das Schöne am „Künstler sein“: Mein Leben ist bunter, denn Menschen mit Fantasie langweilen sich nie! Ich kann mich mit Hilfe der Kunst immer wieder aus einem Tief rausholen. Ein gelungenes Bild oder eine erfolgreiche Aktion macht mich ziemlich glücklich.

Der Interviewer: Wo hast du bisher deine Werke zeigen können? Wo kann man deine Bilder betrachten?

Ute Bella Donner: Die erste Ausstellung war 1996 im East-Side-Hotel. Seit dem habe ich meine Bilder schon in vielen Städten Deutschlands gezeigt. Um einige zu nennen: Kulturfabrik Hoyerswerda, Schuhfabrik Aahlen, Kulturpalast Dresden, Anker Leipzig, Oderspeicher Frankfurt, Kunsthandwerkerhof Freiberg, Kulturgießerei Schöneiche, Ku-Stall Strausberg, Kreiskulturhaus Freudenstadt, Altenhof am Werbellinsee, Besucherbergwerk F60 Lichterfelde und natürlich immer wieder Berlin, z.B. in der Wabe im vorigen Jahr bei einem Gedenkkonzert zum 15. Todestag von Gerhard Gundermann, wo meine Bilder als Bühnenhintergrund an die Wand projektiert wurden. Besonders gerne denke ich auch an die gemeinsame Veranstaltung „Mein Bagger steht in der Heide“ im Juli 2012 mit Andreas Dresen und Axel Prahl im Landhaus Luckas in Müncheberg, wo ich meine Bilder ausstellte und Prahl und Dresen Lieder von Gundermann sangen. Während eines Friedenskonvois 2003 gegen den Krieg im Irak sind auch viele Bilder während einer Straßenperformance in verschiedenen Städten Europas entstanden.

Meine nächste Vernissage findet am 16. März 2014 in Berlin im Café Sibylle, Karl-Marx-Alle 72, mit einem Konzert von „Unbekannt Verzogen“ statt.

Der Interviewer: Welche Projekte hast du aktuell geplant – auf welches Ereignis darf man besonders gespannt sein?

Ute Bella Donner: Ich wurde eingeladen in diesem Sommer mit Umbrella Peace Art nach Zürich zum Friedensfestival zu kommen, um dort ein großes Peace-Symbol zu installieren und mit Kindern und Jugendlichen Menschenrettungsschirme zu bemalen. Meine Aktionen sind gegen Gewalt und Rassismus, und sollen immer deeskalierend sein – eben Peace-Art! Ich plane ja nicht, aber wünsche mir, mit der Berliner Polizei Schirme zu bemalen – möglichst noch in diesem Jahr. Ich möchte Brücken bauen. Ob mir das gelingt, darauf darf man wirklich gespannt sein!

Der Interviewer: Liebe Ute. Ganz vielen Dank für das interessante Interview und die Einblicke in deine Kunst.

„Slum“ (Sie werden kommen) – von Ute Bella Donner

Anm.: Portraitfoto von Andrea Linss – mit freundlicher Genehmigung

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Im Interview: Jördis Lehmann

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Der Interviewer: Deine Figuren, die du kreierst sind ja so richtig beeindruckend, sehr lebendig, zum Teil auch riesengroß. Wie lange brauchst du in der Regel für so eine Arbeit, für solch eine lebensgroße Plastik?

Jördis Lehmann: Dankeschön. Dafür gibt es keine Regel, das ist ja das Schöne. Meist brauche ich länger als gedacht. Zwischen ein paar Tagen und mehreren Monaten ist alles möglich, je nach Aufwand.

Der Interviewer: Du hast an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert. Wer waren deine Professoren? Welche Dinge, die dort vermittelt wurden, kannst du jetzt besonders in deine Arbeit implantieren?

Jördis Lehmann: Ich habe bei Professor Ulrich Eißner studiert. Der Studiengang heißt Theaterplastik. Im Studium und in den studienbezogenen Praktika kann man eigentlich nahezu alles lernen, was mit Handwerk und Gestaltung zusammenhängt. Ich kann malern, tapezieren, Fliesen legen und verfugen. Ich habe viel Erfahrung mit Ton, Gips und Holz, und auch mit Stein habe ich schon gearbeitet.  Meine Lieblingsmaterialien für Plastiken sind aber Styropor und Peddigrohr. Ich hatte Schriftunterricht, habe mehrere Drucktechniken ausprobiert und Wachs, Gelatine, Silikon, Bronze, Zinn und Blei gegossen. Ich beherrsche mehrere Maltechniken, und besonders gern male ich mit Ölfarben. Abgerundet wurde das Ganze durch Anatomie, Architektur, Literatur und Philosophie. Weil das Studium sehr praxisbezogen war, kann ich beinahe alles dort Gelernte auch anwenden, und ich lerne ständig dazu. Das macht meinen Beruf so abwechslungsreich und interessant.

Der Interviewer: Du schreibst auf deiner Homepage „werk2“ dass du Diplomdesignerin bist. Deine Arbeiten sind sehr speziell und tragen eine ganz eigene Handschrift. Wo würdest du für dich den entscheidenden Unterschied oder auch die entscheidende Verbindung zwischen Kunst und Design ziehen?

Jördis Lehmann: Viele meiner Arbeiten beruhen auf Ideen oder Entwürfen anderer. Meine Aufgabe ist es, diese Ideen dreidimensional umzusetzen und sie, gemäß der Aufgabenstellung, zum Funktionieren zu bringen und ihnen möglichst viel Leben einzuhauchen.  Ich persönlich finde es schwer, eine Grenze zwischen Kunst und Design zu ziehen. Der Begriff Design hat für mich wenig mit mir und meiner Arbeit zu tun. Mein Abschluss heißt eben so. Ich sehe mich eher als Angewandter Künstler. Meine Objekte haben meist eine konkrete Aufgabe für eine konkrete Zeitspanne. Der freie Ausdruck muss manchmal komplett zurücktreten, wenn das gefordert ist. Manchmal kann ich mich aber auch austoben. Und eine eigene Handschrift hat eigentlich jeder…

Der Interviewer: Die Liste deiner Referenzen ist sehr lang. Da findet man die Staatsoperette Dresden und die Semperoper, das Theater Basel, die Landesbühnen Sachsen, die Oper Nürnberg, das sorbische Theater Bautzen und auch das Belantis, um nur einige wenige zu nennen. Dies ist ein Zeichen für den Erfolg deiner Arbeit und den Bestand deiner Ideen, die du einbringst. Wie empfindest du es, wenn du später an diese Orte kommst und deine Figuren dort wieder findest?

Jördis Lehmann: Es ist so, als träfe man alte Bekannte. Meist sind sie ein bisschen anders, als ich sie in Erinnerung hatte. Wenn man den Zeitdruck betrachtet, unter dem fast alle meine Arbeiten entstehen, und meinen Perfektionismus… Es fällt mir manchmal schwer, die nötigen Abstriche zu machen. Mit einer Woche mehr Zeit würde manches besser. Aber mit etwas Abstand gesehen bin ich dann doch sehr zufrieden mit all meinen Plastiken, Puppen, Kostümen und Bildern.

Der Interviewer: Du schaffst Figuren, die für Bühnen, Theater, Opernhäuser oder auch Freizeitparks benötigt werden. Sie sind im temporären oder im dauernden Einsatz, sozusagen aber immer mit dem Betrachter in einer Einheit. Wie befriedigend ist dieser Umstand für dich? Was geschieht mit den Plastiken, die nur einmalig benötigt werden?

Jördis Lehmann: Was die Rezeption anlangt: Die meisten meiner Arbeiten sind ziemlich auffällig, und die Reaktionen sind entsprechend. Ich finde das sehr schön. Dann habe ich gute Arbeit geleistet. Plastiken für Theater, Opern, Freizeitparks, Messen, Museen und Ausstellungen, die nicht mehr benötigt werden, werden entsorgt. Das weiß ich, und ich kann verstehen, dass das aus Platzgründen sein muss. Einiges verbleibt im Fundus und wird vielleicht irgendwann wiederverwendet. Im Gegensatz zu einigen anderen Theaterplastikern kann ich sehr gut mit dem Gedanken der Vergänglichkeit meiner Werke leben. Wenn ich an ihnen arbeite, fließt mein Herzblut mit ein. Wenn ich sie abgebe, gebe ich sie ab.

Der Interviewer: Gab es schon einmal Irritationen, also Momente in denen du den Eindruck hattest, dass deine Kreationen nicht genügend gewürdigt werden?

Jördis Lehmann: Ja. Es kam bis jetzt zweimal vor, dass Kunden sich geweigert haben, einen vierstelligen Betrag zu bezahlen, obwohl die Arbeit abgenommen und benutzt wurde. Vor Gericht bekam ich Recht. Ich habe auf diesem Weg viel über Verträge, Rechnungen und Selbstwert gelernt. Das hat uns im Studium leider niemand beigebracht. Ansonsten habe ich eine zufriedene Kundschaft und ich werde gern weiterempfohlen.

Der Interviewer: Die Tierplastik ist ein besonders intensiv betriebener Zweig innerhalb deiner künstlerischen Tätigkeit. Da fällt mir so ganz spontan der Löwenkadaver auf, der sehr naturgetreu nachgebildet wurde. Gibt es dazu eine einleitende Story? Wozu wurde er gebraucht?

Jördis Lehmann: Den Löwenkadaver haben größtenteils meine Kolleginnen Anna Leuthardt und Marlene Foltyn gebaut, ich habe die Farbfassung übernommen. Der Löwe entstand für das Theaterprojekt „Lebenszeichen“ in Rudolstadt mit einer Ausstattung von Klaus Noack. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde er auf eine lange Stahlstange gespießt.

Der Interviewer: Wenn du eine neue Tierplastik erschaffst, wie gehst du vor? Was kommt zuerst? Eine Skizze oder eine kleine Plastik? Wie muss man sich das genau vorstellen?

Jördis Lehmann: Zuerst unterhalte ich mich mit meinem Auftraggeber über seine Vorstellungen, Wünsche und die Aufgabenstellung an die Plastik. Wie realistisch soll sie sein? Soll sich etwas bewegen? Gibt es Einschränkungen bezüglich der Größe oder des Gewichts? Dabei entstehen dann meist Skizzen. Nach den Skizzen ferige ich dann einen 1:1-Zeichnung an, schlafe eine Nacht drüber und dann geht’s auch schon los. Ich plane eine Arbeit ziemlich genau vorher, kaufe Material und überlege mir die einzelnen Schritte. Bei der Arbeit selbst bin ich sehr spontan, meist geht es ohne große Vorbereitungen los.

Der Interviewer: Oft läuft es ja sicher nach Auftrag, das heißt, der Auftraggeber „bestellt“ eine Plastik. Welchen künstlerischen Spielraum gibt es? Wieviel „Seele“ von dir fließt mit ein in eine neu erschaffende Figur?

Jördis Lehmann: Richtig, meine Auftraggeber bestellen bei mir eine Plastik oder ein Bild. Und es ist ganz unterschiedlich, was sie sich  wünschen. Manche haben sehr konkrete Entwürfe, andere wollen zum Beispiel einfach ein Pferd, das mit den Augen klimpern und fressen kann. Da habe ich meist sehr viel Gestaltungsspielraum. Wenn es Entwürfe gibt, setze ich eine zweidimensionale Vorlage in die Dreidimensionalität um. Auch dabei habe ich künstlerischen Spielraum und kann mich austoben. Da ich meinen Beruf liebe, fließt immer „Seele“ mit in die Arbeiten ein. Das kann man sehen, oder?

Der Interviewer: wenn wir das nicht sehen könnten, hätten wir dich nicht um dieses Interview gebeten 🙂  Nächste Frage aber: Wo ist dein künstlerischer Ursprung? Was war der entscheidende Impuls für deinen weiteren künstlerischen Weg oder besser gefragt. „Wie fing alles an?“

Jördis Lehmann: Als ganz kleines Kind fand ich die Puppen in den Läden hässlich und unliebenswert. Ich wollte Schönere machen. Und das habe ich getan. Ich habe schon immer gern gemalt und gezeichnet und geknetet und gebastelt und getüftelt… und ich liebte und liebe das Theater. Aber auf der Bühne stehen wollte ich nicht. Theaterplastik ist also ein wundervoller Beruf für jemanden wie mich. Bis heute habe ich den Wunsch, den Leuten mit meinen Arbeiten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern…

Der Interviewer: Was reizt dich an Kunst im allgemeinen und was reizt dich an der figurativen naturgetreuen Nachbildung? Kannst du dir eine noch größere Abstraktion in deinen Sachen vorstellen? Der Wasserdrache für die „Zauberhafte Nacht der Nymphen“ ist ja da so ein Anfang. Kann der sich auch bewegen?

Jördis Lehmann: Der Wasserdrache kann sich übers Wasser bewegen und er leuchtet im Dunkeln. Ich habe allerdings schon einen  vollbeweglichen Drachen in der Größe (von der Nasen- bis zur Schwanzspitze etwas über acht Meter) gebaut. Der Abstraktionsgrad richtet sich im Allgemeinen nach den Wünschen meiner Kunden. Was meine freien Arbeiten anlangt, so arbeite ich realistisch mit kleinen Verfremdungen. Das liegt mir am meisten, und ich habe da noch genügend Entwicklungsmöglichkeiten. Ich mag es, wenn der Betrachter meiner Arbeiten auf den ersten Blick glaubt, er sähe ein echtes Tier, oder ein Foto bei meinen Bildern.  Ich glaube, realistische Kunst löst viel einfacher Erkennen oder Gefühle aus. Bei abstrakter Kunst gibt es die Schwierigkeit, dass sich der Betrachter für den Eindruck öffnen muss. Wenn einen richtige Augen anschauen… kann man nicht anders. Die Spiegelneuronen lösen eine Reaktion aus.

Der Interviewer: Gab es schon einmal ein besonders heiteres Ereignis in Bezug auf deine Figuren?

Jördis Lehmann: Es gab viele. Auch im Arbeitsumfeld. Es macht immer wieder Spaß. Einmal habe ich für die Ausmalung eines Billiardzimmers für die Wohnungsgenossenschaft Johannstadt meinen Vater als Modell für den Barkeeper verwendet, ohne dass er es wusste. Als ich fertig war, habe ich ihn unter einem Vorwand hingelockt, um ihm das Bild zu zeigen. Als er kam, hörte ich die Bauarbeiter im Gebäude lachen und tuscheln, sie haben sogar Getränkewünsche an ihn abgegeben (der Beweis, dass ich ihn lebensecht wiedergegeben habe). Insofern war mein Vater, als er den Raum betrat, schon leicht verstört. Als er sich dann gegenüberstand, ist er fast umgefallen. Er fand´s dann aber doch sehr schmeichelhaft, und den Raum überhaupt sehr schön.

Der Interviewer: Jördis, die Beweglichkeit ist ein weitere wichtiger Faktor in deiner Arbeit. Viele deiner Plastiken müssen sich einstellen, bewegen lassen. Wie geht’s du vor?

Jördis Lehmann: Erst einmal kläre ich im Gespräch mit meinem Auftraggeber, was die Plastik „können“ muss und welche Eigenschaften wichtig sind. Ein anderes Kriterium ist auch, wie und von wem sie bespielt wird, und wie lange. Eine große Rolle spielt natürlich auch die Preisvorstellung des Kunden. Auch den Zeitrahmen, der mir zur Verfügung steht, beziehe ich mit in die Überlegungen ein. Alles muss passen und aufeinander abgestimmt werden. Oft gibt es dann ohnehin nur noch ein, zwei Möglichkeiten für den Mechanismus. Dann wird gebastelt und probiert, bis das Ergebnis stimmt.

Der Interviewer: Was war zuerst da, das Interesse an Malerei oder an der plastischen Gestaltung.

Jördis Lehmann: Das kann ich nicht wirklich sagen. Ich habe beides schon immer leidenschaftlich gern gemacht…

Der Interviewer: Hast du Vorbilder? Wenn ja, welche?

Jördis Lehmann: Oh, ich habe viele. Und ständig ändert sich etwas daran. Ich gehe oft in Ausstellungen und halte auch sonst die Augen offen. Es gibt überall Anregungen und „Helden“ zu finden. Meine konstanten Vorbilder sind meine Eltern für mich.

Der Interviewer: Was bedeutet dir der Begriff Kunst?

Jördis Lehmann: Die Hammerfrage zum Schluss…Ich bin nicht sicher. Mein Kunstbegriff ändert sich ständig. Wenn man sagen muss: „Wenn man beim besten Willen nicht weiß, was es sonst sein soll, ist es Kunst“… ist es eigentlich keine Kunst. Oder? Schwierig. Kunst soll den Betrachter unterhalten, manchmal über bestimmte Sachverhalte aufklären, für einen Moment aus dem Alltagstrott holen, schön sein… Ich finde, wir sollten uns mehr mit schönen Dingen umgeben. Und doch soll Kunst nicht nur schön sein…Kann man überhaupt sagen, dass Kunst etwas SOLL?

Der Interviewer: Was macht für dich einen Künstler aus?

Jördis Lehmann: Oh, je. Darüber bin ich mir noch unsicherer als über den Kunstbegriff. Meist habe ich den Eindruck, dass Künstler immer ein wenig außerhalb der Gesellschaft stehen und darunter mehr oder weniger leiden. Sonst könnten sie keine Kunst machen. Weil man Dinge und Situationen nur von außen richtig sieht. Man kann sich anpassen… aber irgendwie… fällt man aus dem Rahmen. Unfreiwillig. Meistens. Tja. Und dann ist man entweder verrückt oder Künstler. Oder beides. Die Grenzen sind fließend.

Der Interviewer: Wo sind deine Arbeiten zu sehen?

Auf meiner Internetseite www.werk-2.biz . Meist steht dort auch, wo die einzelnen Arbeiten zu finden sind. Mehrheitlich verstauben sie im Fundus verschiedener Theater. Oder sie wurden schon geschreddert. Oder sie lächeln und winken in Form von Maskottchen in Freizeit- oder Einkaufsparks. Oder sie schauen im Speisesaal der Villa Ludwigshöhe auf die Besucher des Schlosses.

Der Interviewer: Was sind deine nächsten Pläne?

Jördis Lehmann: Urlaub. Ich mache Urlaub. Endlich, nach mindestens drei Jahren. Und zwischendurch werde ich malen, Stühle polstern, mein Atelier aufräumen…

Der Interviewer: Jördis, ganz vielen Dank für das anregende Interview!!

Jördis Lehmann: Gerne, danke für die Fragen.

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Im Interview: Pavel Feinstein

6Der Interviewer:  Ein Ausspruch von dir ist in einem Begleitkatalog zu finden. Er lautet: „Meinen Eltern, die noch immer hoffen, dass aus mir was wird“. Neben einer gewissen Selbstironie lässt der Satz ja auch darauf schließen, dass du dich sehr frühzeitig schon, vielleicht schon in der Kindheit intensiv mit bildender Kunst auseinandergesetzt hast. Gab es ein entscheidendes Erlebnis, eine Erfahrung, die dich dazu inspiriert hat „Kunst zu schaffen“, wenn man es so formulieren darf?

Pavel Feinstein:  Nein, habe mich mit etwa 14 Jahren damit einfach „infiziert“

Der Interviewer: Welche Rolle spielte die Bildende Kunst in deinem Elternhaus?

Pavel Feinstein:  Eine große. Wir hatten eine sehr umfangreiche Kunstbibliothek, an allen Wänden Bilder und Zeichnungen von bester Qualität.

Der Interviewer:  Der Name Leonid Starkow wird sehr oft im Zusammenhang mit deiner frühzeitigen künstlerischen Ausbildung genannt. Was hat er dir Besonderes auf deinen Weg mitgegeben?

Pavel Feinstein: Das Verständnis, dass das Malen selbst auch seinen eigenen Preis darstellt – nicht der Ruhm oder der Erfolg etc.

Der Interviewer: Du bist in Moskau geboren und in der damaligen Sowjetunion aufgewachsen. In welcher Weise hat dich deine Zeit dort geprägt? Welche Wurzeln sind noch dort und wie wirken diese sich auf deine Kunst aus.

Pavel Feinstein: Ich habe dort keine Wurzeln mehr. Und eben auch keine Nachwirkungen.

Der Interviewer: Die Kunstfachschule Duschanbe war eine weitere Station. Warum lag diese Station gerade in Tadschikistan?

Pavel Feinstein: Ich bin dort aufgewachsen, denn meine Eltern übersiedelten dorthin 1965.

Der Interviewer: Im Alter von 20 Jahren bist du nach Deutschland übergesiedelt, um Kunst an der HdK Berlin zu studieren und bist dann dort zum Meisterschüler ernannt worden. Was waren die wesentlichen Eindrücke, die das Studium und insbesondere auch das Meisterschülerstudium in deiner Entwicklung hinterließen? Wer waren deine Professoren und was hast du von ihnen für dich entnommen.

Pavel Feinstein: Ich bin nach Deutschland übergesiedelt nicht um zu studieren, das ergab sich von selbst. Wir wollten um jeden Preis fort aus der UdSSR und das Schicksal hat uns nach Westberlin geführt. Eindrücke? Das Fehlen eines Studiums. Aber immerhin hatte ich die Möglichkeit mir selbst was beizubringen, ohne Diktat von Außen. Und natürlich die Möglichkeit die Werkstätten zu benutzen, von der ich leider viel weniger Gebrauch gemacht habe, als ich es hätte tun sollen.

Der Interviewer: Deine Arbeiten fallen auf. Dies liegt sicher zum einen an der Wahl der Motive, die – zumindest beim ersten Mal – den Betrachter gravierend irritieren. Es liegt aber auch am altmeisterlichen Stil der Arbeiten. Eine sehr gelungene Kombination und in dieser Form recht selten anzutreffen. Kannst du beschreiben, wie es zu dieser eigenwilligen Ausdrucksform kam, die befremdet und gleichzeitig magisch anzieht?

Pavel Feinstein: Nein, das kann ich nicht beschreiben, Bilder entstehen fast autonom.

Der Interviewer:  Stillleben spielen in deiner Arbeit schon länger eine tragende Rolle. Die Zusammenstellung von vertrauten, manchmal nicht ganz so vertrauten oder gar keineswegs Vertrauen erweckenden Gegenständen ist faszinierend. Entstehen diese Bilder ganz spontan oder sind sie irgendwie schon im Kopf für später gespeichert, also für den Zeitpunkt, wo sie dann einfach raus müssen?

Pavel Feinstein: Nichts ist gespeichert. In Wirklichkeit sind das alles übereinander geschichtete Improvisationen, jeweils abgewogen und für existenzberechtigt befunden.

Der Interviewer: Eine Frage zu den großformatigen Arbeiten. Gibt es dazu Entwürfe oder gehst du völlig frei an das jeweilige Motiv heran?

Pavel Feinstein: Ich gehe völlig frei ran.

Der Interviewer: Es tauchen oft Affen auf, die malen. Affen, insbesondere Menschenaffen sind in gewisser Weise Grenzwesen zwischen Mensch und Tier. Sie stehen symbolisch aber auch oft für das kindische Moment im Menschen, die Narrheiten und Spielereien. In manchen Kulturen sind Affen, vor allem die bekannten „drei Affen“ als Symbol für den Umgang mit allem Schlechten anzusehen. Was bedeuten Affen und die Darstellung der Affen für dich und deine Kunst? Welche Botschaft transportieren sie in deinen Bildern?

Pavel Feinstein: Affen, wie auch alles andere, haben keine aussermalerischen Bedeutungen.

Der Interviewer: Die Nähe zu Velásquez ist in manchen Bildern erkennbar. Was bedeutet dir dieser große spanische Barockmaler?

Pavel Feinstein: Für mich ist er der beste Maler aller Zeiten

Der Interviewer: Ein Bild aus dem Jahr 1994 zeigt einen mit einem spitzen Messer bewaffneten Rabbiner, der lediglich mit einem Tuch um seine Hüften bedeckt ist und von einer Ziege begleitet wird. Die Kopfbedeckung als Zeichen der Ehrfurcht vor Gott hat er aufbehalten. Dieses Bild lässt beim Betrachter, vor allem jenem Betrachter, der sich mit dem jüdischen Glauben nie besonders beschäftigt hat, sehr viele Schlüsse zu. Am auffälligsten ist, dass sich der mit einem sehr schmächtigen Körper ausgestattete Akteur des Bildes offenbar zu verteidigen weiß bzw. auch angreifen könnte und somit alles andere als eine Opferfigur ist. Wie bewusst hast du dieses Motiv gewählt?

Pavel Feinstein: ich habe gar nichts gewählt, dieses Bild ist genauso entstanden als auch die anderen  – eine Aufschichtung von Improvisationen. Es ist nicht auszuschließen, das es zuerst ein Stillleben werden sollte.

Der Interviewer: Könntest du dir innerhalb deines weiteren künstlerischen Entwicklungsweges vorstellen, aus der reinen Figuration auszubrechen und der Reduktion und Abstraktion die Türen zu öffnen, wenn auch nur einen Spalt breit?

Pavel Feinstein: Nein.

Der Interviewer: Du hast bereits an unzähligen Ausstellungen teilgenommen. Wie reagieren die Rezipienten im Allgemeinen auf deine Kunst? Gab es schon einmal ein besonders denkwürdiges oder auch ein besonders komisches Erlebnis?

Pavel Feinstein: Diese Frage kann man erst nach einer Flasche Wein beantworten. Ohne Wein fällt mit nichts ein.

Der Interviewer: Was bedeutet für dich der Begriff Kunst?

Pavel Feinstein: Schöpfung.

Der Interviewer: Was macht einen guten Künstler für dich aus?

Pavel Feinstein: Einen guten Maler machen seine Fähigkeiten und Maßgefühl aus, aber einen Künstler?… Kunst ist für mich eine metaphysische Angelegenheit, Begriffe wie „gut“ und „schlecht“ greifen hier nicht.

Der Interviewer: Welche nächsten Ausstellungen sind geplant?

Pavel Feinstein: Wir werden sehen…

Der Interviewer: Pavel, vielen Dank für dieses Interview!

Pavel Feinstein *N 1205* 2008 Öl/Leinwand,
Pavel Feinstein *N 1205* 2008
Öl/Leinwand,
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Im Interview: Kommissar Hjuler

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Der Interviewer: Asylum lunaticum, das Irrenhaus. Dieses ist mir zuerst aufgefallen. Ganz im Besonderen die in diesem Irrenhaus beheimateten Figuren, Figurenteile und Assemblagen. Eine große Fülle, eine Flut von Eindrücken, die dem Rezipienten da entgegen schlägt. Nachktheit, Zerstörtheit und auch eine große Verwundbarkeit, die sich dort Bahn bricht. Dies ist zumindest mein Eindruck. Welches ist dein Lieblingszimmer im Asylum lunaticum oder wechselst du es je nach Befindlichkeit?

Kommisar Hjuler: Ich spreche mal für mich, vielfach spreche ich ja für Mama Baer mit, hier also Kommissar Hjuler liebstes Zimmer, als da wäre „Assemblage“, denn in diesem file habe ich mich am meisten austoben dürfen. Mama Baer und ich stammen aus dem Bereich Musik, an die Herstellung von Assemblagen war die ersten Jahre nicht zu denken, vielleicht war daran zu denken und wir haben es nur nicht, schwer zu sagen, wir stecken ja immer noch in einer Entwicklung, in einer Bewegung.

Der Interviewer: Dein beruflicher Werdegang ist für einen Künstler recht ungewöhnlich. Du bist auch bei der Polizei beschäftigt, ein Staatsdiener, der gehorchen muss. Dienen als oberster Begriff. Und auch Herrschen in dem vom Dienstgrad vorgegebenem Rahmen. Welches war der entscheidende Impuls zur Umkehr vom Bild des Beamten, zu einem – zumindest im künstlerischen Bereich – völlig nonkonformen Lebensstil, welcher sich zumindest sehr deutlich in deiner Kunst aufzeigt?

Kommisar Hjuler: Diese Frage kann nur jemand stellen, der ein völlig falsches Bild vom Staatsdiener hat, und meist entsteht ein falsches Bild als Antizipation des Generalized Other, es muss ja so sein. In keinem System hat die Polizei aus dem Betrachtungswinkel des Skeptikers etwas Gutes. Wäre es anders, was wäre dann? Was bedeutete das für den eigenen Denkansatz? Ein reziproker Ansatz? Ein Polizeibeamter handelt immer eigenverantwortlich, und – was keiner weiß – die linkspoltisch ausgerichtete Staatsanwaltschaft überprüft ihre Schäfchen zur Genüge.

Der Interviewer:  Du stammst aus dem hohen Norden, aus Flensburg. Hat dich dieser Umstand überhaupt und wenn ja in welcher Weise in deinem künstlerischen schaffen geprägt?

Kommisar Hjuler: Man legt viele tausend Kilometer mehr zurück, um irgendwo hin zu fahren.

Der Interviewer: Welche für dich bedeutsamen Stationen, Inspirationen und/oder Vorbilder gibt es, die dich auf deinem künstlerischen Weg begleiten?

Kommisar Hjuler: Anfang der 80er hörte ich Medium Medium „the glitterhouse“, dieser Band bin ich nachgejagt, nachdem ich selbst Musik machte, und heute produziere ich Split-Veröffentlichungen mit Medium Medium, dabei masturbiere ich, das verrate ich aber niemandem.

Der Interviewer: Oft ist da dieser Mix aus Naturmaterial (Holz) und Plastik, zum Beispiel bei den Puppen. Ist der Gedanke zuerst oder entsteht er erst aus der Konfrontation mit den verwendeten Materialien?

Kommisar Hjuler: Ich kann leider nicht mit besseren Materialien umgehen, und ich kann nicht malen. Das ist es, was mir bleibt, Holz zusammen nageln ersetzt Malerei.

Der Interviewer: Wie viel bedeutet dir die Irritation des Betrachters, der Kunst-Schock sozusagen? Bleiben die Betrachter – außer die im inneren Kreis (die Eingeweihten) eher außen vor oder schaffen sie den Zugang zu deiner Kunst bisweilen doch noch?

Kommisar Hjuler: Viele denken, ich will irgend wen schockieren, dass ich aber nur einfach ein anderes Schön im Hinterkopf habe, glaubt mir niemand, also brauche ich es erst gar nicht demjenigen gegenüber zu behaupten, der sagt, er sei nicht schockiert, wenn es so wäre, weil er das nur sagt, in der Hoffnung, von mir einen Anhalt geliefert zu bekommen, über den er sich dann aufregen darf, weil sich jeder andere in seiner Lage auch aufregen dürfte, ausgenommen ich, der ich mich da tatsächlich nur entspannt wieder fände, wo andere sich aufregen sollen/müssen/könne/dürfen. Die Zeit, wo Kunst irgend wen schockte, das war mal. Meine Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft, ich reagiere auf alle Einflüsse, und wenn das wen schockiert, dann sollte ihn die Umwelt, in der er lebt, viel eher schockieren.

Der Interviewer: Deine Performances unterstreichen deine Arbeit. Alles erscheint wie ein Fluss in einem gleichartigen Rhythmus, der an ein fernes Ufer treibt – ein wenig wie bei „Apokalypse Now“. Die Entfremdung der Menschen ist ja auch im realen Leben in der heutigen Zeit extrem vorherrschend. An welchen Puzzleteilen deiner Kunst kann der Betrachter beginnen den Zugang zu suchen?

Kommisar Hjuler: Das lässt er besser, nachher fließt er mit mir den Bach runter. Ich mache meine Kunst für mich, dass ich sie zeige, das ist reiner Abschreckunsgedanke, denn was sollen denn andere mit meiner Kunst anfangen?

Der Interviewer: Was bedeuten dir die klassischen Gattungen der Bildenden Kunst wie zum Beispiel die Malerei oder die Zeichnung? Inspirieren sie dich oder bedienst du dich ihrer lediglich?

Kommisar Hjuler: Ich lasse mich da immer mal wieder von Mama Baer beliefern und baue ihre Resultate mit bei mir ein, wenn es geht.

Der Interviewer:  Gibt es auch Installationen für den Außenbereich?

Kommisar Hjuler: Ja. Wenn wir einkaufen fahren oder zum Frisör gehen. Und neulich war ich zum TÜV.

Der Interviewer: Was für eine Antwort! Ich meinte natürlich, ob es von Euch Objekte oder Installationen im Draußen gibt!? Aber ok, weiter geht´s. Ein Mensch, ein Mann, nackt, den Kopf in einer Schüssel. Was sucht er? Die Brotkatze?

Kommisar Hjuler: Das ist aus der Not geboren, eine Cut-up-Collage live darzustellen, wie stelle ich eine minimal-kleine Pause und einen Löffelschlag gegen ein Glas auf der Bühne dar, wenn ich keinen Löffel, kein Glas und keine Zeit für Pausen habe?

Der Interviewer:  Künstler, zumindest Bildende Künstler sind sehr große Individualisten. Es ist oft schwer, ihre Ideen und ihren Elan in einem Gemeinschaftsprojekt zu bündeln. Dir gelingt das offenbar sehr gut mit deinem Projekt brotkatze collaborations. Was könnten die Gründe dafür sein. Wo liegt das Rezept?

Kommisar Hjuler: Das ist keine Gemeinschaft, ich lade gute Künstler ein, mit Vot.zekatze und Brotkatze mal richtige Kunst herzustellen, in der Hoffnung, dass ich meine Arbeiten zum Thema da irgendwann mal mit zustellen kann, ohne dass sie zu sehr auffallen.

Der Interviewer: Kannst du dir vorstellen, einmal ein ganz ruhiges Stillleben zu malen?

Kommisar Hjuler: Ich kann nicht malen, aber Stillleben mache ich schon jetzt, aus Packpapier, Pappe, gefundenen Objekten pp., und die strahlen auf mich Ruhe aus.

Der Interviewer: An vielen Projekten hast du bisher mitgewirkt und bist in vielen Ausstellungen vertreten. Wie reagieren die Betrachter auf deine Kunst?

Kommisar Hjuler: Die zähle ich gar nicht, ich bin eher traurig, dass ich nicht noch mehr Ideen umgesetzt bekomme, täglich schaffe ich es, mindestens zwei bahnbrechende Ideen nicht umzusetzen, und das macht mich traurig.

Der Interviewer: Welches war ein besonders auffälliges oder auch ein besonders komisches Ereignis?

Kommisar Hjuler: Der Auftritt bei der Zappanale mit unserere Noise-Version von Sofa No. 2 war etwas, was das Publikum verstört hatte, das hatte niemand dort erwartet, der Zappa-Fan ist nicht so offen für Musik, wie man denkt, sonst würde er musikalisch ja einen Schritt weiter sein, das war ein Schock für das Publikum, und das Festival war so aufgebaut, dass jeder Besucher unseren Auftritt über sich ergehen musste.

Der Interviewer: Was bedeutet dir der Begriff Kunst?

Kommisar Hjuler: Das Schaffen von etwas Neuem aus einem Ausgangs-Material, mit dem mindestens auch ein Außenstehender etwas anfangen zu können meint, auch wenn er es vielleicht falsch deutet.

Der Interviewer: Was macht für dich einen guten Künstler aus?

Kommisar Hjuler: Das Schaffen von etwas Neuem aus einem Ausgangs-Material, mit dem ganz viele Außenstehende etwas anfangen zu können meinen, auch wenn sie es vielleicht falsch deuten.

Der Interviewer: Wo sind deine Arbeiten zu sehen?

Kommisar Hjuler: Unsere größte Ausstellung ist unsere eigene web-Präsenz auf www.asylum-lunaticum.de, wo wir den Betrachter mit Musik, mit Film, mit Bildern und Text zuschütten. Wir sind aber auch ständig auf der Suche nach neuen Locations, also zögert nicht uns anzumailen, dann kommen wir und stellen etwas in einen Raum.

Der Interviewer: Besten Dank für das Interview!

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