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Jim Avignon auf dem Kachelofen vom Prenzlberg

Am 24. November 2007 ging ich mit einer Bekannten bei nasskaltem Wetter unter dem U-Bahn-Viadukt in Richtung Bahnhof Eberswalder Straße. Wir kuschelten aneinander, um wenigstens etwas Wärme zu spüren. Bald ging’s in die verwahrloste Kastanienallee. Alles verrottet und verkommen, von kleinen Ausnahmen mal abgesehn. Schwarzes Getümmel junger Leute. Hochbetrieb aus unerklärlichen Gründen. Wir schreiten zur
Vernissage in die Galerie „Kurt im Hirsch“, gegenüber vom maroden Tuntenhaus, einem Homosexuellen – Nest. Die Galerie ist eine unsanierte Erdgeschosswohnung und das war’s auch schon. Im Hinterhof, wo alle Wände total beschmiert sind, Rauchgeschwader von Joint – Genuss. Nichts saniert. Hier triumpfiert die Ästhetik des Hässlichen. Bei jungen
Menschen sehr gefragt. Die Szene vom Prenzlberg fühlt sich sauwohl.

Der langsam in die Jahre kommende Jim Avignon stellt aus und singt – auf einem alten Ofen stehend. Das ist er, der bekannte Star aus New York, der einst in Karlsruhe berühmt und berüchtigt war. Inzwischen werden ihm seine Comic-Art-Bilder regelrecht aus den Händen gerissen. Für manche Bilder braucht er 5 bis 10 Minuten. Das gibt er der Presse bekannt, um sein Imagepflänzchen zu gießen. Einige Bilder kosteten Zeit, doch das
will man nicht hören. In der Ausstellung sah ich Bilder auf Umzugskartons so etwa 25 x 25 cm. Viele rote Punkte, noch bevor die Vernissage begann. Mit seiner 1 Mann – Heimelektronikband Neoangin machte er seine Show. Man konnte kaum treten. Körper an Körper. Er schlägt dem internationalen Kunstmarkt ein Schnippchen und verkauft
seine Arbeiten äußerst preiswert. In Zeitungsberichten las ich 300 Euro, im Internet 600 Euro. Während der Ausstellung las ich 50 und 110 Euro !!! Kunst für die Müllschippe ? Null Ahnung. Eben Comic.

Das ist szenetaugliche Kunst, die von unzähligen anderen Künstlern ebenso betrieben wird. Nichts Neues. Einige Bildchen gefallen mir, weil diese einfach komisch wirken. Figurative Zeichnungen, die flächig mit Fabe ausgefüllt sind. Wer sich so ein Bild kauft, kann mit einem Nagel das gute Stück Pappe sofort an die Wand klatschen. Ist das Anti-Kunst ? Nein. Abstrakte Schmierereien, ohne Beachtung der Gesetze der Malerei sind schlimmer, die ich als zeitgenössischen Kitsch bezeichne. Er hat seinen Spaß und kann sich gut in diesem Milieu behaupten. Er liebt diese abgefahrenen Sachen, wovon man sich überzeugen kann.

Ich habe lange überlegt, ob ich etwas über ihn schreibe – hab‘ meine Gründe. Enttäuschende Gründe, wie man mir anmerken kann. Da gibt’s auf der einen Seite den hochgestapelten Kunstmarkt, vor dem man Herzflattern kriegt und auf der anderen Seite das Gegengewicht, auch nicht viel besser.

Im eiskalten Flur sitzen Jugendliche rauchend und trinkend auf den abgetretenen Stufen.. Man quatscht locker daher. Meine Bekannte kommt ganz aufgeregt zu mir, um mir mitzuteilen, eine neue Hitler-Theorie entworfen zu haben. Mich wundert nichts mehr.

Auf dem Nachhauseweg gehen wir in ein indisches Spezialitäten-Restaurant. Gepfefferte Preise, mürrische Bedienung. Als ich mit der Gabel eine Portion Reis zum Munde führen wollte, flog mir vor Schreck das Essen durch die Gegend. Der Restaurantleiter nagelte eine Tischdecke an.
Junge Gäste kommen: „Bitte ?“
„Wir wollen nischt, wir warten auf die Straßenbahn.“

Gruß Dieter Raedel

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Gethsemanekirche Berlin | Blätteraktion Herbst 2007

Wie in jedem Jahr im Herbst,waren auch 2007 freiwillige Christen im Garten der Gethsemanekirche Berlin tätig, um das Gartenareal von den Blättern zu befreien. Das erfordert Kraft und Geduld, denn zwischen den niedrigen Sträuchern die nassen Blätter zu entfernen, ist nicht die leichteste Aufgabe. Auffällig war, dass im Breich Gethsemanestr. / Ecke Stargarder aller möglicher Unrat zwischen dem Strauchwerk rausgefischt wurde. Bierdosen und Bierflaschen waren in großer Anzahl vertreten. Aber auch Teile von Fahrrädern wurden respektlos in den Garten der Gethsemanekirche geworfen. Eine besondere Rarität war ein defekter Auspuff eines PKW’s. Nun ist der Garten wieder gesäubert.

Während des Jahres bemüht sich besonders Meister Thiele, die Sträucher zu verschneiden und sorgt auch dafür, dass am Hauptportal an der Christusstatue die Blumenpracht sich entfalten kann. Wenn die Kirche für Besucher außerhalb des Gottesdienstes und Veranstaltungen geöffnet wird, dürfen die Gäste auch einen Spaziergang im Park um die Kirche machen und sich an der Gartengestaltung erfreuen.

Während der Pause wurden Kaffee und Tee angeboten und Pfarrer Christian Zeiske lud die freiwillige Truppe nach getaner Arbeit zu einem leckeren Mittagsmahl in das Büro der Gethsemanekirche ein, wo es eine gut schmeckende Soljanka gab.

Nun bin ich gespannt, welchen Unrat man im Herbst 2008 aus dem Garten Gethsemane holen wird.

Vielleicht mal zur Abwechslung ein verrostetes Autowrack ?

LG Prenzlmaler Dieter Raedel.

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Am Stadtgraben von Melle an Mona Lisa gedacht

Sitze grad‘ am Stadtgraben von Melle und denke an die Mona Lisa, wie sie sich als Touristin einst bewährte. Also ’ne Geschichte über Leonardo.

Im April 1516 verlässt Leonardo heimlich in Begleitung zweier Freunde Italien und überquert ohne Zwischenfälle die Alpen. Jedenfalls hatten die Leute vom Zoll nichts an seinem Gepäck auszusetzen, schließlich war alles okay, besondere Mitbringsel gab’s nicht.
Er strebte dem Tal der Loire in Frankreich zu, um sein vom erst 21 jährigen Franz I., König von Frankreich, geschenktes Anwesen zu beziehen.
Ab diesem Tag hieß der Wohnsitz „Palazzo de Cloux“ !

Das Multigenie erhielt den Titel : „Oberster Maler und Ingenieur und Architekt des Königs. Staatsmechaniker“. Die Höflinge waren beeindruckt und ahmten sogleich seine Kleidung und sogar seinen Bart nach.

Als die Höflinge ihm beim Auspacken der Klamotten halfen, wunderten sie ich über eingerahmten, colorierten Papierkram. Von so einem berühmten Mann hatten sie etwas anderes erwartet.
Nachdem der Meister sich häuslich eingerichtet hatte, trauten die Untertanen ihren Augen nicht : An den frisch getünchten Wänden hingen drei herrliche Gemälde.

Leonardo hatte also nicht nur visionäre Ideen, nein, er konnte sie auch umsetzen. Was steckte dahinter? Als Leonardo Italien den Hintern zeigte, konnte er sich von drei Werken nicht trennen und er überlegte, wie er diese tarnen könnte. So kam ihm der geniale Einfall, die Ölgemälde mit alten Farbskizzen zu überkleben und transportgerecht in verschlissenem Tuch zu transportieren. Das war auch erforderlich, da alle drei Werke angezahlte Auftragsarbeiten waren.

Auf diese phänomenale Weise reisten „Johannes der Täufer“, die „Hl.Anna Selbdritt“ und „Eine gewisse Florentiner Dame“ in Nacht und Nebel ins Exil.

Als der Kardinal von Aragon Leonardo besuchte, staunte er nicht schlecht:
An der weißen Zimmerwand hing die Mona Lisa.

Tja, deshalb hängte man sie später in den Louvre.

So, dem Stadtgraben von Melle werde ich jetzt den Rücken zeigen.

LG Prenzlmaler.

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Das blaue Licht von Ohorn – ein Naturphänomen

Ohorn – Staatlich anerkannter Erholungsort – meine Heimat. Referenz mit einem Schuss Satire. Westlausitzer Bergland. Beginn der Oberlausitz. Prenzlmaler Dieter Raedel.

Wie schnelllebig doch die Zeit ist, sogar in Ohorn. Kaum war man vom Landkreis Kamenz nach Bischofswerda / OL gewechselt, so ist man inzwischen wieder im Kreis Kamenz gelandet. Ohorn ist ein Ort der Pendler und pendelt hin und her. Mich sollte es nicht wundern, wenn die plötzlich zu Radeberg überlaufen. Oder immer schön der Autobahn nach, um in Bautzen zu landen. Die Ohorner in Bautzen ! Haha ! Das hat was ! Null Ahnung. Auf jeden Fall besitzt Ohorn stets mehrere Bedarfsebenen. So erging es auch der Jugendherberge, wo man sogar in Gruppen übernachten kann, sie heißt plötzlich Schleißbergbaude. Und wenn man sich dabei verspricht, hm, nicht auszudenken. Die Alteingesessenen sprechen stets von der Jugendherberge. So schnell können die Leute sich nicht umstellen, gelernt ist gelernt.

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Mitten durch Ohorn schlängelt sich die Autobahn Dresden – Bautzen und trennt den Ort wie ein Messer. Doch man hat zwei Brücken und Unterführungen gibt es auch, sogar im Niederwald. Als ich erstmals den Schallschutz der Autobahn sah, empfand ich ihn als naturwidriges Element, ein Sperrgebiet, mit dem man vorlieb nehmen muss. Mir fiel als Vergleich die Berliner Mauer ein, aber die war bekanntlich nicht grün. Viele Bäume müssten gepflanzt werden, um nachfolgenden Generationen den heutigen Anblick zu ersparen. Dieses seltsame Bauwerk muss unbedingt kaschiert werden. Nein, malerisch ist es nicht. Zudem hat die Autobahn noch eine weitere gewichtige Bedeutung, weil es da eine Autobahnraststätte gibt. Neuerdings wird im Internet angefragt, ob man auf Abruf auf dem Parkplatz Liebesdienste abwickeln kann. Blanke Sahne !Eine Agentur für solche Zwecke gibt es allerdings noch nicht. Ne Marktlücke für geschäftstüchtige Ohorner ? Wär‘ doch was.

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In vergangener Zeit trennte das in Ohorn entspringende Flüsschen Pulsnitz den Ort in zwei Reiche: Böhmen und Meißen. Wenn man nach Pulsnitz kommt, wird auch heute noch von der „Meißner Seite“ gesprochen. Hier durfte der Ort sogar in zwei Ländern rumpendeln. Das Schloss heißt auch nicht mehr Schloss, es gehört zum Rittergut und ist Senioren – Residenz – das klingt für Ohorn einigermaßen angemessen. Da hat doch schon mal ein gestrenger Häuptling residiert. Preußen hatte seinen Friedrich und war’s zufrieden. Ohorn war in dieser Hinsicht schneller, sozusagen Vorreiter, denn man hatte schon im 16. Jahrhundert auf einen Friedrich setzen müssen: „Friedrich der Strenge“. Das riecht nach Zucht und Ordnung und dürfte mit Freiheit nichts gemein haben.

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Wenn man den riesigen Berg der Ohorner Poststraße erklimmt, landet man zwar auf einer Anhöhe, doch niemals bei der Post. Die gibt’s gar nicht. Geschichte. Die wurde weggependelt. Das Gebäude mit seinem Fachwerk steht noch an seinem angestammten Platz. Ja, die architektonische Physiognomie ist malerisch. Daneben steht die Schwester der „Dicken Berta“. Die dicke Berta passt nicht so recht in die übrige Häuserlandschaft. Auf dem Dach der Dicken ein Pickel, ein Aufsatz, und man grübelt, ob es sich nun um eine Wetterwarte der ARD handeln könnte oder ob da Beobachtungen am nächtlichen Ohorner Himmel angestellt werden. Verweilt man in den Abendstunden oder am Sonntag in der Nähe der Dicken, beginnt die Wetterstation manchmal zu läuten. Das sitzt sicher einer mit ’ner ABM-Stelle drin und schwenkt die Glocke für’s Abendgebet. Nanu, aber wo ist die Kirche ? Ja, also ‚ ne Kirche gibt’s in Ohorn nicht, man soll’s mit der Heiligkeit auch nicht gleich übertreiben wollen. Im hinteren Trakt wurde ein angebauter Betsaal geschaffen, er ist das Anhängsel einer ehemaligen Dampfmühle. So verwundert es nicht, wenn einige Ohorner zum Beten in die Dampfmühle rücken. Das machen die nur, damit sie die einzigen der Welt sind, die in einer Dampfmühle beten. Deshalb ist die Architektur so globig geraten, damit sie beim Anlauf zum Händefalten nicht übersehen wird. Geschichtsträchtig spricht man vom Kirchlehn, weil der Betsaal sich an die Dampfmühle anlehnt. Seit meiner Kindheit ist mir sogar noch die Hausnummer in Erinnerung: 41. Genau dort wohnte rechts zur Straße hin Oma und Opa: Emma und Max Schmidt. Im ersten Stock empfing uns regelmäßig Pfarrer Kühne, der mit uns seinen lieben Ärger hatte. Leider waren wir Kinder damals sehr erfindungsfreudig und spielten ihm einen Streich nach dem anderen. Wenn die Kastanienzeit ranrückte, gab’s für den Pfarrer nichts zu lachen, da die Dinger sich laufend selbständig machten und gegen ein Blech einer Gasheizung donnerten. Es gab auch Religionsstunden, da spielte er mit uns „Hasche“. Wahrscheinlich legten wir die Bibelverse falsch aus, da es laufend etwas zu lachen gab und der Heilige seine Zeit für gekommen hielt, uns anständig zu verwackeln. Ein kleines Bildchen hing vorn links im Raum, das sich mir für alle Ewigkeit einprägte: es war ein Kunstdruck des Abendmahls von Leonardo da Vinci. Stundenlang studierte ich dieses Bild und saß manchmal gedanklich zwischen den Jüngern. So brachte mir mein Heimatort Ohorn Leonardo nahe – eine unglaubliche Leistung !

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Ohorn besitzt ein Heimatmuseum und bietet auch Radwanderungen in die Oberlausitz an. Leute, die nicht viel Zeit in eine solche Radtour investieren wollen, fahren am besten von der Mittelschänke bis zum Dorfteich, wobei in etwa zwei Minuten mit Anlauf einkalkuliert werden müssen. Stückchen weiter oben gab es lange Zeit den „Ratskeller“. Glücklicherweise bemerkte man nach Jahrzehnten, dass es da gar keinen Keller gab. Die Ohorner Tiefbauexperten erkannten die Situation und der Ratskeller wurde sofort umbenannt. Glückwunsch !

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Außer der Pulsnitz gibt es noch die Röder, die bei Ohorn im Röderbrunn entspringt und erstmals im Buschmühlteich gestaut wird. Kähne stehen parat, um sich seine Zeit auf dem Wasser vertreiben zu können. Und wer vor lauter Muskelkater nicht mehr ans Lenkrad will, kann im Restaurant Buschmühle übernachten. Dort soll es auch Schwarzbier geben, das den Preis von Sennhüttenbewirtung im Gebirge hat, meinte eine Ausflüglerin im Internet. Im Sommer gibt’s am anderen Ende ein Freibad – das war vor langer Zeit von Ohorn nach Bretnig gependelt. Nun könnte man meinen, bei solch‘ einer Pendelei gäbe es keine Kontinuität. Irrtum ! Jeder Wirt vom „Keglerheim“ macht sich nach zwei Jahren aus dem Staube.

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In der City der Urlauberregion mit ganz sanftem Tourismus wird in der nächsten Zeit ein weiteres Museum angelegt. Es handelt sich hierbei um das Fabrikgebäude „Schäfer“. Hier soll, so behaupten böse Zungen, eine museale Gedenkeinrichtung von unvorstellbarer Bedeutung aus der Taufe gehoben werden. In großer Leuchtschrift wird man lesen können:“Museum der gähnenden Leere“ – das erste seiner Art in der Welt. Aber das ist noch nicht alles, was die Ohorner Zukunft eventuell zu bieten hat. Jugendliche des Ortes sollen angeblich dabei sein, ihre Kreativität zum Wohle des Urlauberzentrums Ohorn unmittelbar einzusetzen. Ihre Dynamik mündet im Begründen eines Jugendvereins e.V., der den Namen „Nischt wie weg !“ tragen soll. Aber wie gesagt, das sind noch nicht bestätigte „Fietschors“.

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Für Malerinnen und Maler lohnt sich ein Besuch der Silberweidestraße. Kurz vor dem ehemaligen „Gasthof zur Silberweide“, jetzt Wünsche’s Mini-Markt, steht ein herrliches Fachwerkhaus. Die gesamte Straße ist von den Anwohnern sehr liebenswert gestaltet worden. Gegenüber des Oberlausitzer Umgebindehauses erblickte ich das Licht der Welt. Damals hieß die Straße „Waldhäuser“. Jetzt gibt’s dort ’ne ehemalige Gärtnerei, wo im Selbstlauf Disteln und Brennesseln gezüchtet werden. Darauf muss man erst mal kommen !

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Unweit befindet sich der Ohorner Niederwald, wo sich die Pulsnitz durchschlängelt. Als Kinder haben wir so manche Forelle dem Flüsschen entlockt. Manche Stellen sind sumpfig. Richtung Schleißbergbaude beginnt der Ohorner Oberwald. In einem Buch las ich mal, er sei einer der schönsten Wälder Deutschlands, was ich hiermit bestätigen möchte. Den Blick Richtung Steina sollte man unbedingt genießen. Wandert man Richtung Luchsenburg, eine Ausflugsgaststätte, und noch ein bisschen weiter, kann man in sagenhaften 441 Metern Höhe Findlinge übereinander gestapelt vorfinden, die man seit langer Zeit begehen kann. Dieser Ort wäre für Caspar David Friedrich sicher interessant gewesen. Und einen Ausblick hat man dort ! Sagenhaft ! Eine Baumkrone an der anderen ! Und auch viel Himmel ! Einfach cool !

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Doch nun kommen wir zum eigentlichen Wunder der Natur, das noch nicht einmal allen Einheimischen bekannt sein dürfte. In einem ganz bestimmten Waldabschnitt gibt es in den Monaten Juli und August in den Nachmittagstunden ein Naturphänomen:Blaues Licht !!! Als Kind habe ich oft in diesem Waldabschnitt gesessen und „Das blaue Licht“ hat mich als Maler geprägt. Die meisten meiner Berliner Stadtlandschaften sind mit einem gedämpften Blau gemalt. Diese Farbgebung verdanke ich dem Ohorner Naturschauspiel. Meines Erachtens dürfte es sich um einen etwa 80 Meter langen Wegabschnitt des leicht ansteigenden Tellerweges handeln, den man vom Ohorner Ortsteil Gickelsberg erreichen kann. Links ansteigender Hang und rechts geht’s abwärts. Alles mit Findlingen übersät. Bei sommerlicher Hitze kann die Sonne den Waldweg infolge der Baumdichte nicht erreichen. Nur helle Lichtstreifen durchziehen die Baumlandschaft. Auf diesem Wegabschnitt ist es sehr feucht. Das sind die Voraussetzungen des Naturphänomens – dem „Blauen Licht von Ohorn“. Führungen finden noch nicht statt.

Gruß Prenzlmaler.

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Bei Suche nach Bernstein in Dranske fast erfroren

Kurzgeschichten von Prenzlmaler Dieter Raedel aus Berlin Prenzlauer Berg.

1985 befasste ich mich mit jeder erreichbaren Literatur, die sich mit Bernstein befasste. Als Sammler von Fossilien hatte es mich wieder einmal gepackt, Bernsteine an der Ostsee aufzuspüren und möglichst Inklusen, Einschlüsse von Tieren und Blättern, in dem Harz zu finden. Diese neu aufbrechende Leidenschaft sollte sich lange Zeit bei mir errhalten. Mit meinem Wartburg-Tourist, der mit allen möglichen Requisiten für meine „Forscher- tätigkeit“ ausgerüstet war, fuhr ich zunächst zur Insel Rügen, um Ausschau nach Sprock- stellen zu machen.
Dieses Wort findet ihr nicht im Duden, es hat plattdeutschen Ursprung. Es sind Stellen an der Küste, wo durch Biegungen windgeschützte Stellen entstehen und sich Holz-und Kohleteilchen ansammeln können. Das sind günstige Stellen, wo man kleine Bernsteine mit etwas Glück finden kann.

Mein Auto ließ ich an einem Plattenweg stehn, der zur Küste ging. Ich holte mein Mini – Rad aus dem PKW und fuhr in der Nähe von Dranske mit dem Rad ostwärts, was mir ein reines Vergnügen bedeutete, da ein kräftiger Rückenwind aus Osten die Fahrt erleich- terte. Manchmal musste ich absteigen und mit viel Mühe meinen Weg durch umgestürzte Bäume suchen. Von der Urwüchsigkeit der einsamen wilden Küstenlandschaft war ich
fasziniert. Weit und breit kein einziger Mensch.

Langsam wurde es kälter und ging zum Abend zu und ich beschloss, den Rückweg anzu- treten. Nach wenigen Minuten ließen meine Kräfte nach, da der Gegenwind mir sehr zu schaffen machte und immer kälter wurde. Es dauerte nicht lange und ich konnte nur noch mein Fahrrad schieben, wobei ich den Kopf nach links zur Seite hielt, um den kalten Wind nicht ins Gesicht zu kriegen. Die Pausen meines Tripps in Richtung Dranske wurden
immer häufiger. Der eiskalte Wind brachte mir erhebliche Schmerzen in der Ohren – und Schläfengegend. Die Schritte wurden immer langsamer. Schließlich ging ich am Strand rückwärts, das Rad hinter mich herziehend. Die Schmerzen im Kopf nahmen zu und ich suchte oft an windgeschützten Stellen hinter Bäumen Ruhe, um meinen Wärmehaushalt
nicht auf Null sinken zu lassen. Während dieser Pausen lag das Rad am Strand. So quälte ich mich verängstigt langsamen Schrittes ostwärts, ohne zu wissen, wo ich eigentlich mich genau befand.

Plötzlich standen zwei Grenzsoldaten vor mir und ich verstand nicht, was die von mir wollten. Erst viel später wurde mir klar, dass die Küste ja Grenzgebiet war. Sie wollten meinen Ausweis, doch meine Finger waren so klamm, so dass ich nicht in der Lage war, meine Kleidung zu öffnen. Die Soldaten merkten jedoch, dass ich am Ende meiner Kräfte war, da beim Sprechen mein Unterkiefer klappererte. Der eine Soldat nahm mein Rad und wir gingen in eine Waldzone. Endlich wurde es windstiller.

Inzwischen nahm die Dunkelheit zu und bald saß ich in einem Raum der Grenztruppen der DDR. Sie machten mir heißen Tee und ich bekam sogar etwas zu ssen. Zitternd schlürfte ich den Tee und erzählte ihnen stotternd, dass ich aus Berlin komme und auf der Suche nach Stellen bin, wo man eventuell Bernstein finden kann. Ich habe irgendwo an einem Plattenweg meinen Wartburg-Tourist stehn. Sie fragten mich nach dem Kennzeichen. Ich sagte ihnen, dass der Wagen an allen Seiten mit „Clown-Boony-Schau“
beschriftet sei. Als sie erfuhren, dass ich ein hauptberuflicher Kinderclown und Pantomi- me war, wurden sie außergewöhnlich freundlich zu mir. Auch sollte ich beschreiben, was sich in dem Fahrzeug befand. Unter anderem waren da zwei große rote Plastikschüsseln, die ich ebenfalls für meine Bernsteinsuche brauchte. Ich erzählte ihnen, wie das gemacht wird und wie das alles funktionieren soll. Als ich mit den Schilderungen endete und wieder klar ansprechbar war, sagte man mir, dass man längst meinen Wartburg gesehen hätte und man mich auch lange Zeit an der Küste beobachtet habe. Mit einem Jeep fuhr man mich in totaler Dunkelheit zu meinem Auto. Ab einer gewissen nächtlichen Zeit, war das Betreten dieses Küstenstreifens verboten, was ich nicht wusste. So gab es keinerlei
weitere Schwierigkeiten für mich und ich war den Soldaten sehr dankbar, mich so human behandelt zu haben. Allerdings war ich am nächsten Tag bereits erneut an der Dransker Küste, diesmal in der Nähe des Ortes.
Als es Abend wurde, trat ich den Rückweg an und in der Nähe meines Autos sprach mich ein Grenzsoldat an: „Na, Herr Raedel, was gefunden ?“
Ich war baff, man kannte mich inzwischen. Stolz zeigte ich ihm zwei Bernsteine, die ich an der Küste in Dranske an jenem Tag gefunden hatte.
„Sie scheinen eine Nase dafür zu haben. Herzlichen Glückwunsch !“

Gruß Dieter Raedel, Prenzlmaler.