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Im Interview: Jördis Lehmann

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Der Interviewer: Deine Figuren, die du kreierst sind ja so richtig beeindruckend, sehr lebendig, zum Teil auch riesengroß. Wie lange brauchst du in der Regel für so eine Arbeit, für solch eine lebensgroße Plastik?

Jördis Lehmann: Dankeschön. Dafür gibt es keine Regel, das ist ja das Schöne. Meist brauche ich länger als gedacht. Zwischen ein paar Tagen und mehreren Monaten ist alles möglich, je nach Aufwand.

Der Interviewer: Du hast an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert. Wer waren deine Professoren? Welche Dinge, die dort vermittelt wurden, kannst du jetzt besonders in deine Arbeit implantieren?

Jördis Lehmann: Ich habe bei Professor Ulrich Eißner studiert. Der Studiengang heißt Theaterplastik. Im Studium und in den studienbezogenen Praktika kann man eigentlich nahezu alles lernen, was mit Handwerk und Gestaltung zusammenhängt. Ich kann malern, tapezieren, Fliesen legen und verfugen. Ich habe viel Erfahrung mit Ton, Gips und Holz, und auch mit Stein habe ich schon gearbeitet.  Meine Lieblingsmaterialien für Plastiken sind aber Styropor und Peddigrohr. Ich hatte Schriftunterricht, habe mehrere Drucktechniken ausprobiert und Wachs, Gelatine, Silikon, Bronze, Zinn und Blei gegossen. Ich beherrsche mehrere Maltechniken, und besonders gern male ich mit Ölfarben. Abgerundet wurde das Ganze durch Anatomie, Architektur, Literatur und Philosophie. Weil das Studium sehr praxisbezogen war, kann ich beinahe alles dort Gelernte auch anwenden, und ich lerne ständig dazu. Das macht meinen Beruf so abwechslungsreich und interessant.

Der Interviewer: Du schreibst auf deiner Homepage „werk2“ dass du Diplomdesignerin bist. Deine Arbeiten sind sehr speziell und tragen eine ganz eigene Handschrift. Wo würdest du für dich den entscheidenden Unterschied oder auch die entscheidende Verbindung zwischen Kunst und Design ziehen?

Jördis Lehmann: Viele meiner Arbeiten beruhen auf Ideen oder Entwürfen anderer. Meine Aufgabe ist es, diese Ideen dreidimensional umzusetzen und sie, gemäß der Aufgabenstellung, zum Funktionieren zu bringen und ihnen möglichst viel Leben einzuhauchen.  Ich persönlich finde es schwer, eine Grenze zwischen Kunst und Design zu ziehen. Der Begriff Design hat für mich wenig mit mir und meiner Arbeit zu tun. Mein Abschluss heißt eben so. Ich sehe mich eher als Angewandter Künstler. Meine Objekte haben meist eine konkrete Aufgabe für eine konkrete Zeitspanne. Der freie Ausdruck muss manchmal komplett zurücktreten, wenn das gefordert ist. Manchmal kann ich mich aber auch austoben. Und eine eigene Handschrift hat eigentlich jeder…

Der Interviewer: Die Liste deiner Referenzen ist sehr lang. Da findet man die Staatsoperette Dresden und die Semperoper, das Theater Basel, die Landesbühnen Sachsen, die Oper Nürnberg, das sorbische Theater Bautzen und auch das Belantis, um nur einige wenige zu nennen. Dies ist ein Zeichen für den Erfolg deiner Arbeit und den Bestand deiner Ideen, die du einbringst. Wie empfindest du es, wenn du später an diese Orte kommst und deine Figuren dort wieder findest?

Jördis Lehmann: Es ist so, als träfe man alte Bekannte. Meist sind sie ein bisschen anders, als ich sie in Erinnerung hatte. Wenn man den Zeitdruck betrachtet, unter dem fast alle meine Arbeiten entstehen, und meinen Perfektionismus… Es fällt mir manchmal schwer, die nötigen Abstriche zu machen. Mit einer Woche mehr Zeit würde manches besser. Aber mit etwas Abstand gesehen bin ich dann doch sehr zufrieden mit all meinen Plastiken, Puppen, Kostümen und Bildern.

Der Interviewer: Du schaffst Figuren, die für Bühnen, Theater, Opernhäuser oder auch Freizeitparks benötigt werden. Sie sind im temporären oder im dauernden Einsatz, sozusagen aber immer mit dem Betrachter in einer Einheit. Wie befriedigend ist dieser Umstand für dich? Was geschieht mit den Plastiken, die nur einmalig benötigt werden?

Jördis Lehmann: Was die Rezeption anlangt: Die meisten meiner Arbeiten sind ziemlich auffällig, und die Reaktionen sind entsprechend. Ich finde das sehr schön. Dann habe ich gute Arbeit geleistet. Plastiken für Theater, Opern, Freizeitparks, Messen, Museen und Ausstellungen, die nicht mehr benötigt werden, werden entsorgt. Das weiß ich, und ich kann verstehen, dass das aus Platzgründen sein muss. Einiges verbleibt im Fundus und wird vielleicht irgendwann wiederverwendet. Im Gegensatz zu einigen anderen Theaterplastikern kann ich sehr gut mit dem Gedanken der Vergänglichkeit meiner Werke leben. Wenn ich an ihnen arbeite, fließt mein Herzblut mit ein. Wenn ich sie abgebe, gebe ich sie ab.

Der Interviewer: Gab es schon einmal Irritationen, also Momente in denen du den Eindruck hattest, dass deine Kreationen nicht genügend gewürdigt werden?

Jördis Lehmann: Ja. Es kam bis jetzt zweimal vor, dass Kunden sich geweigert haben, einen vierstelligen Betrag zu bezahlen, obwohl die Arbeit abgenommen und benutzt wurde. Vor Gericht bekam ich Recht. Ich habe auf diesem Weg viel über Verträge, Rechnungen und Selbstwert gelernt. Das hat uns im Studium leider niemand beigebracht. Ansonsten habe ich eine zufriedene Kundschaft und ich werde gern weiterempfohlen.

Der Interviewer: Die Tierplastik ist ein besonders intensiv betriebener Zweig innerhalb deiner künstlerischen Tätigkeit. Da fällt mir so ganz spontan der Löwenkadaver auf, der sehr naturgetreu nachgebildet wurde. Gibt es dazu eine einleitende Story? Wozu wurde er gebraucht?

Jördis Lehmann: Den Löwenkadaver haben größtenteils meine Kolleginnen Anna Leuthardt und Marlene Foltyn gebaut, ich habe die Farbfassung übernommen. Der Löwe entstand für das Theaterprojekt „Lebenszeichen“ in Rudolstadt mit einer Ausstattung von Klaus Noack. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde er auf eine lange Stahlstange gespießt.

Der Interviewer: Wenn du eine neue Tierplastik erschaffst, wie gehst du vor? Was kommt zuerst? Eine Skizze oder eine kleine Plastik? Wie muss man sich das genau vorstellen?

Jördis Lehmann: Zuerst unterhalte ich mich mit meinem Auftraggeber über seine Vorstellungen, Wünsche und die Aufgabenstellung an die Plastik. Wie realistisch soll sie sein? Soll sich etwas bewegen? Gibt es Einschränkungen bezüglich der Größe oder des Gewichts? Dabei entstehen dann meist Skizzen. Nach den Skizzen ferige ich dann einen 1:1-Zeichnung an, schlafe eine Nacht drüber und dann geht’s auch schon los. Ich plane eine Arbeit ziemlich genau vorher, kaufe Material und überlege mir die einzelnen Schritte. Bei der Arbeit selbst bin ich sehr spontan, meist geht es ohne große Vorbereitungen los.

Der Interviewer: Oft läuft es ja sicher nach Auftrag, das heißt, der Auftraggeber „bestellt“ eine Plastik. Welchen künstlerischen Spielraum gibt es? Wieviel „Seele“ von dir fließt mit ein in eine neu erschaffende Figur?

Jördis Lehmann: Richtig, meine Auftraggeber bestellen bei mir eine Plastik oder ein Bild. Und es ist ganz unterschiedlich, was sie sich  wünschen. Manche haben sehr konkrete Entwürfe, andere wollen zum Beispiel einfach ein Pferd, das mit den Augen klimpern und fressen kann. Da habe ich meist sehr viel Gestaltungsspielraum. Wenn es Entwürfe gibt, setze ich eine zweidimensionale Vorlage in die Dreidimensionalität um. Auch dabei habe ich künstlerischen Spielraum und kann mich austoben. Da ich meinen Beruf liebe, fließt immer „Seele“ mit in die Arbeiten ein. Das kann man sehen, oder?

Der Interviewer: wenn wir das nicht sehen könnten, hätten wir dich nicht um dieses Interview gebeten 🙂  Nächste Frage aber: Wo ist dein künstlerischer Ursprung? Was war der entscheidende Impuls für deinen weiteren künstlerischen Weg oder besser gefragt. „Wie fing alles an?“

Jördis Lehmann: Als ganz kleines Kind fand ich die Puppen in den Läden hässlich und unliebenswert. Ich wollte Schönere machen. Und das habe ich getan. Ich habe schon immer gern gemalt und gezeichnet und geknetet und gebastelt und getüftelt… und ich liebte und liebe das Theater. Aber auf der Bühne stehen wollte ich nicht. Theaterplastik ist also ein wundervoller Beruf für jemanden wie mich. Bis heute habe ich den Wunsch, den Leuten mit meinen Arbeiten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern…

Der Interviewer: Was reizt dich an Kunst im allgemeinen und was reizt dich an der figurativen naturgetreuen Nachbildung? Kannst du dir eine noch größere Abstraktion in deinen Sachen vorstellen? Der Wasserdrache für die „Zauberhafte Nacht der Nymphen“ ist ja da so ein Anfang. Kann der sich auch bewegen?

Jördis Lehmann: Der Wasserdrache kann sich übers Wasser bewegen und er leuchtet im Dunkeln. Ich habe allerdings schon einen  vollbeweglichen Drachen in der Größe (von der Nasen- bis zur Schwanzspitze etwas über acht Meter) gebaut. Der Abstraktionsgrad richtet sich im Allgemeinen nach den Wünschen meiner Kunden. Was meine freien Arbeiten anlangt, so arbeite ich realistisch mit kleinen Verfremdungen. Das liegt mir am meisten, und ich habe da noch genügend Entwicklungsmöglichkeiten. Ich mag es, wenn der Betrachter meiner Arbeiten auf den ersten Blick glaubt, er sähe ein echtes Tier, oder ein Foto bei meinen Bildern.  Ich glaube, realistische Kunst löst viel einfacher Erkennen oder Gefühle aus. Bei abstrakter Kunst gibt es die Schwierigkeit, dass sich der Betrachter für den Eindruck öffnen muss. Wenn einen richtige Augen anschauen… kann man nicht anders. Die Spiegelneuronen lösen eine Reaktion aus.

Der Interviewer: Gab es schon einmal ein besonders heiteres Ereignis in Bezug auf deine Figuren?

Jördis Lehmann: Es gab viele. Auch im Arbeitsumfeld. Es macht immer wieder Spaß. Einmal habe ich für die Ausmalung eines Billiardzimmers für die Wohnungsgenossenschaft Johannstadt meinen Vater als Modell für den Barkeeper verwendet, ohne dass er es wusste. Als ich fertig war, habe ich ihn unter einem Vorwand hingelockt, um ihm das Bild zu zeigen. Als er kam, hörte ich die Bauarbeiter im Gebäude lachen und tuscheln, sie haben sogar Getränkewünsche an ihn abgegeben (der Beweis, dass ich ihn lebensecht wiedergegeben habe). Insofern war mein Vater, als er den Raum betrat, schon leicht verstört. Als er sich dann gegenüberstand, ist er fast umgefallen. Er fand´s dann aber doch sehr schmeichelhaft, und den Raum überhaupt sehr schön.

Der Interviewer: Jördis, die Beweglichkeit ist ein weitere wichtiger Faktor in deiner Arbeit. Viele deiner Plastiken müssen sich einstellen, bewegen lassen. Wie geht’s du vor?

Jördis Lehmann: Erst einmal kläre ich im Gespräch mit meinem Auftraggeber, was die Plastik „können“ muss und welche Eigenschaften wichtig sind. Ein anderes Kriterium ist auch, wie und von wem sie bespielt wird, und wie lange. Eine große Rolle spielt natürlich auch die Preisvorstellung des Kunden. Auch den Zeitrahmen, der mir zur Verfügung steht, beziehe ich mit in die Überlegungen ein. Alles muss passen und aufeinander abgestimmt werden. Oft gibt es dann ohnehin nur noch ein, zwei Möglichkeiten für den Mechanismus. Dann wird gebastelt und probiert, bis das Ergebnis stimmt.

Der Interviewer: Was war zuerst da, das Interesse an Malerei oder an der plastischen Gestaltung.

Jördis Lehmann: Das kann ich nicht wirklich sagen. Ich habe beides schon immer leidenschaftlich gern gemacht…

Der Interviewer: Hast du Vorbilder? Wenn ja, welche?

Jördis Lehmann: Oh, ich habe viele. Und ständig ändert sich etwas daran. Ich gehe oft in Ausstellungen und halte auch sonst die Augen offen. Es gibt überall Anregungen und „Helden“ zu finden. Meine konstanten Vorbilder sind meine Eltern für mich.

Der Interviewer: Was bedeutet dir der Begriff Kunst?

Jördis Lehmann: Die Hammerfrage zum Schluss…Ich bin nicht sicher. Mein Kunstbegriff ändert sich ständig. Wenn man sagen muss: „Wenn man beim besten Willen nicht weiß, was es sonst sein soll, ist es Kunst“… ist es eigentlich keine Kunst. Oder? Schwierig. Kunst soll den Betrachter unterhalten, manchmal über bestimmte Sachverhalte aufklären, für einen Moment aus dem Alltagstrott holen, schön sein… Ich finde, wir sollten uns mehr mit schönen Dingen umgeben. Und doch soll Kunst nicht nur schön sein…Kann man überhaupt sagen, dass Kunst etwas SOLL?

Der Interviewer: Was macht für dich einen Künstler aus?

Jördis Lehmann: Oh, je. Darüber bin ich mir noch unsicherer als über den Kunstbegriff. Meist habe ich den Eindruck, dass Künstler immer ein wenig außerhalb der Gesellschaft stehen und darunter mehr oder weniger leiden. Sonst könnten sie keine Kunst machen. Weil man Dinge und Situationen nur von außen richtig sieht. Man kann sich anpassen… aber irgendwie… fällt man aus dem Rahmen. Unfreiwillig. Meistens. Tja. Und dann ist man entweder verrückt oder Künstler. Oder beides. Die Grenzen sind fließend.

Der Interviewer: Wo sind deine Arbeiten zu sehen?

Auf meiner Internetseite www.werk-2.biz . Meist steht dort auch, wo die einzelnen Arbeiten zu finden sind. Mehrheitlich verstauben sie im Fundus verschiedener Theater. Oder sie wurden schon geschreddert. Oder sie lächeln und winken in Form von Maskottchen in Freizeit- oder Einkaufsparks. Oder sie schauen im Speisesaal der Villa Ludwigshöhe auf die Besucher des Schlosses.

Der Interviewer: Was sind deine nächsten Pläne?

Jördis Lehmann: Urlaub. Ich mache Urlaub. Endlich, nach mindestens drei Jahren. Und zwischendurch werde ich malen, Stühle polstern, mein Atelier aufräumen…

Der Interviewer: Jördis, ganz vielen Dank für das anregende Interview!!

Jördis Lehmann: Gerne, danke für die Fragen.

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