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Im Interview: Kommissar Hjuler

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Der Interviewer: Asylum lunaticum, das Irrenhaus. Dieses ist mir zuerst aufgefallen. Ganz im Besonderen die in diesem Irrenhaus beheimateten Figuren, Figurenteile und Assemblagen. Eine große Fülle, eine Flut von Eindrücken, die dem Rezipienten da entgegen schlägt. Nachktheit, Zerstörtheit und auch eine große Verwundbarkeit, die sich dort Bahn bricht. Dies ist zumindest mein Eindruck. Welches ist dein Lieblingszimmer im Asylum lunaticum oder wechselst du es je nach Befindlichkeit?

Kommisar Hjuler: Ich spreche mal für mich, vielfach spreche ich ja für Mama Baer mit, hier also Kommissar Hjuler liebstes Zimmer, als da wäre „Assemblage“, denn in diesem file habe ich mich am meisten austoben dürfen. Mama Baer und ich stammen aus dem Bereich Musik, an die Herstellung von Assemblagen war die ersten Jahre nicht zu denken, vielleicht war daran zu denken und wir haben es nur nicht, schwer zu sagen, wir stecken ja immer noch in einer Entwicklung, in einer Bewegung.

Der Interviewer: Dein beruflicher Werdegang ist für einen Künstler recht ungewöhnlich. Du bist auch bei der Polizei beschäftigt, ein Staatsdiener, der gehorchen muss. Dienen als oberster Begriff. Und auch Herrschen in dem vom Dienstgrad vorgegebenem Rahmen. Welches war der entscheidende Impuls zur Umkehr vom Bild des Beamten, zu einem – zumindest im künstlerischen Bereich – völlig nonkonformen Lebensstil, welcher sich zumindest sehr deutlich in deiner Kunst aufzeigt?

Kommisar Hjuler: Diese Frage kann nur jemand stellen, der ein völlig falsches Bild vom Staatsdiener hat, und meist entsteht ein falsches Bild als Antizipation des Generalized Other, es muss ja so sein. In keinem System hat die Polizei aus dem Betrachtungswinkel des Skeptikers etwas Gutes. Wäre es anders, was wäre dann? Was bedeutete das für den eigenen Denkansatz? Ein reziproker Ansatz? Ein Polizeibeamter handelt immer eigenverantwortlich, und – was keiner weiß – die linkspoltisch ausgerichtete Staatsanwaltschaft überprüft ihre Schäfchen zur Genüge.

Der Interviewer:  Du stammst aus dem hohen Norden, aus Flensburg. Hat dich dieser Umstand überhaupt und wenn ja in welcher Weise in deinem künstlerischen schaffen geprägt?

Kommisar Hjuler: Man legt viele tausend Kilometer mehr zurück, um irgendwo hin zu fahren.

Der Interviewer: Welche für dich bedeutsamen Stationen, Inspirationen und/oder Vorbilder gibt es, die dich auf deinem künstlerischen Weg begleiten?

Kommisar Hjuler: Anfang der 80er hörte ich Medium Medium „the glitterhouse“, dieser Band bin ich nachgejagt, nachdem ich selbst Musik machte, und heute produziere ich Split-Veröffentlichungen mit Medium Medium, dabei masturbiere ich, das verrate ich aber niemandem.

Der Interviewer: Oft ist da dieser Mix aus Naturmaterial (Holz) und Plastik, zum Beispiel bei den Puppen. Ist der Gedanke zuerst oder entsteht er erst aus der Konfrontation mit den verwendeten Materialien?

Kommisar Hjuler: Ich kann leider nicht mit besseren Materialien umgehen, und ich kann nicht malen. Das ist es, was mir bleibt, Holz zusammen nageln ersetzt Malerei.

Der Interviewer: Wie viel bedeutet dir die Irritation des Betrachters, der Kunst-Schock sozusagen? Bleiben die Betrachter – außer die im inneren Kreis (die Eingeweihten) eher außen vor oder schaffen sie den Zugang zu deiner Kunst bisweilen doch noch?

Kommisar Hjuler: Viele denken, ich will irgend wen schockieren, dass ich aber nur einfach ein anderes Schön im Hinterkopf habe, glaubt mir niemand, also brauche ich es erst gar nicht demjenigen gegenüber zu behaupten, der sagt, er sei nicht schockiert, wenn es so wäre, weil er das nur sagt, in der Hoffnung, von mir einen Anhalt geliefert zu bekommen, über den er sich dann aufregen darf, weil sich jeder andere in seiner Lage auch aufregen dürfte, ausgenommen ich, der ich mich da tatsächlich nur entspannt wieder fände, wo andere sich aufregen sollen/müssen/könne/dürfen. Die Zeit, wo Kunst irgend wen schockte, das war mal. Meine Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft, ich reagiere auf alle Einflüsse, und wenn das wen schockiert, dann sollte ihn die Umwelt, in der er lebt, viel eher schockieren.

Der Interviewer: Deine Performances unterstreichen deine Arbeit. Alles erscheint wie ein Fluss in einem gleichartigen Rhythmus, der an ein fernes Ufer treibt – ein wenig wie bei „Apokalypse Now“. Die Entfremdung der Menschen ist ja auch im realen Leben in der heutigen Zeit extrem vorherrschend. An welchen Puzzleteilen deiner Kunst kann der Betrachter beginnen den Zugang zu suchen?

Kommisar Hjuler: Das lässt er besser, nachher fließt er mit mir den Bach runter. Ich mache meine Kunst für mich, dass ich sie zeige, das ist reiner Abschreckunsgedanke, denn was sollen denn andere mit meiner Kunst anfangen?

Der Interviewer: Was bedeuten dir die klassischen Gattungen der Bildenden Kunst wie zum Beispiel die Malerei oder die Zeichnung? Inspirieren sie dich oder bedienst du dich ihrer lediglich?

Kommisar Hjuler: Ich lasse mich da immer mal wieder von Mama Baer beliefern und baue ihre Resultate mit bei mir ein, wenn es geht.

Der Interviewer:  Gibt es auch Installationen für den Außenbereich?

Kommisar Hjuler: Ja. Wenn wir einkaufen fahren oder zum Frisör gehen. Und neulich war ich zum TÜV.

Der Interviewer: Was für eine Antwort! Ich meinte natürlich, ob es von Euch Objekte oder Installationen im Draußen gibt!? Aber ok, weiter geht´s. Ein Mensch, ein Mann, nackt, den Kopf in einer Schüssel. Was sucht er? Die Brotkatze?

Kommisar Hjuler: Das ist aus der Not geboren, eine Cut-up-Collage live darzustellen, wie stelle ich eine minimal-kleine Pause und einen Löffelschlag gegen ein Glas auf der Bühne dar, wenn ich keinen Löffel, kein Glas und keine Zeit für Pausen habe?

Der Interviewer:  Künstler, zumindest Bildende Künstler sind sehr große Individualisten. Es ist oft schwer, ihre Ideen und ihren Elan in einem Gemeinschaftsprojekt zu bündeln. Dir gelingt das offenbar sehr gut mit deinem Projekt brotkatze collaborations. Was könnten die Gründe dafür sein. Wo liegt das Rezept?

Kommisar Hjuler: Das ist keine Gemeinschaft, ich lade gute Künstler ein, mit Vot.zekatze und Brotkatze mal richtige Kunst herzustellen, in der Hoffnung, dass ich meine Arbeiten zum Thema da irgendwann mal mit zustellen kann, ohne dass sie zu sehr auffallen.

Der Interviewer: Kannst du dir vorstellen, einmal ein ganz ruhiges Stillleben zu malen?

Kommisar Hjuler: Ich kann nicht malen, aber Stillleben mache ich schon jetzt, aus Packpapier, Pappe, gefundenen Objekten pp., und die strahlen auf mich Ruhe aus.

Der Interviewer: An vielen Projekten hast du bisher mitgewirkt und bist in vielen Ausstellungen vertreten. Wie reagieren die Betrachter auf deine Kunst?

Kommisar Hjuler: Die zähle ich gar nicht, ich bin eher traurig, dass ich nicht noch mehr Ideen umgesetzt bekomme, täglich schaffe ich es, mindestens zwei bahnbrechende Ideen nicht umzusetzen, und das macht mich traurig.

Der Interviewer: Welches war ein besonders auffälliges oder auch ein besonders komisches Ereignis?

Kommisar Hjuler: Der Auftritt bei der Zappanale mit unserere Noise-Version von Sofa No. 2 war etwas, was das Publikum verstört hatte, das hatte niemand dort erwartet, der Zappa-Fan ist nicht so offen für Musik, wie man denkt, sonst würde er musikalisch ja einen Schritt weiter sein, das war ein Schock für das Publikum, und das Festival war so aufgebaut, dass jeder Besucher unseren Auftritt über sich ergehen musste.

Der Interviewer: Was bedeutet dir der Begriff Kunst?

Kommisar Hjuler: Das Schaffen von etwas Neuem aus einem Ausgangs-Material, mit dem mindestens auch ein Außenstehender etwas anfangen zu können meint, auch wenn er es vielleicht falsch deutet.

Der Interviewer: Was macht für dich einen guten Künstler aus?

Kommisar Hjuler: Das Schaffen von etwas Neuem aus einem Ausgangs-Material, mit dem ganz viele Außenstehende etwas anfangen zu können meinen, auch wenn sie es vielleicht falsch deuten.

Der Interviewer: Wo sind deine Arbeiten zu sehen?

Kommisar Hjuler: Unsere größte Ausstellung ist unsere eigene web-Präsenz auf www.asylum-lunaticum.de, wo wir den Betrachter mit Musik, mit Film, mit Bildern und Text zuschütten. Wir sind aber auch ständig auf der Suche nach neuen Locations, also zögert nicht uns anzumailen, dann kommen wir und stellen etwas in einen Raum.

Der Interviewer: Besten Dank für das Interview!

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