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Cottbus Haus Brunschwig Feuer in der Mansarde

Einige Zeit wohnte ich im Gästehaus Brunschwig in der Lieberoser Straße in Cottbus. Es war eine Pension, in der sich unten rechts das Bezirkskabinett für Kulturarbeit befand. Es gab noch Stallungen und sogar einen Knecht mit dem bedeutungsvollen Namen Johann. Hinter dem Objekt ein Park, wo man Pferde von Frau Kern beobachten konnte. Frau Kern war eine liebevolle Frau, die ihr Abitur nachholte, als sie längst über 30 Jahre war. Hoch gebildet und die Freundlichkeit in Person. Im Haus befanden sich viele Kunstgegenstände und Gemälde. Oft saß ich im privaten Salon und wurde urplötzlich in eine andere Zeit versetzt. Mir gefiel das Ambiente, so ein bisschen Museum. Hin und wieder kam sogar eine echte Baronin zu Besuch. Mit OP-Handschuhen bekleidet, weil’s keine echten Glacéhandschuhe zu kaufen gab.

Im ersten Stock rechts wohnte ich in einer kleinen Mansarde. Auf der anderen Seite des langen Ganges wohnte in einem ebenso kleinen Dachzimmer ein berühmter Schauspieler, den ich mal Walter Oberhauser nennen möchte. Walter hatte immer Durst. Wenn er zu wenig getrunken hatte, kam er auf der Bühne nicht klar. Ging vor dem Auftritt zuviel durch die Kehle, war alles zu spät. Walter war Theater im Theater Cottbus. Er brauchte den „Goldenen Schnitt“, der so elende schwer rauszukriegen war.

Walter fragte mal, ob er sich ab und an mein Radio ausleihen könnte. Ich hatte nichts dagegen, mein Zimmer war nie abgeschlossen und er konnte sich bedienen. Auf eine wichtige Kleinigkeit machte ich ihn aufmerksam:
„Pass auf, Walter. Da ich einen schlechten Empfang habe, benutze ich meinen Tauchsieder als Antenne. Das klappt einwandfrei. Aber die Stecker darfst du nicht verwechseln. Ohne Sieder geht’s auch, aber da schwinden die Sender.“

Eines Nachts komme ich angeschwippst nach Hause und will mir noch ein bisschen Musik anstellen. Aber wo ist mein Radio ? Ich gehe zum Zimmer von Walter und bekomme einen riesigen Schreck. Das gesamte kleine Zimmer voller Qualm, der Tauchsieder glühte, das Radio hatte bereits Feuer gefangen und schmorte und der Stuhl war im Begriff, anzubrennen. Schnell zog ich den Stecker des Sieders raus, rannte in mein Zimmer, holte eine Decke, stauchte diese ins Wasser und düste wieder zu Walter. Die Decke über das schwelende Radio und den leicht brennenden Stuhl. Danach das kleine Dachfenster auf, wieder mit den Beinen unterm Arm in mein Zimmer und mein Fenster auf, um Zugluft entstehen zu lassen. Langsam verzog sich der Rauch und es roch jämmerlich.

Walter lag mit seinem hellbraunen Schaffellmantel besoffen auf seinem Bett und schnarchte. Ein Glück, er lebt ! Meines Erachtens war er eine reichliche halbe Stunde vor mir eingetroffen. Oh, war ich froh, nicht einer Einladung eines anderen Schauspielers in seine Wohnung gefolgt zu sein, um weiter zu tagen. Irgendetwas hatte mich nach Hause gewünscht. Eine Stunde später wäre für Walter alles zu spät gewesen und vielleicht auch für den Dachstuhl. Glück im Unglück ! Danke lieber Gott !

Nur schwer war es mir möglich, Walter wach zu kriegen. Endlich reagierte er und setzte sich. Sogleich fragte er:

„Sag‘ mal, was rauchst’n du für’n Zeug ? Das stinkt ja entsetzlich !“

LG Dieter Raedel, Prenzlmaler