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Freund Torsten in meiner Galerie

Seitdem ich in das Erdgeschoss zog, um aus einer Ladenwohnung eine private Galerie zu machen, was mir auch mit einem gewissen Kräfteaufwand gelang, hat sich das Verhalten von Freunden geändert. Ein Beispiel der besonderen Art leistete sich der Maler Torsten Stenzel, wir nennen ihn in dieser Story mal so, der vor dem Entstehen der Galerie ein recht freundliches Verhältnis zu mir hatte. Er wohnt ein Stückchen weiter runter in der Greifenhagener Straße und kommt fast täglich vorbei. Wie es der Zufall will, wohnt er zudem auf der selben Straßenseite. Als die Galerie am 12. Mai 2007 zunächst nur mit einem Raum eröffnet wurde, besuchte er mich kurz und lobte die Übersichtlichkeit im vorderen Galerieraum. Torsten hat in Berlin Malerei studiert und malt in der Hauptsache abstrakt. Viele seiner Bilder tragen eine individuelle Handschrift und stauen sich in seinen Räumen. Als der zweite Galerieraum hinzu kam und auch das hintere private mit Bildern bestückte Zimmer in einer Fluchtlinie von der Straße aus zu sehen war, hatte ich offensichtlich über das Ziel geschossen. Mein Freund Torsten benutzte nun generell die andere Straßenseite, um ja nicht mit mir in Berührung zu kommen. Sah ich ihn, sprudelte mein Gruß über die Straße zu ihm.

Eines schönen Abends rief mein Malerkollege an und teilte mir mit, er werde in wenigen Minuten bei mir aufkreuzen. Diese Androhung sagte er mit einer Bestimmtheit und einem gesprächsbegleitenden Gekicher, so dass mir klar war, der Mann hat einen in der Krone. Bald durfte ich ihn bei mir begrüßen.
„Hi, Karsten, prima dich mal wieder bei mir zu sehn. Komm wir gehn ins hintere Zimmer, da können wir ungestört quatschen.“
„Nee, lass mal Dieter, wir bleiben hier vorn. Dort hinten sieht uns ja keener !“
„Weshalb legst du Wert darauf, von den Passanten gesehen zu werden ?“
„Da können die sich davon überzeugen, dass endlich mal jemand im Laden is ! Hahahaaa ! Sag mal, wo hast’n du dein Telefon stehn, ich werde meine Freundin anrufen, die kann gleich mit von der Partie sein.“
„Na, da hinten im Zimmer.“
Torsten erreichte seine Freundin und wollte sogleich wieder nach vorn.
„Torsten, am besten wir bleiben hier hinten, da können wir bei geöffneten Fenstern rauchen.“
„Nee, nee, da vorne is’es besser. Die Bude ist groß genug, da kann sich der Rauch ausbreiten. Das fällt doch gar nich auf. Hahaha !“
„Ich rauche ansonsten nur in der Küche …“
„Ausnahmen bestätigen die Regel. Hol‘ einen Ascher und mach`nicht eenen auf großen Künstler. Bring gleich den Flaschenöffner mit. Hahahaa !“

Was blieb mir anderes übrig, als seine gewünschten Utensilien zu holen ? Meine Psyche hing schief. Irgendwie hatte sich ein Kloß in meiner Kehle verklemmt und meine ureigenste lustige Grundstimmung kam ins Wanken. Genau hinter dem Schaufenster stehen ein kleiner runder Tisch und zwei Stühle, die mir eine Bekannte, ebenfalls als Malerin tätig, für den Raum besorgte. Torsten machte innerhalb von wenigen Minuten meine Galerie zu einer Kaschemme. Die erste leere Bierflasche stellte er ins Schaufenster zwischen die ausgelegten Zeichnungen hinter Glas. Noch nie habe ich meinen Kollegen so intensiv rauchen sehn und es dauerte nicht lange, da degradierten blauweiße Rauchschwaden meine Gemälde zu Rauchfängern. Ich öffnete von Zeit zu Zeit die Galerietür und rauchte auf der Türschwelle stehend. Bald kam seine Freundin hinzu und die Biersause und Raucherei wurden verdoppelt. Da langsam die Dunkelheit einsetzte, musste der Raum zur Freude von Torsten beleuchtet werden. Die Blicke der Passanten verrieten nichts Gutes. Von seinem Theater, an dem er seit kurzer Zeit als Bühnenmaler tätig ist, brachte er ein kaschiertes Hähnchen mit, spielte ununterbrochen mit großem Gestus damit, um die Aufmerksamkeit der Fußgänger auf sich zu ziehen. Schließlich knallte er den „Broiler“ auf eine Zeichnung und an dieser Stelle platzte mir der Kragen.
„Torsten jetzt ist Feierabend ! Ich habe noch etwas anderes zu tun.“
„Bei uns noch nicht. Jetzt geht’s erst mal richtig los. Ich hoffe, dass du unseren Besuch noch eine Weile in Erinnerung behalten wirst ! Hahaha !“
Sein Besuch blieb mir in Erinnerung …