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Künzelsau und seine Warzenfrau

Sie ist schon in die Jahre gekommen, das Warzenmütterchen. Keiner weiß eigentlich genau, wie alt sie ist. Man munkelt, sie käme vom Malerviertel Taläcker, wo sich Kandinsky, van Gogh, Chagall, Rembrandt und unsere Berliner Käthe Kollwitz die Hände reichen. Fast jede Straße ist nach einem Maler benannt. Irgendwann sei sie mit der Bergbahn ins Tal gerutscht und sei dort hängen geblieben.
Eines schönen Tages bekam sie am rechten Knie eine Warze, die sich bis zur Größe einer Wallnuss entwickelte. Ihr Hornexemplar nannte sie auch Nusswarze, obwohl es sich um eine Dornwarze handelte. Schulmediziner suchte sie nicht auf. Als sie sich keinen Rat mehr wusste, wie sie ihre immer größer werdende Kniewarze wegkriegen sollte, setzte sie sich an den Kocher. Kocher ist ein Fluss, der zum Neckar will, und dachte über ihr Schicksal nach. Es plätscherte und aus dem Fluss hörte sie eine kindliche Stimme:
„Sprich dein Knie an ! Sprich dein Knie an !“, wonach der kleine Fisch verschwand.
Lange Zeit wusste sie damit nichts anzufangen und überlegte, ob das Gehirn ihr einen Streich spielte. Eines Abends saß sie auf ihrem Bett und betrachtete ausgiebig ihren Hornberg. Und da hörte sie in Gedanken wieder die Stimme:“Sprich dein Knie an !“

Da ihr Mann schon mehrere Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte, begann sie auf die Warze einzusprechen und zwar so, als ob es ihr seliger Mann wäre. Sie vermeinte Widersprüche zu ihrer Denkungsart zu hören und die konnte sie nicht ausstehn. So rief sie ganz laut: „Hau doch endlich ab, ich will meinen Frieden ! Hinweg mit dir und lass‘ dich niemals wieder sehn !“ Danach legte sie sich zur Ruhe.
Als sie bedächtig nach einer Woche ein Bad nahm, strich sie wie üblich sorgenbeklommen über ihr Knie und hielt sogleich inne. Irgendetwas stimmte nicht. Wo die gewaltige Warze ihr Domizil hatte, spürte sie glatte Haut. Sofort dankte sie dem lieben Gott und stieg ungläubig aus der Wanne. „Das Gespräch scheint geholfen zu haben. Es ist ein Wunder geschehn.“ Sie betete in allen Kirchen der Stadt und war sogar im Gaisbacher Königreichssaal, ohne ihren Grund jemanden zu nennen.

Einige Zeit später erfuhr sie während eines Schwätzchens, dass eine Frau ein regelrechtes Warzenbeet in der Hüftgegend habe und die Ärzte mit ihrer Vereiserei und Schneiderei die Sache nur noch verschlimmert hätten. Gutmütig wie sie war, erzählte sie der Frau die Wundergeschichte und lud die Frau zu sich ein.
„Können Sie das bei mir auch versuchen ?“
„Wenn Sie meinen, probieren kann man es, doch ob’s helfen wird, weiß nur Gott allein. Setzen Sie sich am besten dahinten in die Ecke und ich werde versuchen, mit meinen Gebeten auf die Warzen einzuwirken.“
Nun hörte man ein Gejammer, wobei sie jeden Satz mit einem Kopfnicken unterstrich und so sich äußerst intensiv mit der Angelegenheit befasste.
„Das muss reichen. Habe noch im Garten zu tun.“
„Was bin ich Ihnen schuldig ?“
„Gottes willen, lassen Sie Ihr Geld stecken, war doch nur ein Versuch.“

Die vom Mütterchen behandelte Frau hatte bald keine Warzen mehr und ihr Sohn interessierte sich übermäßig für die Geschichte.
„Mensch, dass ist doch die Chance, ordentlich Zaster zu verdienen ! Wir machen ’ne Praxis auf und geben die Sache ins Internet. Zunächst als Ratsuchende für Kinder von alten Leuten, und wenn genügend angebissen haben, verweisen wir auf unsere Homepage. Ich lach‘ mich reich ! Wetten, die kommen mit ihren Omis von Meckpom, um sich bei mir behandeln zu lassen. Hahahahaaa ! Vater mach‘ Licht, mein Horizont verdunkelt sich !“

Wie die Sache beim neuen Wundertäter ablief, verehrte Leser, erfahrt ihr in einer anderen Geschichte. Das alte Mütterchen hingegen, wollte vom Warzenbesprechen nichts mehr wissen, da laufend jemand vor ihrer Tür stand, um ihre Ruhe zu nehmen.

LG Prenzlmaler Dieter Raedel.