Prenzlberg Galerie Greifenhagener Der Auftakt

Als ich vom ersten Stock des Hauses in das Erdgeschoss der Greifenhagener 15 im Berliner Prenzlberg zog, wollte ich alle Gegenstände, die für mich nicht passend erschienen entsorgen oder verschenken. Wie ein Student wollte ich leben. Nur die Reduzierung des Hausrates und mir überflüssig erscheinender Gegenstände würde mein Ziel verwirklichen, einen Raum als Galerie zu nutzen. Es war beschlossene Sache.

Andere Leute besitzen Zweitwagen und sind nicht immer glücklich, weil Bekannte sie mit neueren Prunkfahrzeugen ausstechen. Bei mir ist das anders. Ich besitze eine Sackkarre und ein altes Damenfahrrad. Mehr brauche ich nicht. Will ich ins Grüne, gibt’s die öffentlichen Verkehrsmittel. So transportierte ich eine Kücheneinrichtung, zwei Tische, zwei Korbstühle und viele anderen Sperrgüter per Sackkarre zur Berliner Stadtreinigung. Die Flaniermeile Schönhauser Allee hoch und danach links die Schivelbeiner runter. Die Installationen der zu entsorgenden Gegenstände auf der Karre sahen äußerst merkwüdig aus, Marcel Duchamp und andere Aktionskünstler hätten mich beneidet. Einmal wurde ich von einer Zigeunerin kurz von der Entsorgungsstelle gestoppt. Alles was mit Eisen zu tun hatte, wollte sie unbedingt haben. Ein 80 bässiges Akkordeon hatte ihr es besonders angetan und ein Plattenspieler wechselte ebenso den Besitzer. Acht derartige Fuhren gab es.

Nun sortierte ich Gebrauchsgegenstände aus, die noch zu gebrauchen waren und stellte diese tagelang auf den Sims des Schaufensters. Vasen, Keramik, Mundharmonikas, Blockflöten, Töpfe, Pfannen und eine riesige Zierpflanze. Innerhalb kurzer Zeit war alles verschwunden. Zettel signalisierten den Passanten, dass es sich um Sachen zum Mitnehmen handelte. Ein nagelneues Teeservice mit Originalverpackung und ein
Kaffeeservice, ebenfalls nie benötigt, wurden besichtigt und anschließend per Auto abtransportiert. So viele glückliche Gesichter sah ich nie wieder in meiner Straße. Da mich meine Frau kurz nach dem Mauerfall verlassen hatte, legte ich Wert darauf, möglichst viele Exponate, die mich an die Ehe erinnerten, verschwinden zu lassen. So machte es mir großen Spaß, die ehemaligen Hochzeitsgeschenke, zwei Flamingos und eine Giraffe aus Meißner Porzellan, ins Schaufenster zu stellen und diese als Geschenke der Öffentlichkeit anzubieten. Über Ebay wollte ich nichts versteigern, das passt nicht zu mir. Nur zögerlich betrat man den Raum, da das Porzellan sehr wertvoll war. Da ich aber meiner Frau den Effenbergfinger gedanklich zeigen wollte, war ich glücklich, als die Porzellanfiguren mit den blauen Schwertern verschwanden.

Nun wurden die Bücher aussortiert und auf den Sims gestellt. Zuweilen herrschte Hochbetrieb am Schaufenster. Das ging mehrere Tage so. Mein Sohnemann besuchte mich und war sprachlos. Er fragte mich, warum ich die Bücher nicht in die Antiquariate schaffe, um damit ein bisschen Geld zu machen. Als ich ihm freistellte, meine Bücher zu verscherbeln, wollte er davon kurioserweise nichts wissen. Bücher sind bekanntlich schwer. Es war viel leichter, diese einfach auf der Straße anzubieten. An die 1000 Bände verließen mich glücklicherweise für immer. Darunter befand sich auch Kunstliteratur. Was will ich mit 16 Ausgaben van Gogh’s ??? Die wirklich kostbaren Ausgaben von Vincent wurden nicht verschenkt. Etwas später reduzierte ich den Rest der Bücher erneut und eine Bekannte war so nett, diese mir abzunehmen. Sie bot die Exemplare über Ebay an und was da nicht gekauft wurde, ging hernach für einen Euro in der Nähe der Gethsemanekirche ab. Darüber freute ich mich ebenfalls, da ich die junge Dame sehr schätze. Sie wollte mal Malerei studieren und nun verkaufte sie Kunstbände für einen Euro.

Die große Aktion war so umfassend erfolgreich, dass sogar eines Tages ein zweiter Galerieraum eröffnet werden konnte, für Besucher, die gar nicht eintrafen – und damit mein neues Glück, Ruhe zu haben. Und es freute mich, endlich glückliche Gesichter in dieser Gegend gesehen zu haben, die mir in freudiger Erinnerung bleiben.

Die Beschenkten kauften nie etwas in meiner Galerie – noch nicht einmal eine Gemälde – Replik vom Prenzlauer Berg für 13 Euro !!!

LG Prenzlmaler Dieter Raedel.

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