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Bei Suche nach Bernstein in Dranske fast erfroren

Kurzgeschichten von Prenzlmaler Dieter Raedel aus Berlin Prenzlauer Berg.

1985 befasste ich mich mit jeder erreichbaren Literatur, die sich mit Bernstein befasste. Als Sammler von Fossilien hatte es mich wieder einmal gepackt, Bernsteine an der Ostsee aufzuspüren und möglichst Inklusen, Einschlüsse von Tieren und Blättern, in dem Harz zu finden. Diese neu aufbrechende Leidenschaft sollte sich lange Zeit bei mir errhalten. Mit meinem Wartburg-Tourist, der mit allen möglichen Requisiten für meine „Forscher- tätigkeit“ ausgerüstet war, fuhr ich zunächst zur Insel Rügen, um Ausschau nach Sprock- stellen zu machen.
Dieses Wort findet ihr nicht im Duden, es hat plattdeutschen Ursprung. Es sind Stellen an der Küste, wo durch Biegungen windgeschützte Stellen entstehen und sich Holz-und Kohleteilchen ansammeln können. Das sind günstige Stellen, wo man kleine Bernsteine mit etwas Glück finden kann.

Mein Auto ließ ich an einem Plattenweg stehn, der zur Küste ging. Ich holte mein Mini – Rad aus dem PKW und fuhr in der Nähe von Dranske mit dem Rad ostwärts, was mir ein reines Vergnügen bedeutete, da ein kräftiger Rückenwind aus Osten die Fahrt erleich- terte. Manchmal musste ich absteigen und mit viel Mühe meinen Weg durch umgestürzte Bäume suchen. Von der Urwüchsigkeit der einsamen wilden Küstenlandschaft war ich
fasziniert. Weit und breit kein einziger Mensch.

Langsam wurde es kälter und ging zum Abend zu und ich beschloss, den Rückweg anzu- treten. Nach wenigen Minuten ließen meine Kräfte nach, da der Gegenwind mir sehr zu schaffen machte und immer kälter wurde. Es dauerte nicht lange und ich konnte nur noch mein Fahrrad schieben, wobei ich den Kopf nach links zur Seite hielt, um den kalten Wind nicht ins Gesicht zu kriegen. Die Pausen meines Tripps in Richtung Dranske wurden
immer häufiger. Der eiskalte Wind brachte mir erhebliche Schmerzen in der Ohren – und Schläfengegend. Die Schritte wurden immer langsamer. Schließlich ging ich am Strand rückwärts, das Rad hinter mich herziehend. Die Schmerzen im Kopf nahmen zu und ich suchte oft an windgeschützten Stellen hinter Bäumen Ruhe, um meinen Wärmehaushalt
nicht auf Null sinken zu lassen. Während dieser Pausen lag das Rad am Strand. So quälte ich mich verängstigt langsamen Schrittes ostwärts, ohne zu wissen, wo ich eigentlich mich genau befand.

Plötzlich standen zwei Grenzsoldaten vor mir und ich verstand nicht, was die von mir wollten. Erst viel später wurde mir klar, dass die Küste ja Grenzgebiet war. Sie wollten meinen Ausweis, doch meine Finger waren so klamm, so dass ich nicht in der Lage war, meine Kleidung zu öffnen. Die Soldaten merkten jedoch, dass ich am Ende meiner Kräfte war, da beim Sprechen mein Unterkiefer klappererte. Der eine Soldat nahm mein Rad und wir gingen in eine Waldzone. Endlich wurde es windstiller.

Inzwischen nahm die Dunkelheit zu und bald saß ich in einem Raum der Grenztruppen der DDR. Sie machten mir heißen Tee und ich bekam sogar etwas zu ssen. Zitternd schlürfte ich den Tee und erzählte ihnen stotternd, dass ich aus Berlin komme und auf der Suche nach Stellen bin, wo man eventuell Bernstein finden kann. Ich habe irgendwo an einem Plattenweg meinen Wartburg-Tourist stehn. Sie fragten mich nach dem Kennzeichen. Ich sagte ihnen, dass der Wagen an allen Seiten mit „Clown-Boony-Schau“
beschriftet sei. Als sie erfuhren, dass ich ein hauptberuflicher Kinderclown und Pantomi- me war, wurden sie außergewöhnlich freundlich zu mir. Auch sollte ich beschreiben, was sich in dem Fahrzeug befand. Unter anderem waren da zwei große rote Plastikschüsseln, die ich ebenfalls für meine Bernsteinsuche brauchte. Ich erzählte ihnen, wie das gemacht wird und wie das alles funktionieren soll. Als ich mit den Schilderungen endete und wieder klar ansprechbar war, sagte man mir, dass man längst meinen Wartburg gesehen hätte und man mich auch lange Zeit an der Küste beobachtet habe. Mit einem Jeep fuhr man mich in totaler Dunkelheit zu meinem Auto. Ab einer gewissen nächtlichen Zeit, war das Betreten dieses Küstenstreifens verboten, was ich nicht wusste. So gab es keinerlei
weitere Schwierigkeiten für mich und ich war den Soldaten sehr dankbar, mich so human behandelt zu haben. Allerdings war ich am nächsten Tag bereits erneut an der Dransker Küste, diesmal in der Nähe des Ortes.
Als es Abend wurde, trat ich den Rückweg an und in der Nähe meines Autos sprach mich ein Grenzsoldat an: „Na, Herr Raedel, was gefunden ?“
Ich war baff, man kannte mich inzwischen. Stolz zeigte ich ihm zwei Bernsteine, die ich an der Küste in Dranske an jenem Tag gefunden hatte.
„Sie scheinen eine Nase dafür zu haben. Herzlichen Glückwunsch !“

Gruß Dieter Raedel, Prenzlmaler.